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Galerie: Bericht 40 Jahre Nissan Cherry

Bericht: 40 Jahre Nissan Cherry

Von Alfa bis X

10.07.2012

Es waren die Tage des traditionellen Kirschblütenfestes als die Nissan-Manager ihr Startaufgebot für die Eroberung des deutschen Marktes definierten. Speerspitze beim Vorstoß auf das 123. und vielleicht schwierigste Exportland sollte im Sommer vor 40 Jahren der Cherry ("Kirsche") werden, Nippons erster moderner Mini, der technisch sogar den meisten europäischen Kleinwagen vorausfuhr.

Mit Frontantrieb, quer eingebautem und ebenso munterem wie sparsamem 45-PS-Vierzylinder sollte der gefällig gezeichnete Cherry schon im Vorfeld alle Vorurteile gegenüber der Marke Datsun, unter der die Nissan-Modelle anfänglich exportiert wurden, ausräumen. Schließlich wurden japanische Autos damals hierzulande oft genug noch als Reisschüsseln verspottet.

Als aber der Cherry in Vergleichstests den modischen Kult-Kleinwagen Renault 5 schlug und gleichzeitig der sportliche Imageträger Datsun 240Z bei der Safari-Rallye den Porsche 911 davonfuhr, schlug die öffentliche Meinung um: Nissan/Datsun und die anderen japanischen Marken wurden nun erstmals in Europa als "gelbe Gefahr" bezeichnet. Zumindest was Nissans Kompetenzen im Kleinwagenbau anging, war dies nicht ganz unberechtigt. Der Cherry entwickelte sich zum frühen japanischen Bestseller, der erschwinglich und in konkurrenzloser Karosserievielfalt als erster Datsun in Deutschland über 100.000 Zulassungen erzielte.

Nachfolger hießen Sunny und Micra

Galerie: Bericht 40 Jahre Nissan CherryIn vier Generationen und sogar mit Alfa-Romeo-Logo sorgte der Cherry in Europa für Furore, dann machte er 1986 Platz für gleich zwei Nachfolger, den etwas größeren Sunny mit Schrägheck und den frech-fröhlichen Micra als neuen Liebling weiblicher Autofahrer. Erfolgreich war der Cherry nicht nur in den Verkaufsstatistiken, er war auch Musterknabe in Mängellisten der deutschen Prüf- und Pannendienste. Was ihn am Ende aber nicht davor feite, verschrottet und vergessen zu werden, so wie andere Massenautos, denen eine zeitlose Aura fehlt.

Als er endlich nach Deutschland kam, war der Cherry in seiner Grundkonzeption bereits sieben Jahre alt. Als ebenso praktisch wie pfiffig gestyltes Stadtauto mit Frontantrieb sollte der Cherry ursprünglich die japanische Premiummarke Prince in den kleinen Klassen etablieren und dem Erfolg des auch in Japan bewunderten englischen Mini nacheifern. Prince war allerdings Mitte der 1960er Jahre von Nissan übernommen worden und so wurde der Cherry 1970 zum schicken Lifestyle-Mobil mit Nissan beziehungsweise Datsun-Signet. Im damals eher biederen und konservativen Kleinwagenangebot japanischer Marken wurde der ebenso praktisch wie pfiffig gezeichnete Nissan Cherry 100A ein Volltreffer, der modebewusste Frauen ebenso ins Herz traf wie karrierebewusste junge Männer, die ihr steuer- und abgabenbegünstigtes 360-ccm-Kei-Car gegen ein vollwertiges, familientaugliches Fahrzeug tauschen wollten.

Futuristischer X

Galerie: Bericht 40 Jahre Nissan CherryZudem gab es den Cherry schon bald als zwei- und viertürige Stufenhecklimousine, als geräumigen dreitürigen "Combi" mit fast extravaganter Linienführung und als exaltiert gezeichnetes und leistungsstärkeres Coupé 120A, das sogar motorsportlichen Ansprüchen genügte und bei nationalen Rennserien startete. In Europa sammelte der Cherry dank seiner robusten Konstruktion später sogar einige Lorbeeren bei Rallye-WM-Läufen. Einen Cherry als Dream Car enthüllte Nissan dagegen 1970 auf der Tokyo Motor Show in Form des futuristischen 270X. Ein Konzept-Fahrzeug, das auch die Amerikaner auf den ersten wirklich kleinen Nissan/Datsun einstimmte. In den USA wurde der winzige Japaner über rund 1.000 Händler angeboten und fand vor allem in Coupéform als kleiner Bruder der legendären 240Z- bis 300Z-Sportwagen erstaunlich viele Liebhaber.

Die Limousine und der Combi wiederum boten auf nur 3,61 Metern Länge Platz für vier Erwachsene und viel Gepäck, das bequem durch die weit aufschwingende Kofferraumklappe beziehungsweise die Hecktür eingeladen werden konnte. Dank kleinen Wendekreises von nur 9,2 Metern und einer oft in Testberichten gelobten Übersichtlichkeit wieselte der flotte Fronttriebler flink durch dichtesten Verkehr und in knappe Parklücken. So konnte der Cherry sogar in den Heimatländern von Rivalen wie Peugeot 104 oder Fiat 127 und 128 Achtungserfolge erringen – obwohl die Südeuropäer ihre Automobilkonzerne mit allen handelspolitischen Mitteln vor japanischen Importen schützten.   

