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Galerie: Bericht Mein erster Oldtimer

Bericht: Mein erster Oldtimer

Die Entdeckung der Nostalgie

07.05.2015

Es war Liebe auf den ersten Blick: Dieses 70er-Jahre-Moosgrün-Metallic, das hübsche Fließheck, das in die schmalen, horizontalen Rückleuchten mündet, dieses spiddelige Lenkrad mit dem Wolfsburg-Logo, der angejahrte beige Innenraum mit aufgeklebter Holzfolie und typischem VW-Geruch, der muntere Klang des 55-PS-Vierzylinders bei der Probefahrt im Sonnenschein. Es war klar, bevor wir zurück auf den Hof des privaten Verkäufers rollten, dieses Auto gehört zu mir. Optimal gelaufen? Nein, einer der größten Fehler, den ein Oldtimer-Anfänger machen kann.

Die verflixte Traumauto-Falle

„Der Effekt ist immer der gleiche“, sagt Frank Wilke, Chef des Marktanalysten Classic-Analytics: „Liebe macht blind.“ Im besten Fall hat man im Vorfeld Literatur gewälzt, sich nach Schwachstellen des Modells erkundigt, Preislage und Budget im Kopf und am Ende steht man doch vor dem potenziellen Traumauto und denkt: „Haben, haben, haben!“ Ein verflixtes Dilemma – für eine steigende Zahl Interessierter.

Denn die neue Liebe für altes Blech entflammt seit einigen Jahren bei immer mehr Menschen. Allein im Jahr 2014 ist der Bestand an Fahrzeugen mit H-Kennzeichen um mehr als 11 Prozent gewachsen: 310.694 Pkw mit der steuerbegünstigten Oldtimer-Zulassung, die den Klassiker als „schützenswertes Kulturgut“ ausweisen, sind ein Rekordwert. Noch nicht eingerechnet sind hier diejenigen Fahrzeuge, die beispielweise mit einem 07er-Sammlerkennzeichen gefahren werden.

Oldtimer kommen einfach gut an

Galerie: Bericht Mein erster OldtimerDie Klassiker sind echte Sympathieträger. Das merkt man als Besitzer nicht zuletzt daran, dass plötzlich wildfremde Menschen auf der Straße winken oder mit gerecktem Daumen ihre Sympathie für den VW in moosgrün-metallic bekunden: Mehr als die Hälfte der Deutschen freuen sich, wenn sie Oldtimer auf der Straße sehen, so das Ergebnis einer Allensbach-Studie im Auftrag der Zeitschrift „Oldtimer Markt“. Nach der repräsentativen Umfrage von 2013 unter gut 1500 Teilnehmern interessiert sich jeder dritte Deutsche mehr oder weniger für das Thema Oldtimer. Und immerhin jeder sechste würde gerne einen Klassiker besitzen – fragt man die männlichen Autofahrer, ist das Schätzchen sogar für ein Viertel der Befragten ein Wunschobjekt.

Nicht nur für Reiche, aber besser für gut Informierte

Dabei gilt der Umfrage zufolge die Oldtimerei den Meisten immer noch als teures Hobby, das sich nur gut Betuchte leisten können. „Es ist kein Hobby nur für Reiche“, widerspricht Frank Reichert, Leiter des Klassik-Bereichs beim ADAC. Schon ein Budget von 5000 Euro ist nach Meinung des Experten eine solide Ausgangsbasis, „es hängt natürlich davon ab, was man sucht.“ Ein früheres Brot-und-Butter-Auto wie das Mittelklasse-Modell Opel Ascona, einen Mercedes-Benz 190 „Baby-Benz“ oder mit etwas Geduld auch noch einen 70er-Jahre-Käfer kann man für dieses Budget beispielsweise finden. Auch der moosgrüne VW, ein 74er Passat, hat weniger gekostet.

Galerie: Bericht Mein erster OldtimerWomit wir wieder beim Thema Anfängerfehler wären: „Der allerschlimmste Fehler, den man machen kann, ist, sich ein Fahrzeug zuzulegen, ohne sich vorher zu informieren“, warnt Reichert. In Fachzeitschriften, Internetforen oder bei Clubs kann man zum gesuchten Modell recherchieren: Was sind typische Schwachstellen der Baureihe? Aber auch: Wie ist die Ersatzteillage? Gibt es wenig Ersatzteile, kann das vor allem einem Einsteiger den Spaß am alten Auto schnell verleiden. Und: Wie sieht der Markt aus? „Nicht, dass Sie sich vom Verkäufer ein Mauerblümchen, beispielsweise eine schwach motorisierte Modellversion, als Rarität verkaufen lassen“, warnt Marktbeobachter Frank Wilke.

Vorsicht Euphorie!

Ist ein passendes Modell gefunden, sollte man einen neutralen Dritten zum Erstkontakt mit dem Traumauto mitnehmen, um den eingangs beschriebenen Rosa-Brille-Effekt zu vermeiden. Bei ernsthaftem Interesse und Kaufabsicht bittet der Laie einen Kfz-Fachmann aus dem Bekanntenkreis ihn zu begleiten, um einen möglichen Blender von einem guten Auto unterscheiden zu können. Ist keiner greifbar, hat man verschiedene Möglichkeiten: Manche Oldtimer-Zeitschriften, zum Beispiel Europas größte „Oldtimer Markt“, benennen in detaillierten Kaufberatungen kritische Stellen, mit deren Hilfe auch ein Nicht-Profi einen grundsätzlichen Überblick über Schwachstellen bekommt.

