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Galerie: Erster Test Mercedes-Benz CLS Shooting Brake

Erster Test: Mercedes-Benz CLS Shooting Brake

Mendels Traum

14.09.2012

Von so etwas konnte Gregor Mendel, der Vater der Genetik, höchstens träumen, als er um 1860 die nach ihm benannten Regeln aufstellte: dass Erbgut eines Tages fast beliebig gekreuzt werden kann. Gut 150 Jahre, nachdem der Naturforscher die Gesetzmäßigkeiten der Vererbung entdeckte, ist das, was zumindest bei Blumen undenkbar erscheint, in der Autoindustrie Alltag: Die Hersteller paaren verschiedenste Fahrzeuggattungen scheinbar willkürlich miteinander. 2004 hat Mercedes-Benz für Aufsehen gesorgt, als sie für den ersten CLS Coupé und Limousine vermischt haben. BMW kreuzte vier Jahre danach mit dem X6 SUV und Coupé, Mini später mit dem Countryman Kleinwagen und SUV. Jetzt geht Daimler noch einen Schritt weiter: Der CLS Shooting Brake ist das Ergebnis aus der Kreuzung zwischen CLS und Kombi: ein Limousinen-Coupé-T-Modell.     

Be- und Verwunderung liegen in Anbetracht des neuen CLS Shooting Brake nah beieinander. Bewundernswert ist er, abgesehen davon, dass er wohl der derzeit schönste Kombi auf dem Markt ist, weil es Mercedes-Benz damit geschafft hat, wieder eine bis dato gar nicht wahrgenommen Marktlücke zu entdecken und gleich wieder zu schließen. Die Verwunderung aber manifestiert sich in der Frage, ob es denn wirklich auch Bedarf an diesen Modelle in den Nischen der Nischen gibt.  

Das Beste aus drei Welten

Galerie: Erster Test Mercedes-Benz CLS Shooting BrakeScheinbar ja, sonst würde Daimler den Limousinen-Coupé-Kombi wohl kaum auf den Markt bringen; abgesehen von dem etwas missglückten Vaneo in den frühen Zweitausender Jahren, den man nach wenigen Jahren mangels Erfolg einstellte, hat man sich in Stuttgart, was die Modellpolitik anbelangt, lange keinen Fehltritt geleistet. Und ganz sicher erweist sich auch der neue Stern nicht als Schnuppe. Denn der Shooting Brake ist nicht nur ein Marketing-Gag, wie es etwa der Citroën Pluriel war, der fünf Autos in einem sein sollte. Nein, der CLS Kombi verbindet in der Tat drei Fahrzeuggattungen auf äußerst geschickte Art und Weise.

Von wem was stammt, wird auf den ersten Blick klar. Die vier Türen hat er ebenso von der Limousine wie das durchaus geräumige Platzangebot im Fond. Das Coupé-Erbgut dagegen steckt in der langen Motorhaube, der schmalen Fenstergrafik und dem schier endlosen, flach nach hinten abfallenden Dach. Platz genug war für diese Design-Spielereien vorhanden, von Schnauze bis Heck misst der Shooting Brake fast fünf Meter.

Zahlreiche Kombi-Gene

Galerie: Erster Test Mercedes-Benz CLS Shooting BrakeAber reicht das, um auch noch die Kombi-Gene mehr recht als schlecht unterzubringen? Eindeutig ja. Mit bis zu 1.550 Litern Stauraum bietet der CLS zwar deutlich weniger Platz, als das gutbürgerliche E-Klasse T-Modell, aber bei weitem mehr als eine enge Besenkammer. Dank der elektrisch öffnenden Heckklappe lässt sich der auf Wunsch mit offenporigem, amerikanischen Kirschholz und Intarsien aus dunkler Räuchereiche getäfelte Kofferraum bestens bepacken – bei dieser besonders edlen Version vielleicht nicht mehr mit den Jagdutensilien, für die Shooting Brakes in den 1960er und 70er Jahren gedacht waren, sondern besser mit zahlreichen Prada-Tüten und Gucci-Hutschachteln; vorausgesetzt, es ist trotz der 4.700 Euro für das Kofferraumparkett noch Geld zum Shoppen über. Taschenhaken, Verzurrösen, ein Gepäcknetz, ein doppelter Ladeboden, der von Gasdruckdämpfern hochgehalten wird und ein 12-Volt-Stromanschluss, etwa für Kühlboxen, sind weitere praktische Details aus der Kombi-Welt.

