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Galerie: Erster Test Brilliance BS6

Erster Test: Brilliance BS6

Rohdiamant oder Billig-Brilli?

27.11.2006

Nun sind sie also da, die Chinesen. Mit Brilliance betritt noch im Dezember der erste Automobilhersteller aus dem Reich der Mitte den deutschen Markt. Das Modell nennt sich BS6, kostet unter 20.000 Euro und ist, zumindest was die Ausmaße betrifft, in der oberen Mittelklasse positioniert. Audi A6, BMW 5er und Konsorten werden dann aber doch nicht als Konkurrenten genannt. Erobert werden sollen Kunden, die bis dato japanische oder koreanische Fabrikate kauften. Unsere erste Testfahrt klärt, ob die China-Karosse ein Billig-Brilli oder ein Rohdiamant ist.

Brilliance sitzt im chinesischen Shenyang und zählt auf dem heimischen Markt nicht zu den Volumenherstellern, sondern zum Premiumbereich. 40.000 Einheiten vom BS6 wurden dieses Jahr bereits für Asien, Afrika und Amerika produziert. Kommendes Jahr sollen 15.000 Fahrzeuge in Europa abgesetzt werden, 2008 sind 20.000 Einheiten geplant, dann 30.000 und so weiter.

Generalimporteur für Europa ist die Luxemburger Firma HSO unter der Führung von Hans-Ulrich Sachs. Er ist ein alter Bekannter im Auto-Business, war unter anderem Markenvorstand bei Volkswagen und verantwortete davor den Marktstart von Huyndai, womit er den Grundstein für den unbestrittenen Erfolg der Koreaner legte.

In bester Gesellschaft

Galerie: Erster Test Brilliance BS6Anders als Huyndai vor 15 Jahren, bringen die Chinesen jede Menge europäisches Know-How mit. Mittels Kooperationen steckt da allerlei Westliches im Fernost-Schlitten, hauptsächlich Deutsches. Die Fertigungslinie haben BMW-Ingenieure konzipiert, für den Feinschliff am Fahrwerk sorgte Porsche, die Presswerke, Schweißroboter und Lackieranlagen stammen ebenfalls aus Deutschland.

Eine feine Adresse, diesmal aus Italien, wurde für das Outfit beauftragt. Italdesign von Design-Guru Giugiaro zeichnet verantwortlich für die schnörkellose, elegante Limousine. Das Interieur ist klassisch gestaltet und, zumindest was die Qualitätsanmutung betrifft, um Längen besser als die ersten Versuche aus Korea. Vor allem der weiche Kunststoff an Armaturenbrett und Türen macht einiges her.

Das Platzangebot ist riesig. Vorne wie hinten sitzt es sich luftig und bequem, die fast 4,90 Meter Außenlänge wurden gut genutzt. Denn auch der Kofferraum kann sich sehen lassen: 550 Liter Fassungsvermögen sind überdurchschnittlich.

Auf den zweiten Blick

Galerie: Erster Test Brilliance BS6Bei der Verarbeitungsqualität und in einigen Details wird allerdings deutlich, dass es sich beim BS6 um ein Erstlingswerk handelt. Eine für die optimale Sitzposition unvermeidliche, längsverstellbare Lenksäule gibt es nicht. Die weit vom Lenkrad entfernten Lenkstockhebel erreicht nur wer lange Finger hat; alle anderen müssen zum Blinken die Hand vom Volant nehmen. Die Spaltmaße im Innenraum variieren stark, die scharfkantigen Schienen für die Sitzverstellung sind unverkleidet in den Boden geschraubt, die Lederbezüge der Sessel schlecht vernäht, die Kunststoffblenden und Klappfächer in der Mittelkonsole aus billigem Plastik. Auf holprigen Strecken klappert und knistert es.