Konkurrenz aus der Heimat

Galerie: Bericht 40 Jahre Nissan CherryDann wurde der Cherry F-II vorgestellt und Nissan erlebte ein kleines Desaster. Technisch hatte sich die zweite Cherry-Generation von 1974 kaum verändert, optisch war sie aber in derart barocke Kleider gehüllt, dass nicht einmal die Amerikaner Gefallen an den kleinen Datsun fanden. In Deutschland blieb bis Ende 1977 der erste Cherry parallel im Angebot, dann dauerte es zwei Jahre, ehe Nissan mit der dritten Cherry-Generation wieder in der kleinen Klasse punkten konnte. Die einstige Alleinstellung im Markt hatte der Cherry jedoch verloren.

In der Zwischenzeit präsentierten andere japanische Marken wie Daihatsu mit dem Charade, Mazda mit dem 323, Mitsubishi mit dem Colt und Honda mit dem Civic kompakte und modisch schicke Drei- und Fünftürer, gegen die sich der sachlich gezeichnete Cherry, der in Japan nun Pulsar genannt wurde, erst einmal durchsetzen musste. Mit vergleichsweise günstigen Preisen und einem üppigen Gewährleistungspaket, darunter eine damals in dieser Klasse konkurrenzlose Fünf-Jahres-Garantie gegen Durchrostung, fand die 3,90 Meter lange Modellreihe aber schließlich ausreichend viele Liebhaber, um 1982 noch einmal erneuert zu werden und erstmals direkt gegen den Golf anzutreten.

1965: Prince plant einen frontangetriebenen Kleinwagen, der aber erst nach Übernahme des Unternehmens durch Nissan realisiert wird – als Nissan Cherry

1970: Im Oktober nationaler Verkaufsstart für den ersten japanischen Kleinwagen, Cherry Serie E10, mit quer eingebautem Motor und Frontantrieb sowie Einzelradaufhängung rundum und Scheibenbremsen. Allein der Kombi hat noch eine hintere Starrachse mit Blattfedern, da er auf dem Heimatmarkt als Transporter fungiert. Auf der Tokyo Motor Show debütierte das futuristische Concept 270X auf Basis des Cherry

1971: Im September wird das Cherry Coupé vorgestellt

1972: Im März debütiert der Cherry Combi in Japan. Von April an startet der Cherry Coupé in verschiedenen japanischen Motorsportserien. Im Juni werden die ersten Datsun-Automobile auf dem deutschen Markt eingeführt, zunächst über vier private Vertriebsgesellschaften. Der Datsun Cherry 100A wird als Limousine und Kombi angeboten

1973: Im Januar folgt die Einführung des Cherry 120A-Coupé mit stärkerem Motor. Im Mai kleines Facelift mit Modifikationen an Fahrzeugfront und Interieur. In Düsseldorf wird die Nissan Motor Deutschland GmbH als japanische Tochtergesellschaft gegründet. Erster Auftritt von Datsun auf der Frankfurter IAA. Der Cherry steht im Mittelpunkt des Messedebüts. Im November erneut optische Modifikationen am Frontdesign, Blinkleuchten neu positioniert

1974: Der viermillionste Datsun, ein Cherry, wird exportiert. Im September erfolgt in Japan der Verkaufsstart für die zweite Cherry-Generation, Serie F10

1975: Modellpflegemaßnahmen bringen u.a. geänderte Radaufhängungen und neue Radabdeckungen

1976: Im Februar wird in Deutschland der Cherry F-II eingeführt als zwei- und viertürige Limousine, als Coupé und als Kombi. Der Import des Cherry 100A läuft weiter, allerdings nur als Limousine. Einsatz des Cherry bei der Rallye Akropolis

1977: Im September entfällt der Cherry 100A aus dem Modellprogramm. Zum Jahresende debütiert in Japan der Pulsar, Serie N10. Vertrieb in Japan als Nachfolger des Cherry, in Europa ab 1979 als dritte Cherry-Generation. Karosserievarianten: zwei- und viertürige Limousine, drei- und fünftürige Limousine, dreitüriges Coupé, dreitüriger Kastenwagen, fünftüriger Kombi. Heckklappenversionen allerdings erst nach dem Markstart des Mazda 323. Die lange Motorhaube des Pulsar/Cherry kündete davon, dass ursprünglich eine alternative Version mit längs eingebautem Motor und Heckantrieb für aufstrebende Märkte geplant war

1978: Im Januar startet ein sanft überarbeiteter Cherry F-II mit neu gestaltetem Interieur und anderer Scheinwerferoptik. Bei der Schweden-Rallye startet ein privates Team auf einem Cherry F-II

1979: Im April wird die dritte Cherry-Generation nach Deutschland eingeführt, zunächst nur als Coupé. Auf der IAA im September debütieren Limousine und Kombi

