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Galerie: Bericht 40 Jahre Volkswagen Polo (Typ 86/A01)

Bericht: 40 Jahre Volkswagen Polo (Typ 86/A01)

Ein Welterfolg nach Audi-Rezept

31.03.2015

Es war der kälteste aller Wintereinbrüche in der Automobilbranche, so der Tenor der Konzernchefs beim traditionellen Frühjahrstreff auf dem Genfer Salon 1975. Die Folgen der Ölkrise  waren noch nicht überwunden, da sorgte die frostige Jahreszeit erneut für tiefrote Zahlen in den Auftragsbüchern. Was tun? Polo zum neuen Volkssport machen, sagte sich Volkswagen. Mit einem hochmodernen Kleinwagen auf Audi-50-Basis das Konzernangebot komplettieren und den Käfer endgültig in den Ruhestand schicken. Während der Mini mit Audi-Ringen als ebenso schicker wie schneller feiner Kleiner sogar Mittelklassewagen vor sich hertrieb, sollte der nachgeborene Zwillingsbruder mit VW-Logo als asketischer Zwerg die sogenannten Blech-Ei- sprich Sparkäfer-Käufer für sich gewinnen. Vor allem aber von den bis dahin dominierenden französischen und italienischen Kleinwagenherstellern die Kunden abziehen.

Ein Kleiner auf großen Wegen

Tatsächlich gelang dem 3,50 Meter kurzen Polo mit großer Heckklappe sogar noch mehr: Er machte das Cityflitzer-Segment zum Spielplatz neuer Kleiner fast aller Massenmarken. Nicht nur Ford, Opel oder Citroen zogen nach, auch die Japaner fanden nun Spaß am Schrägheck im Bonsaiformat. Bevor jedoch des Polos erstaunliche Karriere zum Marktführer und Multi-Millionenerfolg Fahrt aufnahm, musste der kleinste Wolfsburger erst einmal seine anfängliche, übertriebene Knauserigkeit ablegen, dabei den Konzeptspender Audi 50 konsequent klonen und anschließend meucheln. Erst nach 1976 konnte der kleinste VW deshalb wie ein Großer neue Akzente setzen, mit sportlichem GT, Formel-E-Spritspartechnik und der Stufenheckversion Derby mit riesigem Rucksack.

Seine stilvollen und feinen Formen verdankte der Polo wie der größere Golf und andere Volkswagen einem genialen Italiener. Allerdings war es einmal nicht Giorgetto Giugiaro, sondern das Atelier von Nuccio Bertone, das den Zeichenstift führte. Schließlich wurde der Polo als Audi geboren, wobei es den Audi-50-Entwicklern aber von Anfang klar war, dass ein Ableger als Käfer-Nachfolger an den Start gehen sollte. Weshalb der Audi 50 fast von Beginn an in Wolfsburg gebaut wurde und sogar den internen Typencode 86 mit dem Polo teilte.

Schlicht für alle Tage

Galerie: Bericht 40 Jahre Volkswagen Polo (Typ 86/A01)Zurück zur Formensprache, die bis dahin stilprägende Konkurrenten wie Fiat 127, Renault 5 oder Honda Civic schlagartig altern ließ. Bertone überließ den Zeichenstift seinem Chefdesigner Marcello Gandini, der nach vielen Lamborghini und Maserati gerade den Ferrari Dino 308 GT vorbereitete. Gandini wusste aber sehr wohl, was von Alltagsautos erwartet wurde und verzichtete deshalb beim designierten Doppel aus Audi 50 und VW Polo auf stilistische Extravaganzen. Stattdessen wählte er sachliche, zeitlos elegante Linien, deren einzige modische Akzente bunte und schrille Signallackierungen waren. Darunter leuchtendes Phönixrot, Rallyegelb oder Lofotengrün.

