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Galerie: Erster Test Lamborghini Murciélago LP640

Erster Test: Lamborghini Murciélago LP640

Kein Mitleid

12.06.2006

Da kommt man abends noch einmal kurz zurück in die Redaktion und dann das: Ein bedrückter Chefredakteur erklärt Dir, Du müsstest morgen noch einen Termin wahrnehmen - wäre eigentlich seiner, er habe nun aber doch keine Zeit. Und ja, zwecks der Reiseplanung sollte ich schnellstmöglich in Italien anrufen, in Sant’Agata, um genau zu sein. Lamborghini... Da kann man einfach kein Mitleid haben mit dem Boss.

Denn es geht um nichts Geringeres als den neuen Murciélago LP640. Den stärksten Seriensportwagen weltweit. Fahrtermin auf der Rennstrecke. Definitiv kein Mitleid! Vielmehr ist man mit sich selbst beschäftigt. Dauernd ertappt man sich dabei, an den Stier zu denken. Die Erinnerungen an den Genfer Autosalon im März Revue passieren zu lassen, als der LP640 enthüllt wurde, der rundum überarbeitete Nachfolger des 2001 präsentierten Murciélago.

Galerie: Erster Test Lamborghini Murciélago LP640Doch ist es nur Vorfreude, dieses Kribbeln im Bauch? Nein, es schwingt auch jede Menge Respekt mit. Ein Gefühl, das man bei einem Auto in dieser Form schon lange nicht mehr verspürt hat. Zwölf Zylinder. Sechshundertvierzig Pferde. Dreikommavier Sekunden auf Tempo Hundert. Dreihundertvierzig Stundenkilometer Höchstgeschwindigkeit.

Ganz ehrlich, da schläft man nicht gut. Und weil die Jungs von Lamborghini das ganz genau wissen, lassen sie Dich abends einfliegen und noch eine weitere Nacht zittern. Kein Mitlied.

Lambo im Ferrari-Revier

Galerie: Erster Test Lamborghini Murciélago LP640Nächster morgen, Ferrari-Rennstrecke Mugello nahe Florenz: Endlich ist es soweit. Pressekonferenz und Streckeneinweisung sind abgehakt. In der Boxengasse ducken sich sieben Stealth-Bomber mit Countach-Anleihen auf den Asphalt, bereit zum Formationsflug. Meiner, in unschuldigem Perlmuttmetallic lackiert, winkt mich mit nach oben geöffneter Flügeltür herbei. Der Motor läuft bereits, hechelt erwartungsschwanger vor sich hin. Die Luft über dem Heck flimmert.

Der Instruktor gibt das Kommando vor: „Rein ins Auto und los!“ Mehr liegend als sitzend ziehe ich das Lenkrad weit zu mir. Ein Zug an der rechten Lenkradwippe und der erste Gang des automatisierten Sechsganggetriebes (E-Gear) ist eingelegt. Etwas steif, letztlich aber wie ein ganz normales Auto nimmt der Murciélago sachte Fahrt auf. Hallo? Und wofür waren dann die unruhigen Nächte?

Der Lohn nervöser Nächte

Galerie: Erster Test Lamborghini Murciélago LP640Dafür: Kurz nach Verlassen der Boxengasse brüllt der gelbe Lambo vor mir auf. Millisekunden später beträgt der Abstand zwischen dem Instruktor und mir weit mehr als die empfohlenen drei Wagenlängen. Nun ist also Gasgeben gefragt. Bitte gerne! Ein Pedalstreicheln und zwei Tipps mit dem rechten Zeigefinger später stimmt der Abstand wieder. Um sofort fies in die Eisen zu steigen und möglichst ohne Gas in die erste Kurve einzulenken. Danach geht es kurz geradeaus: Vollgas, Vollbremsung. Nun eine Links-Rechtskombination, dann in die Kompression und in einer langen Rechtskurve auf die Anhöhe.

Erst auf der Start-Ziel-Gerade bekommt man kurz Gelegenheit, über die eben passierten 15 Kurven nachzudenken. Über die wahnwitzige Querbeschleunigung, die brachialen Zwischensprints, den bizarren Umstand, dass bei Tempo 200 im fünften Gang ein kleiner Gasstoß reicht, um die Tachonadel auf 230 schnalzen zu lassen. Ein Glück, dass die (optionalen) Carbon-Keramik-Bremsen jedes Mal wie ein Bremsfallschirm wirken und bei allem Purismus zumindest ABS an Bord ist.

Geben und nehmen

Galerie: Erster Test Lamborghini Murciélago LP640Es ist einfach alles extrem an dieser 250.000 Euro teuren Flunder. Vor allem ist der Murciélago extrem echt: Ein Fahrstabilitätsprogramm Marke ESP gibt es nicht. Vom Piloten wird erwartet, dass er die nötige sittliche Reife mitbringt und mit einem Supersportgerät umzugehen weiß.

Obwohl ein Großteil der Karosserie aus Carbon besteht, wiegt der Stier trocken bereits fast 1,7 Tonnen. Mit Fahrer und 100 Liter Sprit an Bord kommt er auf über 1,8 Tonnen. Das hohe Gewicht lässt sich nicht wegzaubern. In engen Kehren schiebt der Wagen spürbar über die vergleichsweise schmalen Vorderräder (245/35 ZR 18). Beim Herausbeschleunigen und in schnellen Kurven krallt er sich dafür mit allen Vieren in den Asphalt - permanentem Allradantrieb sei Dank (Visco-Kupplung; Momentenverteilung 30:70 Prozent; im Bedarfsfall bis zu 100 Prozent an eine Achse). Einziges regulierendes Hilfsmittel ist eine Traktionskontrolle, denn 640 PS kennen nun mal keine Gnade, würden selbst die 335er Hinterreifen im Nu aufrauchen lassen.

Fazit

Ein Automobil wie ein Branding: Wer den Murciélago einmal bewegt hat, wird die Fahreindrücke sein Leben lang nicht mehr vergessen. Denn in Zeiten zunehmender elektronischer Bevormundung ist der Stier aus Sant’Agata ein wildes Tier geblieben. Belohnt jene, die mit ihm umzugehen wissen. Mit allen anderen hat er kein Mitleid. Der Murciélago kann sich das erlauben, schließlich verdankt er seinen Namen einem Auserwählten: Einem Kampfstier, dem nach einem legendären Kampf das Leben geschenkt wurde. Nicht aus Mitleid, sondern aus Respekt.

Galerie: Erster Test Lamborghini Murciélago LP640

 
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