Elektromobilität-Special
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Galerie: Erster Test Nissan Leaf Modelljahr 2013

Erster Test: Nissan Leaf Modelljahr 2013

Automobile Auster

19.04.2013

Sind wir mal ehrlich. Austern verdanken ihren Ruhm doch größtenteils einem gelungenen Marketingcoup. Die kleine glitschige Muschel schmeckt im besten Fall nach nichts und wird erst durch Zitronensaft und Tabasco je nach Gusto mehr oder weniger aromatisiert; ein Stück kräftig mariniertes Styropor dürfte den gleichen Geschmack haben. Und doch zahlen Liebhaber weltweit mitunter horrende Preise für die glitschigen Schalentiere ... Elektroautos sind so etwas, wie die Austern der Automobilbranche.

Den Status begehrenswerter Delikatessen haben E-Autos noch nicht ganz erreicht, doch arbeiten die Marketingabteilungen der Automobilhersteller mit Hochdruck an diesem Ziel. Das Elektroauto wird als universeller Heilsbringer angepriesen, als blechgewordene Zukunft der Fortbewegung, als Retter der Pflanzen- und Tierwelt; kurzum als begehrenswerte Delikatesse. Und wie bei der Auster, soll der Kunde dafür bitte auch ordentlich Geld auf den Tisch legen.

Aber: Ein Elektroauto ist im Grunde doch nicht begehrenswerter als eine glibbrige Muschel. Meistens hat es nur wenig Platz, weil es entweder besonders leicht sein soll oder die Batterie besonders raumgreifend ist. Man kommt damit gerade mal ein-, zweihundert Kilometer weit und bis der Stromspeicher wieder voll ist, vergehen oft viele Stunden. Vom Preis ganz zu schweigen.

Um seine Auster den Kunden noch schmackhafter zu machen, hat Nissan jetzt neue Geschütze aufgefahren und schickt den Leaf mit technischen Neuerungen, optischen Retuschen und marketingtechnisch gut ausschlachtbaren Details in eine zweite Runde. Denn: Die erste Ernte blieb noch weit hinter ihren Verkaufserwartungen zurück.

Schmackhaft gemacht

Galerie: Erster Test Nissan Leaf Modelljahr 2013Den Geschmack der hiesigen Kundschaft will man vor allem mit dem Stichwort „europäisch“ treffen. Ist der Leaf bislang aus Japan importiert worden, so wird er zukünftig im englischen Nissan-Werk in Sunderland produziert; auch die Batterien kommen aus europäischer Produktion. Außerdem bietet Nissan zukünftig eine Alternative zum bislang einzige erhältlichen, mausgrauen Interieur an. Das haben die Kunden meistens zwar runtergeschluckt, aber nur wenig genossen.

Eine zusätzliche schwarze Inneneinrichtung soll jetzt zumindest etwas Farbe ins Spiel bringen. Außerdem gibt es bessere Sitze und unterschiedliche Ausstattungslinien, mit denen der Kunde den Leaf seinem Geschmack und auch seinem Geldbeutel besser anpassen kann. In der Basis, mit Stahlrädern und unlackierten Außenspiegeln, kostet der Leaf jetzt nur noch 29.690 Euro. Und wer die Lithium-Ionen-Batterie nicht kauft, sondern für monatlich voraussichtlich 79 Euro least, zahlt sogar nur 23.690 Euro für die akkulose Karosse.  

Mehr Punkte beim Tetris

Zu den einhundert Neuerungen, die den Verkauf fördern sollen, zählen auch handfeste technische Änderungen. So haben sich die Ingenieure im Tetris geübt und die E-Antriebskomponenten neu - und besser - angeordnet. Der Inverter wanderte aus dem Kofferraum nach vorne in den Motorraum und schaffte so Platz für weitere 40 Liter im Gepäckabteil (jetzt 370 Liter); laut Nissan soll ein Koffer mehr reinpassen. Wir sagen: ein kleiner Koffer. Und nur, wenn nicht das Bose-Soundsystem bestellt wird. Dann nämlich macht sich dessen Technik im Kofferraum breit.