Anfangs allerdings war das aufpreisfreie, puristische Atlasweiß die ideale Farbe, denn die frugalen frühen Polo waren in der Ausstattung ähnlich abgemagert wie ein Formelrennwagen auf der Suche nach dem niedrigsten Kampfgewicht. Gegen die knapp 600 Kilogramm (trocken) des knausrigen Volkskämpen wirkten die meisten Konkurrenten bereits wie Schwergewichtler. Kein Wunder, verzichtete der VW doch geradezu phantasievoll auf jegliche Annehmlichkeit und sogar essentielle Sicherheitsaccessoires: Kein Chromzierrat, dafür kahle Blechflächen im Interieur und billigste Pappverkleidungen an Türen und Seitenwänden sowie Trommel- statt Scheibenbremsen. Fehlanzeige bei Gürtelreifen, Halogenlicht, Gepäckraumabdeckung, klappbarer Rücksitzbank, rechter Sonnenblende und Tankanzeige. Sogar das Gaspedal war zur armseligen Drahtschlinge abgemagert.

Als Antriebskraft mussten 40 PS genügen, im Export waren es nur 34 PS wie bei Renault 4 oder DAF 46. Trotz allem blieb aber genügend technische DNA vom Audi 50 übrig, um dem Volkswagen in Vergleichen mit Wettbewerbern in verschiedenen Disziplinen einen Punktvorsprung zu sichern. Dies galt auch für den günstigen Einstiegspreis von 7550 Mark, der Importfabrikate herausforderte und auf einem Niveau mit dem 44-PS-Käfer lag.

Vorbild für die Konkurrenz

Tatsächlich konnte der Polo den Käfer aber nicht ersetzen, dies gelang erst dem größeren Golf. Daran änderten auch rasch nachgeschobene Polo-Sondermodelle wie Jeans (eine Reminiszenz an den Jeans-Käfer) und mit dem Audi 50 nahezu identische Ausstattungslinien (ab 1976) wenig. Auch der 1977 vorgestellte Derby, ein Polo mit klassischem Stufenheck und riesigem Kofferraum, konnte nur einen Teil der vermeintlich besonders konservativen Käfer-Kunden erreichen. Stattdessen warb er den ein oder anderen Opel-Kadett- oder Ford-Escort-Fahrer ab, insgesamt aber verfehlte der Derby die zu hoch gesteckten Verkaufserwartungen von Volkswagen.

1968: Erste Pläne und Entwürfe für einen Mini-Audi

1974: Im Frühjahr Produktionsanlauf des Volkswagen Golf als designiertem Nachfolger des Käfers. Im September Vorstellung von Audi 50 LS mit 37 kW/50 PS (Preise ab 8.195 Mark) und Audi 50 GL mit 44 kW/60 PS (Preise ab 8.510 Mark). Serienanlauf im Wolfsburger VW-Werk. Die ersten zehn Vorserienexemplare des VW Polo werden produziert

1975: Im März Serienanlauf für den Polo mit 29 kW/40 PS zu Preisen ab 7.550 Mark. Dafür gibt es den Polo nur mit 40-PS-0,9-Liter-Motor und ohne Tankuhr, Heckablage und mit Gummimatte statt zentralem Bodenteppich. Gleich zwei Preiserhöhungen in einem Jahr lassen den Audi 50 LS mindestens 8.995 Mark und den Audi 50 GL ab 9.340 Mark kosten. Dennoch erzielt der Audi 50 mit über 84.000 produzierten Einheiten sein erfolgreichstes Jahr

