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Galerie: Bericht 30 Jahre Renault Espace

Bericht: 30 Jahre Renault Espace

Völlig losgelöst

30.04.2014

Renault war schon für manche praktische Überraschung gut. Mit dem unkonventionellen R4 hatten die Franzosen im Jahr 1961 den ersten Kleinwagen mit Kombiheck und variablem Innenraum vorgestellt, mit dem Renault 16 vier Jahre später die Heckklappe und das Schrägheck in die Mittelklasse eingeführt. Aber der Espace übertraf alles.

Als im Mai 1984 die erste Pressemitteilung den Espace als neuen Großraum-Pkw von Matra (damals ein französischer Sportwagenspezialist) und Renault ankündigte, wussten selbst Fachmagazine nicht richtig, wie sie das fremdartig und futuristisch aussehende Auto einordnen sollten. War es ein Transporter, Kleinbus, Kombi oder doch eine Limousine? Völlig losgelöst von bestehenden Karosseriekonzepten schien der neue Franzose konzipiert worden zu sein.

Andererseits gab es vergleichbare Raumschiffe bereits seit einigen Jahren. Die Japaner und Amerikaner hatten schon ab Ende der 1970er Jahre verschiedene Konzepte im heute so populären One-Box-Design, also ohne optische Trennung von Passagier,- Gepäck- und Motorraum präsentiert, aber erst der Renault Espace machte die Raumgleiter in Europa zum Volumensegment. Mittlerweile in vier Generationen, mit der fünften gerade auf der Startrampe.

Leise Revolution

Ideen haben häufig viele Väter, vor allem wenn sie sich im Nachhinein als gut herausstellen. Und die Idee, Pkw-Passagieren und ihrem Gepäck mehr Platz durch eine neue Raumaufteilung zuzugestehen, war geradezu genial. Denn damit war der Van geboren, ein Crossover aus Kleinbus und Limousine. Viele wollen hier der Vorreiter gewesen sein. Genannt seien etwa Plymouth (Chrysler) Voyager, Mitsubishi Space Wagon oder Nissan Prairie. Sicher ist nur, dass Renault die europäische Autowelt revolutionierte, als der spacig aussehende Espace (französisch für Raum) vor 30 Jahren zum Inbegriff des Familien- und Freizeittransporters wurde. Wobei sich diese Revolution anfangs überraschend still und leise vollzog, auf die übliche lautstarke Premierenparty bei einer  Automobilmesse verzichteten die Franzosen nämlich.

Stattdessen schickte Renault den Espace passend zum französischen Ferienbeginn in die Schauräume der Händler, also zu einer im Autogeschäft traditionell ruhigen Zeit. So konnten sich Händler und Kunden ganz allmählich an den fremdartigen Espace mit futuristischer Linie im Stil eines Space Shuttles oder des Hochgeschwindigkeitszugs TGV gewöhnen. Tatsächlich aber verlief der Marktstart des Trendsetters so ruhig, dass er bei Renault für eine Schrecksekunde sorgte: Im ersten Verkaufsmonat gingen lediglich neun Bestellungen ein. Am Ende des Jahres waren es dann immerhin 5.923 Einheiten des neuartigen Minivans, die Renault-Kooperationspartner Matra baute.

Stetiger Höhenflug dank wandelndem Freizeitverhalten

Galerie: Bericht 30 Jahre Renault EspaceWas damals noch niemand für möglich gehalten hatte: Der erste Espace erlebte einen gemächlichen, aber stetigen Höhenflug, der ihm erst im letzten Verkaufsjahr vor dem 1991 erfolgten Generationenwechsel sein Allzeitabsatzhoch bescherte. Beste Basis für den Nachfolger, das neue Marktsegment weiter auszubauen und für Renault Anlass, das Monospace-Konzept auf andere Klassen zu übertragen. So folgten 1992 der kleine Twingo und 1996 der Scénic als erste kompakte Raumlimousine.

Welcher neue Trend wurde von Renault und Partner Matra damit erkannt? Es war das sich wandelnde Freizeitverhalten der Bevölkerung. Erst in den 1980er Jahren wurde der Sport in alle Winkel der Gesellschaft getragen. Doch die Automobilhersteller waren auf all die Golfbags, Surfboards und Fahrräder, die in den Kofferräumen plötzlich Platz verlangten, mit konventionellen Kombis nicht ausreichend vorbereitet. Die innere Größe bei bescheidenen äußeren Abmessungen wurde ein Wohlfühlmaßstab für Autos. Am besten noch in Kombination mit neuen Komfort-Ausstattungen und schickem Design. An letzterem fehlte es sogar den japanischen und amerikanischen Van-Vorreitern noch, die bisweilen an Mannschaftstransporter erinnerten, ebenso den Pkw-Versionen von Transportern wie VW Bulli und Ford Transit.