Auch das Fahrwerk ist nicht eben leise, dafür harmonisch abgestimmt. Querfugen nimmt es sanft, schaukelt auf langen Bodenwellen kaum auf und auch die Seitenneigung der Karosserie hält sich in Grenzen. In schnell gefahrenen Kurven schiebt der frontgetriebene Brilliance über die Vorderräder, geht man dann vom Gas, wird das Heck leicht - aber alles in beherrschbaren Maßen. Als Entschuldigung für das fehlende ESP reicht das jedoch nicht. Der Schleuderschutz gehört in dieser Klasse einfach zum Standard. „Bis zur nächsten Überarbeitung“ wollen ihn die Chinesen nachgeschoben haben.

Zwei bodenständige Benziner

Galerie: Erster Test Brilliance BS6Motorenseitig stehen zum Marktstart zwei Vierzylinder-Benziner zur Wahl, die mit Mitsubishi entwickelt wurden. Der kleinere hat 2,0 Liter Hubraum und 122 PS, der größere 2,4 Liter und gerade einmal 130 PS. Das reicht hier wie da nur für mäßige Fahrleistungen, schließlich gilt es gut 1,5 Tonnen Leergewicht auf Trab zu bringen. Der BS6 2.0 nimmt sich fast 14 Sekunden Zeit für den Sprint auf Tempo 100 und quält sich auf maximal 190 km/h. Der „Schnellere“ braucht 12,5 Sekunden für den Standardsprint und schafft 195 km/h Spitze.

Mit zunehmender Geschwindigkeit verschlechtert sich der Geradeauslauf. Schuld daran ist die um die Mittellage ungenaue Lenkung. Ebenfalls kein Quell der Freude ist das hakelige Fünfganggetriebe. Offizielle Verbrauchswerte liegen noch keine vor, unter der Hand wird von gut zehn Litern auf 100 Kilometer gesprochen - zu viel. Linderung verspricht ein Dieselaggregat, das noch im Jahre 2007 eingeführt werden soll.

Kampfpreise

Die Preisspanne beginnt bei rund 19.000 Euro für den gut ausgestatteten Basis-BS6, der unter anderem serienmäßig mit ABS, zwei Airbags, akustischer Einparkhilfe, elektrischen Fensterhebern, Klimaanlage, Metallic-Lack und CD-Radio vorfährt. Selbst ein Chevrolet Epica kostet 2.000 Euro mehr. Für das Topmodell BS6 2.4 Deluxe verlangt Brilliance rund 23.000 Euro - wobei hier Ledersitze, eine Klimaautomatik, ein CD-Wechsler und ein elektrisches Schiebedach zusätzlich an Bord sind.

Eine Unbekannte gibt es da allerdings noch - das fehlende Händlernetz. Lösen will HSO das Problem über einen anderen großen Importeur, in dessen Schauräumen die Brilliance-Modelle ausgestellt werden sollen. Von mindestens 150 Stützpunkten spricht HSO-Boss, Namen will er erst zu einem späteren Zeitpunkt nennen.  

Fazit

Der Brilliance BS6 hinterlässt einen zwiespältigen ersten Eindruck. Auf der einen Seite ein gefälliges Design, ein durchaus ansehnliches Interieur, Platz ohne Ende, ein ausgewogenes Fahrwerk und günstige Preise. Auf der anderen Seite Verarbeitungsschwächen, träge Motoren und fehlende Sicherheitsmerkmale wie ESP. Doch es wird nicht lange dauern, bis Brilliance da nachbessert. Schließlich sind die Chinesen mit ihrem Einstandsmodell wesentlich weiter als es die Koreaner dereinst waren. So gesehen ist die Marke Brilliance ein Rohdiamant, der mit etwas Feinschliff in fünf bis zehn Jahren durchaus zum Brillanten werden könnte. Die Weichen sind bereits gestellt: Kommendes Jahr folgt die Mittelklasselimousine BS4, dann ein sportliches Coupé, ein Golf-Konkurrent namens BS2 und natürlich ein SUV.

 
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