1980: Im Januar Facelift mit leicht geänderter Front- und Heckgestaltung

1981: Beschluss zur Namensgleichheit, Unternehmen und Modell sollen global einheitlich Nissan lauten. Der Name „Datsun“, bis dahin Exportmarke des Nissan-Konzerns, soll bis 1984 verschwinden

1982: Neuer 1,3-Liter-Motor ab Januar. Im Oktober Präsentation der vierten Cherry-Generation als drei- und fünftürige Limousine, abgeleitet vom japanischen Pulsar, Serie N12. Der Pulsar wiederum ist eine Variante des Sunny, der außerdem als Langley und Liberta Villa vertrieben wird   

1983: Die Kooperation mit Alfa Romeo führt zur Produktion des ARNA (ein Akronym für Alfa Romeo Nissan Autoveicoli), eines Cherry mit Alfa-Technik. Motor, Getriebe und

Vorderradaufhängung stammen vom Alfasud. Produktionsort ist das Alfa-Werk Pratola Serra bei Neapel. Vertrieb als Alfa Arna, Nissan Cherry Europe und auf dem japanischen Markt als Nissan Pulsar Milano. Auf der IAA debütiert der sportliche Cherry Special mit 1,5-Liter-Motor

1984: Facelift mit neuem Front- und Heckdesign

1985: Ab Juni ergänzt eine Diesel-Version das Modellprogramm. Die Kooperation mit Alfa Romeo wird beendet

1986: Im Juni entfällt der Cherry aus der Preisliste zugunsten neuer Steilheckversionen des Sunny

Datsun Cherry 100A 2türig (1972): ab 5.990 Mark

Datsun Cherry 100A 4türig (1972): ab 6.650 Mark

Datsun Cherry 100A 2türig (1973): ab 6.775 Mark

Datsun Cherry 100A 4türig (1973): ab 6.990 Mark

Datsun Cherry 100A Combi (1973): ab 7.640 Mark

Datsun Cherry 120A Coupé (1973): ab 8.290 Mark

Datsun Cherry 100A 2türig (1977): ab 7.990 Mark

Datsun Cherry 100A 4türig (1977): ab 8.310 Mark

Datsun Cherry F-II 2türig (1977): ab 8.790 Mark

Datsun Cherry F-II 4türig (1977): ab 9.390 Mark

Datsun Cherry F-II Combi (1977): ab 9.690 Mark

Datsun Cherry F-II Coupé (1977): ab 9.990 Mark

Datsun Cherry 3türig (1980): ab 10.080 Mark

Datsun Cherry Combi 5türig (1980): ab 10.585 Mark

Datsun Cherry Coupé (1980): ab 10.785 Mark

Datsun Cherry GL 3türig (1983): ab 12.095 Mark

Datsun Cherry GL 5türig (1983): ab 12.595 Mark

Datsun Cherry Special 3türig (1986): ab 14.495 Mark

Datsun Cherry Sprint 3türig (1986): ab 17.130 Mark

Alfa Romeo Arna 1,2 (1986): ab 14.490 Mark

Als kantig, aber elegant gezeichnete Drei- und Fünftürer mit optionaler Zweifarbenlackierung suchte die vierte Cherry-Serie nach der Lücke im Nissan-Programm zwischen dem gleichzeitig lancierten Kleinwagen Micra und dem kaum größeren Sunny. Tatsächlich basierte der letzte Cherry bereits auf dem Sunny, den es als Stufenhecklimousine, Kombi und Coupé gab. In den Ruhestand geschickt wurde der schicke, jetzt sogar zweifarbige Cherry aber erst, als der Sunny 1986 auch in drei- und fünftüriger Version debütierte.

Riesenflopp ARNA

Galerie: Bericht 40 Jahre Nissan CherryZuvor jedoch hatten die japanischen Kirschen noch einmal für Schlagzeilen gesorgt, die nicht nur im Piemont einen bleibenden bitteren Beigeschmack hinterließen. Alfa Romeo suchte Anfang der 1980er Jahre nach einem betont preiswerten Einstiegsmodell als Ersatz für den alternden Alfasud. Nissan wiederum suchte damals nach Möglichkeiten, drohenden Einfuhrbeschränkungen für japanische Automobile in die europäische Union zu begegnen. Als seit 1975 größter japanischer Anbieter in Europa mit stetig steigenden Absatzzahlen wäre Nissan von derartigen Handelshindernissen besonders betroffen gewesen. Die vermeintliche Lösung der japanisch-italienischen Probleme lautete ARNA, ein Akronym für Alfa Romeo Nissan Autoveicoli.

Im Alfa-Werk Pratola Serra bei Neapel wurde der Cherry mit Motor, Getriebe und Vorderradaufhängung vom Alfasud kombiniert und anschließend je nach Vertriebskanal als Alfa Arna oder Nissan Cherry Europe verkauft. Sogar nach Japan fand der Bastard als Nissan Pulsar Milano. Keine zwei Jahre später war der Spuk vorbei, denn dem Arna fehlte die Seele des Alfa und die Qualität des Nissan. Deutlich länger dauerte es, bis die letzten Ladenhüter aus den Schauräumen der Händler verschwunden waren. (sp-x)

 
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