Verheißungen, die man früher nur von Verbrennungsmotoren kannte, gibt es jetzt auch bei E-Autos: Der 80 Kilowatt/109 PS starke Motor ist sparsamer geworden. Ja, selbst Elektromotoren sind hinsichtlich ihrer Effizienz optimierbar, und auch an der Aerodynamik haben die Designer mit marginalen, kaum wahrnehmbaren Retuschen an der Karosserie gefeilt. Das Ergebnis ist das gleiche wie bei Otto und Diesel: Weniger Verbrauch und damit - im Falle des Stromers besonders wichtig - mehr Reichweite; die Größe, an der E-Autos gemessen werden. Die steigt durch die Verbesserungen im Leaf von 175 auf 199 Kilometer an.

Praktisch rund 150 Kilometer

Galerie: Erster Test Nissan Leaf Modelljahr 2013Theoretisch. An einem kühlen, regnerischen Morgen in Oslo bescheinigt die Anzeige nach dem Start mit vollgeladenem Akku gut 150 mögliche Kilometer. Das ist ein realistischer Wert und für die alltäglichen Fahrten in der Stadt völlig ausreichend. Ein reines Stadtauto wie etwa der Elektro-Smart ist der Nissan allerdings gar nicht.

Der mit 254 Newtonmetern spontan ansprechende Motor (11,5 Sekunden bis Tempo 100, maximal abgeregelte 144 km/h), einneu abgestimmtes Fahrwerk, die direkte Lenkung und die mittlerweile gut dosierbare Rekuperationsbremse machen ihn zusammen mit seinem ordentlichen Platzangebot zu einem vollwertigen Kompakten, mit dem man auch mal zu Oma aufs Land fahren kann.

Übernachtungsgäste

Galerie: Erster Test Nissan Leaf Modelljahr 2013Eine Sonderfunktion des Navis zeigt mit einer Landkarte, die den Preisbeispielen von Lieferdiensten ähnelt, an, wie weit man noch kommt. Und sollte es knapp werden, kann die Eco-Taste helfen. Ein Druck, und der Leaf reagiert deutlich gehemmter auf den Gasbefehl und setzt alles daran, möglichst sparsam zu Stromern. Der mit dem Wahlhebel der stufenlosen Automatik ansteuerbare B-Modus sorgt zudem für erhöhte Energierückgewinnung beim Bremsen oder bergab - auch so lassen sich ein paar Extra-Kilometer rausfahren.

Ein Bett sollte bei weiteren Etappen aber dennoch auf einen warten, denn der Leaf braucht mindestens acht Stunden am Strom, um seinen Akku aufzuladen; an Großmutters Haushaltssteckdose ist es gar ein halber Tag. Zwar könnte man Oma eine besonders ergiebige Wallbox aus dem Kreuz leiern, mit der der Leaf in nur vier Stunden wieder voll und einsatzbereit wäre, doch ist die in Deutschland nicht zugelassen. So kann Oma also in Ruhe Kuchen backen und sich am ausgedehnten Familienbesuch erfreuen, während Papa auf dem Smartphone guckt, wann er wieder abreisen kann - oder darf.  

 
Fazit

Michael Gebhardt

Austern sind Geschmacksache, Elektroautos auch. Mit der überarbeiteten Version des Nissan Leaf dürften wieder ein paar mehr Kunden auf den Geschmack dieser Delikatesse kommen. Die Japaner haben ihren Stromer europäisiert, sind auf die Wünsche der Kunden eingegangen und haben ihn im Detail verbessert. Der Kompakte kann es mittlerweile in Sachen Platzangebot mit seinen Mitbewerbern im Golf-Segment aufnehmen, die Fahreigenschaften sind überzeugend und auch der Preis sinkt langsam in Regionen, die für mehr Leute interessant werden.

Das Problem der zum einen immer noch nicht üppigen Reichweite und zum anderen fehlenden Möglichkeit, sie durch kurzweiliges Rüssel-in-den-Tank hängen wieder aufzufrischen, besteht aber weiterhin. Und das dürfte für viele der glibbrige Nachgeschmack bleiben, der ihnen den Muschel-Genuss verdirbt. Vor allem in Deutschland, wo es die Möglichkeit der Wallbox nicht gibt, ist eindeutig zu wenig Zitronensaft auf der Auster.
 
 

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