Effiziente Raumausnutzung

Galerie: Bericht 30 Jahre Renault EspaceKennzeichen der neuen Designlinie waren die weit nach vorn gezogene Windschutzscheibe und die gleichmäßig nach hinten ansteigende Frontpartie mit kurzer Motorhaube. Darunter verbargen sich 2,0-Liter-Benziner und etwas später auch 2,1-Liter-Diesel. Dieses Konstruktionsprinzip erlaubte eine Raumausnutzung von bislang nicht erreichter Effizienz: Bei einer Länge von nur 4,25 Metern und einer Breite von 1,78 Metern offerierte das Raumfahrzeug hohen Reisekomfort für sieben Erwachsene. Amüsantes Detail: Sogar Männer mit Hut hatten laut erstem Pressecommuniqué kein Platzproblem dank 1,66 Meter Innenhöhe. Der Mann mit Hut war zwar damals bereits Inbegriff der Spießigkeit, aber der Espace passt eben zu jedem.

Ganz neu in einem Pkw: Dank der drehbaren Vordersitze konnten sich die Passagiere bei der Rast buchstäblich einander zuwenden und das Mahl von dem zum Tisch wandelbaren Mittelsitz genießen. Überhaupt war die Variabilität der besondere Clou des Espace. So verfügte er über Einzelsitze, die sich erstmals in solcher Vielfalt je nach Bedarf im Innenraum anordnen ließen. Dazu kamen zahlreiche außergewöhnliche, teils optionale Komfortdetails wie Klimaanlage (damals nicht einmal in der Mercedes S-Klasse Standard), Infrarot-Zentralverriegelung (eine Renault-Erfindung), Klapptische an den Sitzlehnen, Leselampen und gleich zwei große Panorama-Sonnendächer.

1974: Abgeleitet von einem Transporter führt der Chrysler-Konzern den ersten Voyager ein

1977: Nissan präsentiert auf Basis eines Nutzfahrzeugs das Van-Concept Homy

1978: Philippe Guédon, technischer Leiter des Automobilherstellers und Technologiekonzerns Matra, begeistert sich für die amerikanischen und japanischen Ideen des Van-Konzepts. Guédon beauftragt den Matra-Chefdesigner Antoine Volanis mit dem Entwurf eines solchen Fahrzeugs, um das Matra-Programm auszubauen. Matra produziert damals den Rancho (Crossover-Modell auf Basis des Simca 1100) und den dreisitzigen Sportwagen Bagheera

1979: Im März präsentiert Volanis das erste Concept Car einer Großraumlimousine, mit nur einer Tür auf der Fahrerseite. Im Juni entsteht das Concept P16, nun mit vier Türen und Heckklappe. Als seriennahe Studien debütieren der Mitsubishi Space Wagon und der Toyota Family Wagon, aus dem die Exportversionen Model F bzw. Space Cruiser hervorgehen

1981: Nach einer Studie mit dem Code P17 in kompaktem Format präsentiert Matra im April den fahrfähigen Entwurf P18, jetzt mit 1,6-Liter-Benziner. Weder Matra-Kooperationspartner Peugeot noch Citroen sind an einer Serienversion interessiert

1982: Renault-Chef Bernard Hanon begeistert sich für die Studie P23 mit der Technik aus den Renault Modellen 18, 25 und Fuego. Der Nissan Prairie wird in Japan vorgestellt und eingeführt. Internationaler Vertriebsstart für den Mitsubishi Space Wagon

1983: Im Juni unterzeichnen Renault und Matra einen Kooperationsvertrag, wonach die Produktion des neuen Modells bei Matra erfolgt. Verkaufsstart für den Plymouth (Chrysler) Voyager

1984: Im Mai kündigt Renault den Espace als neuen „Großraum-Pkw von Renault und Matra“ an. Die Vorserienproduktion startete bereits im März. Marktstart ist in Frankreich im Juli als Espace 2000 GTS und 2000 TSE mit 81 kW/110 PS starkem 2,0-Liter-Vergaser-Benziner. Im Dezember folgen Espace Turbo D und Turbo DX mit 65 kW/88 PS leistendem Diesel-Vierzylinder. Ende des Jahres Markteinführung auf allen wichtigen europäischen Märkten

1986: Im Juli technische Auffrischung mit neuem Getriebe aus dem Renault 25 und 2,2-Liter-Benziner mit Einspritzung