Wer vorne Platz nimmt, merkt gar nicht, dass er im Shooting Brake sitzt. Bis zur B-Säule ist der Benz mit rahmenlosen Aluminium-Türen identisch mit der Coupé-Limousine; auch die Inneneinrichtung unterscheidet sich nicht. Weder optisch, noch in der Qualität: Aus weichem Leder, hartem Holz und Silber lackiertem Kunststoff, der täuschend echt nach Metall aussieht, entsteht, wahrscheinlich ebenfalls wieder den Mendelschen Regeln folgend, ein Wohlfühlambiente, das auch zu längeren Reisen einlädt.

Nichts für Großgewachsene

Galerie: Erster Test Mercedes-Benz CLS Shooting BrakeDie komfortablen, obwohl etwas schmalen Sitze, die den gestressten Rücken auf Wunsch massieren, erwärmen oder kühlen, sind sowieso standesgemäße Begleiter auf der Langstrecke. Nur Langbeiner haben auch im CLS Shooting Brake das Nachsehen: Zwar kann man hinter ihnen noch fürstlich reisen, sie selbst aber bringen die Beine kaum unterm Lenkrad unter. Vor allem, wenn das schlüssellose Zugangs- und Startsystem nicht bestellt wurde, kollidiert das Fahrerknie schnell mit dem Zündschlüssel.

Auch das Fahrverhalten hat nicht unter der Kreuzung des CLS mit dem Kombi gelitten. Gerade einmal 90 Kilogramm bringt der Shooting Brake mehr auf die Waage – ein Klacks bei einem Leergewicht von mehr als 1,8 Tonnen, der im wahrsten Wortsinne nicht ins Gewicht fällt. Mit gewohnter Präzision zieht auch der Neue seine Bahnen, die Lenkung arbeitet so direkt, wie es in einem Mercedes eben sein kann - und sein soll - und gehen dem Fahrer in der Kurve die Pferde durch, zeigt der CLS erst spät mit sanftem Schieben über die Vorderräder an, dass es ihm jetzt zu wild wird.

Niveauregulierung an der Hinterachse

Um schwere Lasten im Kofferraum auszugleichen – es können mehr als 500 Kilogramm eingeladen werden –, hat der CLS Shooting Brake an der Hinterachse serienmäßig eine Niveauregulierung per Luftfeder; an der Vorderachse sind außer beim CLS 500 Stahlfedern verbaut. In der Basisversion nennt sich die Abstimmung mit Schwingungsdämpfern, die sich automatisch der Fahrsituation anpassen, schlichtweg „komfortabel“ und genau das ist sie auch - wenngleich der CLS für einen Mercedes erstaunlich, aber angenehm straff ist. Zusammen mit dem Sportpaket gibt es eine von Grund auf etwas härtere Abstimmung.

Der V8-Benziner hat dagegen immer die sonst optionale Rundum-Luftfederung mit dem adaptiven Dämpfungssystem, auf das der Fahrer mit den Tasten Sport und Komfort Einfluss nehmen kann. Letztgenannter Modus bietet limousinenartigen Fahrkomfort mit allerdings durchaus spürbarer Seitenneigung in der Kurve; nur hin und wieder weisen ein paar Stöße gegen die Wirbelsäule darauf hin, dass sich doch einige Coupé-Gene durchsetzen konnten. Schaltet man auf Sport, senkt sich der Edel-Kombi etwas ab und rückt die Passagiere so auch fühlbar näher an die Straße. Und er lässt sich noch zackiger und ohne sich groß zu verbiegen ums Eck dirigieren.  

Nur ein Vierzylinder

Galerie: Erster Test Mercedes-Benz CLS Shooting BrakeDamit auch die Fahrleistungen dieses Erbgut widerspiegeln, stehen die aus dem CLS bekannten vier potenten Standardantriebe und eine AMG-Version zur Wahl. Weniger als 204 PS im CLS 250 CDI gibt es nicht; der kleine Diesel ist übrigens der einzige Vierzylinder im Angebot und mit 5,3 Litern gleichzeitig der sparsamste Antrieb. Trotzdem ist er alles andere als träge, in nur 7,8 Sekunden bringt selbst die spontan antretende Basismotorisierung den Kombi auf Tempo 100 und mit 235 km/h ist er sicher mehr als ausreichend schnell - wenn er auch als einzige Motorisierung nicht die selbstauferlegte 250-km/h-Grenze erreicht.

Nur knapp mehr, nämlich sechs Liter, verbraucht der zweite Selbstzünder im europäischen Normtest, der 350 CDI mit 265 PS starkem V6. Wie der kleine Diesel stellt auch er sein maximales Drehmoment schon bei 1.600 Umdrehungen bereit, mit 620 Newtonmeter aber noch einmal knapp 25 Prozent mehr, als der 250 CDI. Wer im CLS Shooting Brake vor allem den praktischen Kombi sieht, wird mit den durchzugsstarken Selbstzündern glücklich werden.