1976: Ein 1,1-Liter-Vierzylinder ergänzt das 0,9-Liter-Basistriebwerk in gleich zwei Leistungsstufen: 37 kW/50 PS und 44 kW/60 PS (0 auf 100 km/h in 12,5 Sekunden) mit zusätzlichem Stabilisator hinten. Der Polo 1.1 ist umfangreicher ausgestattet als das Basismodell, verfügt u.a. über Kopfstützen vorne und Dreipunkt-Sicherheitsgurte. Der 44 kW/60 PS-Typ bietet vergleichsweise sportive Leistung in äußerst diskreter Verpackung. Die Grundausführung erhält jetzt ein rechtes Türschloss. Die außerdem lieferbare GLS-Ausstattung umfasst zusätzlich hochwertigere Radabdeckungen, Zeituhr, Kühlwassertemperaturanzeige, beleuchtete Schalter und Gepäckraumabdeckung. Als Exportversion gibt es den Polo bis 1977 auch mit 0,78-Liter-Motor und 25 kW/34 PS Leistung. Das Sondermodell Polo Jeans ist mit 40 PS- bzw. 50 PS-Motorisierung lieferbar und erinnert an die gleichnamigen Käfer-Sondermodelle aus dem Jahr 1973. Die Vorserienproduktion des Derby startet mit 62 Einheiten. 55.536 Audi 50 werden produziert, dagegen stehen 144.739 VW Polo

1977: Im Januar Serienanlauf für den Derby, die Stufenheckversion des Polo. Ein hubraumgrößerer 1,3-Liter-Vierzylinder mit 44 kW/60 PS ersetzt ab August das gleichstarke, bisherige Aggregat . Um Kraftstoff und Produktionskosten zu sparen, verfügen alle Motoren über eine manuell betätigte Kaltstartanreicherung, den sogenannten Choke, der im Kaltbetrieb die Luftklappe schließen lässt, um dem Vergaser einen höheren Kraftstoffanteil zuzuführen. Die Hinterachse des Derby mit V-Profil und stärkerer Stabilisatorwirkung wird für den Polo übernommen, damit entfällt der Stabilisator der 60 PS Version

1979: Facelift für Polo und Derby mit schwarzen, voluminöseren Plastikstoßfängern, schwarzen Türgriffen sowie geändertem Kühlergrill. Dadurch verringerter cw-Wert und um bis zu drei km/h höhere Höchstgeschwindigkeit. Die nun rechteckigen Hauptscheinwerfer werden beim Derby Unterscheidungsmerkmal zum Polo. Es gibt den Derby nun in den Ausstattungen CL und CLS. Neu ist überdies der Polo GT mit 44 kW/60 PS und Sportfelgen, Frontgrill mit GT-Schriftzeichen sowie Tacho mit roter Umrahmung. Im Juli Produktionsauslauf für den Audi 50 nach 5.213 Einheiten im letzten Jahr

1981: Volkswagen präsentiert im Januar Polo und Derby mit Formel-E-Paket. Darin enthalten ist der 1,1-Liter-Motor (50 PS), der zur besseren Kraftstoffausnutzung höher verdichtet (1 : 9,7 statt 1 : 8,0) wird, sowie ein 3+E-Getriebe, bei dem der vierte Gang länger übersetzt ist, um die Drehzahlen und damit den Verbrauch zu reduzieren. Polo LX Sondermodell. Im August bzw. Juli Produktionsende für die erste Generation von Polo und Derby. Im Unterschied zum Polo erzielte der Derby nicht die erwarteten Verkaufserfolge

Volkswagen Polo/Polo L/Polo GL/Polo LX mit 0,9-Liter-(29 kW/40 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Polo S/Polo LS/Polo GLS/Polo LX/Polo Formel E mit 1,1-Liter-(37 kW/50 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Polo LS/Polo GLS mit 1,1-Liter-(44 kW/60 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Polo LS/Polo GLS/Polo LX/Polo GT mit 1,3-Liter-(44 kW/60 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Polo (Export) mit 0,8-Liter-(25 kW/34 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Derby/Derby L/Derby GL/Derby CL/Derby LX mit 0,9-Liter-(29 kW/40 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Derby S/Derby LS/Derby GLS/Derby CLS/Derby LX/Derby Formel E mit 1,1-Liter-(37 kW/50 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Derby LS/Derby GLS mit 1,1-Liter-(44 kW/60 PS)-Vierzylinder-Benziner;

Volkswagen Derby LS/Derby GLS/Derby CLS/Derby LX mit 1,3-Liter-(44 kW/60 PS)-Vierzylinder-Benziner.