1987: Im Juni erreicht der Espace die Gesamtstückzahl von 50.000 Einheiten. Die Renault-Tochter Alpine soll in Dieppe ebenfalls den Espace fertigen

1988: Erstes umfassendes Facelift mit neuer Frontgestaltung, größeren Heckleuchten und neuer Heckklappe. Wahlweise gibt es den Espace nun auch mit Allradantrieb und geregeltem Drei-Wege-Katalysator. Ab Dezember steht optional ABS zur Verfügung

1989: Im März läuft der 100.000ste Espace vom Band

1990: Sonderserie mit Connolly-Lederausstattung. Ab April ist eine Niveauregulierung für die Hinterachse verfügbar

1991: Im Februar läuft ein völlig neuer Espace an. Der erste Generationenwechsel

1996: Im Juli rollt der 500.000ste Espace vom Band

1997: Die dritte Espace-Generation wird vorgestellt

2002: Die vierte Espace-Generation steht auf der selben Plattform wie Renault Laguna und Vel Satis. Die Produktion wird von Matra zu Renault verlagert

2014: Passend zum 30. Geburtstag macht sich eine neue Espace-Generation startklar

2,0-Liter-(80 kW/109 PS bzw. 81 kW/110 PS)-Vierzylinder-Benziner, ab 1984

2,2-Liter-(79 kW/107 PS)-Vierzylinder-Benziner, ab 1986

2,1-Liter-(65 kW/88 PS)-Vierzylinder-Diesel, ab 1984

Renault Espace (1984-1991) insgesamt 191.674 Einheiten, davon 46.585 Einheiten im Jahr 1990,  43.177 Einheiten im Jahr 1989, 31.088 Einheiten im Jahr 1988, 22.948 Einheiten im Jahr 1987, 18.794 Einheiten im Jahr 1986, 13.825 Einheiten im Jahr 1985, 5.745 Einheiten im Jahr 1984.

Rostfrei und unempfindlich

Gänzlich neu war auch die außergewöhnliche und leichtgewichtige Karosseriekonstruktion des Espace. Eine tragende Struktur aus feuerverzinktem Stahl wurde mit Kunststoffpaneelen verkleidet. Das damals noch entscheidende Thema Rost hatte sich damit für den praktischen Familienfreund erledigt, der zudem unempfindlich auf kleinere Parkrempler reagierte. Schließlich waren die heutigen Parkassistenten noch unbekannt, stattdessen wurde vor allem in Frankreich nach Gehör in Lücken rangiert. In Fahrwerk und Fahreigenschaften verfügte das Raumfahrzeug dagegen über Limousinenqualitäten, wie die zeitgenössische Fachpresse begeistert konstatierte. Wirklich verwunderlich war das indes nicht, verfügte der Espace doch über ein aufwändiges Fahrwerk mit einzeln an Doppelquerlenkern und Feder-Dämpfer-Einheiten aufgehängten Vorderrädern und einer Verbundlenker-Hinterachse plus Panhardstab und ab 1988 sogar über optionalen Allradantrieb.

Während die komplette Fahrzeug-Technik von Renault stammte, kam das geniale Karosseriekonzept von Matra. Tatsächlich hatte die Geschichte des Renault Espace auch bei Matra im Jahr 1978 ihren Anfang genommen. Der Hersteller des exzentrischen Kunststoff-Sportwagens Bagheera und des Crossover-Modells Rancho in Offroadoptik versuchte die Van-Idee auf Pkw zu übertragen. Philippe Guédon, damals technischer Leiter des Unternehmens, beauftragte den Designer Antoine Volanis mit dem Entwurf eines solchen Fahrzeugs im One-Box-Design. Allerdings fehlte es den Matra-Kooperationspartner Peugeot (Bagheera und Rancho wurden über Simca/Talbot/Peugeot-Händler vertrieben) am Mut für einen solches Fahrzeug. Nicht einmal die sonst so innovationsfreudige Marke Citroën wagte sich an das Projekt.

Drei Generationen lang von Matra

Erst Renault-Chef Bernard Hanon erkannte 1982 das Potenzial auf den ersten Blick: „Zu diesem Auto kommt man von selbst, wenn man alle automobilen Eitelkeiten beiseite lässt.“ Hanon gab grünes Licht für die Serienentwicklung, wobei Matra die Produkt- und Fertigungsentwicklung übernahm. Eine Kooperation, die über drei Espace-Generationen bis 2002 währte. Dann übernahm Renault die Produktion der gerade vorgestellten vierten Espace-Serie mit dem Ziel, den Raumgleiter in Richtung Produktionsmillionär zu beschleunigen. (mg/sp-x)

 
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