Durchzugsstarker V8

Die Coupé-Liebhaber dagegen können aus zwei Fremdzündern wählen, dem 306 PS starken V6 im CLS 350 oder dem 500er mit 4,7-Liter-V8 und stattlichen 408 PS, der dank Bi-Turboaufladung mit seinen 700 Newtonmetern Drehmoment, ebenfalls bei 1.600 Touren, den Selbstzündern Konkurrenz macht. Beim Verbrauch freilich nicht: Der Achtzylinder ist mit 9,2 Litern angegeben, der schwächere V6 mit 7,3. Alle Motoren sind übrigens an Daimlers Siebengang-Automatik gekoppelt und gehen zum Spritsparen an der Ampel automatisch aus. Der 500er-Benziner sowie der 350 CDI sind außerdem mit Allradantrieb bestellbar.

Das Top-Modell der Baureihe ist, wie schon beim normalen CLS, der 63 AMG für 117.500 Euro. Sein Triebwerk ist im Grunde der gleiche, intern M 278 genannte, Achtzylinder wie im CLS 500, allerdings mit fünfeinhalb Litern Hubraum und stattlichen 525 PS und 700 Newtonmetern Drehmoment. Wem der kraftvoll röhrende Motor immer noch zu schwach ist, kann für schlanke 11.000 Euro zur „Edition 1“ greifen und bekommt neben Design-Leder und -Lack und ein paar Zierelementen das, was sonst beim Daimler als Performance-Package verkauft wird: Eine Leistungssteigerung um 32 PS und 100 Newtonmeter. Um der Kraft wenigstens etwas mehr Entfaltungsmöglichkeit zu geben, sollte man die für den CLS 63 AMG angebotene Anhebung der Höchstgeschwindigkeit auf 280 km/h ordern (3.213 Euro) und am besten gleich noch die elfeinhalbtausend Euro teuren Keramikbremsen dazu, um den Benz auch wieder sicher zum Stehen zu bringen.

Endlose Aufpreisliste

Galerie: Erster Test Mercedes-Benz CLS Shooting BrakeAber auch außerhalb des AMG-Kapitels finden sich in der Preisliste zahlreiche Posten, die den Grundpreis von mindestens 61.760 Euro für den CLS 250 CDI (CSL 500: 84.966 Euro) in die Höhe treiben. Die erwähnte Luftfederung kostet 1.340 Euro, 18-Zoll-Räder für alle Varianten außer dem 500er (Serie) und dem AMG (19-Zoll) kosten mindestens 1.000 Euro, die Massagesitze 1.500 Euro (plus 1.300 Euro für Heizung und Kühlung), das große Navigationssystem mit Internetzugang 3.100 Euro, LED-Scheinwerfer 1.770 Euro (Bi-Xenon-Lichter sind Serie) und ein Bang & Olufsen Soundsystem kostet 5.000 Euro.

Freilich lässt sich auch für den Shooting Brake eine ganze Armada an Assistenzsystemen ordern: Spurhalte- und Totwinkelassistent, Abstandstempomat, Verkehrszeichenerkennung, Parkassistent und Nachtsicht-Assistent kosten zusammen mehr als 5.000 Euro. Aber auch Kleinvieh macht Mist; so kosten die zwei Cupholder vorne auf dem Mitteltunnel - die sich praktischerweise durch herausnehmen des Tassenhaltereinsatzes in ein großes Fach verwandeln lassen - 77 Euro, der iPod-Anschluss steht mit 260 Euro auf der Rechnung und die automatische Kindersitzerkennung am Beifahrersitz kostet 60 Euro.

 
Fazit

Michael Gebhardt

1.900 Euro mehr kostet der CLS Shooting Brake gegenüber dem Limosuinen-Coupé; das ist weniger Zuzahlung als beim T-Modell, für das 3.000 Euro Aufschlag zur E-Klasse Limousine fällig werden. Dank schwächerer Motoren gibt es den E-Kombi dafür schon ab 43.000 Euro, vergleichbar motorisiert ist er immer noch siebeneinhalbtausend Euro günstiger. Eine echte Konkurrenz ist der Lifestyle-Kombi für den Lademeister aber ohnehin nicht, da er mit seinen 1.500 Litern Stauraum deutlich weniger Gepäck schluckt.

Wer allerdings nur hin und wieder mal etwas transportieren muss, wird mit dem Platzangebot vollends auskommen, zumal praktische Details wie die Verzurrösen, der doppelte Ladeboden oder die vom Kofferraum aus umklappbare Rückbank vorhanden sind. Außerdem bekommt man mit dem Shooting Brake den eindeutig schickeren Kombi, der auch dem normalen CLS in Sachen Eleganz in nichts nachsteht. Wer sich also sowieso für die Baureihe und gegen die E-Klasse entscheidet, tut gut daran, den vertretbaren Aufschlag zu bezahlen.
 

 

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