Jahr 1974: 10 Volkswagen Polo; 22.136 Audi 50

Jahr 1975: 74.180 Volkswagen Polo, 84.343 Audi 50

Jahr 1976: 198.213 Volkswagen Polo (inklusive 55.536 Audi 50, VW kumulierte die Zahlen ab diesem Jahr in den offiziellen Unternehmensnachrichten), außerdem 62 Volkswagen Derby

Jahr 1977: 128.358 Volkswagen Polo/Audi 50, 112.783 Volkswagen Derby

Jahr 1978: 195.134 Volkswagen Polo/Volkswagen Derby/Audi 50

Jahr 1979: 199.970  Volkswagen Polo/Volkswagen Derby/Audi 50 (davon 5.213 Audi 50)

Jahr 1980: 160.813  Volkswagen Polo/Volkswagen Derby

Jahr 1981: 117.099  Volkswagen Polo/Volkswagen Derby

Die konnte dafür der Polo deutlich übertreffen, nachdem Wolfsburg seinem Kleinsten all die Goodies gönnte, die zuvor den Audi 50 auf einen Höhenflug geschickt hatten. Derart aufgerüstet brauchte der Polo auch alle neu hinzugekommenen Rivalen nicht zu fürchten, deren Entwicklung er nicht selten explizit inspiriert oder vorangetrieben hatte. Gleich ob Opel Kadett City (1975), Fiat 133 (1975), Volvo 66 (1975), Ford Fiesta (1976), Peugeot 104 5türig (1976), Citroen LN (1976), Chrysler Simca Sunbeam (1977), Mitsubishi Colt (1978), Citroen Visa (1978), Toyota Starlet (1978) oder Mini Metro (1981).

Erfolg sorgt für Abwechslung

Galerie: Bericht 40 Jahre Volkswagen Polo (Typ 86/A01)Als aus dem armen Aschenputtel die glamouröse Polo-Prinzessin geworden war, konnte sich der kleine Volkswagen auch Experimente leisten, die weit in die Zukunft wiesen. Etwa die auf Effizienz getrimmte Formel-E-Spezifikation. Verbrauchsdisplay, Schaltanzeige und dadurch erzielte Verbrauchswerte, die deutlich unterhalb der DIN-Norm lagen, das war 1981 ebenso innovativ wie sensationell. Zumindest in der Theorie. Denn im Alltag wollten die Autokäufer nur sparen, wenn der Spaß nicht auf der Strecke blieb. Was bei einem Viergang-Getriebe mit extra lang übersetztem größtem Gang zwangsläufig der Fall war. Da nützte es auch nichts, dass die 50-PS-Polo und Derby mit 5,1 Liter Benzin bei Tempo 90 auskamen und damit sogar den Golf Diesel unterboten. Formel E blieb ein Ladenhüter. Dann schon lieber einen 60-PS-Polo GT mit Spoiler und anderen Sportattributen kaufen, dachten die VW-Fans. Auch wenn dieser GT um fast ein Viertel teurer war als Wettbewerber wie der Fiat 127 Sport, die obendrein in der 75-PS-Liga spielten.

Billig musste der Ur-Polo am Ende seines Lebenswegs aber ohnehin nicht mehr sein. Er war ein Maßstab seiner Klasse geworden, der durch die Ende 1981 eingeführte zweite Polo-Generation noch höher gesetzt werden sollte. Mit kombiartigem Steilheck und kleinem Coupé schrieb der komplett erneuerte Polo ein frisches Kapitel Kleinwagengeschichte. Und verdrängte so allmählich den Vorgänger aus dem Straßenbild, zumal es diesem lange Zeit an effektiver Korrosionsvorsorge mangelte. Heute braucht es bereits viel Glück, einen der rund 300 überlebenden Polo-Pioniere zu sichten. (as/sp-x)

 

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