Galerie: Bericht Mein erster OldtimerWer auf Nummer Sicher gehen will, lässt einen Sachverständigen das Auto anschauen. Je nach Grad der Genauigkeit ist das unterschiedlich teuer. Los geht es meistens bei um die 150 Euro. Viele Sachverständige bieten individuell vereinbare Leistungen an. Man findet sie zum Beispiel über bekannte Markbewertungs-Organisationen wie Classic Analytics oder Classic Data oder fährt das Auto bei der Probefahrt bei einer der TÜV-, Dekra- oder KÜS-Niederlassungen vor. Steht das Auto viele hundert Kilometer entfernt, kann es sinnvoll sein, einen Sachverständigen vor Ort zu beauftragen, einmal vorab draufzuschauen, ob sich der Weg lohnt. Die Investition lohnt sich, meint Peter Steinfurth, Chefredakteur der Zeitschrift „Oldtimer Markt“: „Das ist Geld, das man beim Kauf wieder rausbekommt, denn der Gutachter gibt auch eine Preiseinschätzung ab.“ Will der Verkäufer keinen Sachverständigen, sollte man sofort vom Kauf Abstand nehmen.

Sehr gut gibt's sehr selten

Grundsätzlich gilt: „Das bessere Auto ist immer der bessere Kauf“, so Steinfurth. Denn einen Oldtimer mit der Zustandsnote drei in eine Note zwei zu verwandeln würde viel mehr Geld kosten als ein fertiger zweier. Allerdings sind Zustand-zwei-Oldtimer – per Definition ein sehr gutes, mängelfreies Fahrzeug im original erhaltenen oder im aufwendig restaurierten Zustand – nicht nur seltener und teurer, sondern vielen auch zu schade zum Fahren.

  • Die Top 15 der beliebtesten Oldtimer in Deutschland

1. VW Käfer: 30.676 (+5,3%)

2. Mercedes-Benz W 123: 15.523 (+32,6%)

3. Mercedes-Benz SL R 107: 10.296 (+13,8%)

4. Porsche 911/912: 8.967 (+17,7%)

5. Mercedes-Benz „/8“: 6.957 (+2,6%)

6. Volkswagen „Bulli“: 6.019 (+36,2%)

7. Mercedes-Benz „Heckflosse“: 5.183 (+5,7%)

8. Mercedes-Benz „Pagode“: 4.680 (+13%)

9. Opel Kadett: 3.994 (+17,8%)

10. Volkswagen Golf: 3.344 (+50,4%)

11. Mercedes Benz W 116: 3.315 (+2,6%)

12. Mercedes Benz W 108/109: 3.242 (+6,2%)

13. Opel Rekord/Olympia: 3.185 (+19,8%)

14. BMW Baureihe 02: 2.860 (+2,7%)

15. Alfa Romeo Spider: 2.640 (+1,1%)

(Stand 1.1.2015, Quelle: KBA/VDA;

nach Rang/Modell/zugelassene Exemplare mit H-Kennzeichen/Veränderung zum 1.1. 2014)

Die große Masse der Klassiker fährt im soliden Zustand drei, der auch für einen Einsteiger mit ruhigem Gewissen zu empfehlen ist: Gebrauchtes Fahrzeug im ordentlichen Zustand, das normale Spuren der Jahre oder einzelne, kleinere Mängel zeigt, uneingeschränkt fahrbereit. „Generell muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass alte Autos grundsätzlich unzuverlässig sind“, meint Steinfurth.

Ein gewisses finanzielles Polster sollte man allerdings haben, jedoch: „Je besser das Fahrzeug ist, desto weniger Polster brauche ich“, sagt ADAC-Experte Frank Reichert. Die meisten Oldtimer-Besitzer geben zwischen 750 und 2000 Euro im Jahr für die Instandhaltung und Wartung ihres Klassikers aus, so eine Umfrage unter Oldtimer-Besitzern aus der Allensbach-Studie von 2013.

Exoten können teuer werden

Galerie: Bericht Mein erster OldtimerDie Finger lassen sollten Einsteiger von Zustand-4-Fahrzeugen – verbrauchtes Fahrzeug mit deutlich erkennbaren Mängeln, nur eingeschränkt fahrbereit – und Exoten. Denn auch wenn ein Maserati Biturbo oder ein Jaguar XJ6, beide Anfang der 80er, hinreißend schön aussehen, die Sechszylinder traumhaft klingen und diese prestigeträchtigen Autos im zufriedenstellenden Allgemeinzustand für unter 10.000 Euro angeboten werden, erfordern sie entweder technischen Sachverstand oder ein großes finanzielles Polster. „Sie sind technisch nicht logisch aufgebaut, was Reparaturen teuer macht, zudem sind Ersatzteile relativ teuer und selten“, so Marktexperte Frank Wilke. Das sechszylindrige Gegenbeispiel aus der gleichen Zeit ist übrigens eine Mercedes S-Klasse (Baureihe W126): zuverlässig, mit guter Ersatzteilversorgung und so logisch aufgebaut, dass man einiges auch selbst reparieren kann.

Wenn sich ein Oldie auszahlt

Sieht man den Oldtimer auch als Wertanlage, so muss man allerdings mehr investieren: „Wer richtig Gewinn machen will, fängt nicht unter 100.000 Euro an“, meint Marktanalyst Frank Wilke. Aber natürlich steigen auch die „günstigeren“ Fahrzeuge im Wert: „Die Unterhaltskosten wieder reinzubekommen klappt eigentlich immer – und wo findet man schon ein Hobby, das sich selbst finanziert?“ Auch der moosgrüne Passat ist innerhalb von vier Jahren bereits im Wert gestiegen. Zum Verkauf steht er sowieso nicht – nicht zuletzt, weil die Reparaturkosten noch lange nicht wieder drin sind. (as/sp-x)

 
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