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Galerie: Erster Test Porsche 911 Turbo

Erster Test: Porsche 911 Turbo

Beziehungskrise

03.05.2006

Eines vorweg: Ich mag eigentlich keine Turbos. Das ist natürlich unfair gegenüber den Porsche-Leuten, die mich zum ersten Test des 911er-Flaggschiffs einluden und denen ich das nicht gesagt habe. Dabei sind sie so stolz auf ihr neuestes Baby, den 480 PS starken 911 Turbo, der seinen Vorgänger der Modellreihe 996 in allen Bereichen ganz alt aussehen lässt. Und dann kommt da einer daher, der keine Turbos mag…

Noch eines vorweg: Die Technik. Die steht bei einem Porsche immer im Vordergrund. Und das zu Recht. Denn die Ingenieure aus Zuffenhausen vereinbaren mit jeder neuen Generation ihrer Modelle das scheinbar Unvereinbare:

  • Die ausgefeilte Aerodynamik verringert den Auftrieb an der Vorderachse und erhöht den Anpressdruck hinten - jedoch ohne den Luftwiderstandsbeiwert zu verschlechtern (cw=0,31).
  • Der ausgefeilte Allradantrieb ist nun aktiv und elektronisch geregelt, die Bremsen größer dimensioniert, ebenso die Kühlaggregate - doch das Leergewicht ist leicht gesunken.
  • Und schließlich beschleunigt die 5-Gang-Automatikversion schneller als der Handschalter mit sechs Gängen und kürzer übersetzter Hinterachse.

Runde Sache

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboDas Gesamtpaket 911 Turbo steht dann wieder als perfekter Sportwagen vor einem. Ein Paket, in dem ich mit meinen 1,90 Meter ebenso Platz finde wie ein 1,96 Meter messender Walter Röhrl. Lenkrad- und Sitzeinstellung sind optimal, ebenso die Platzierung des Schalthebels. Trotz superbreiter Gummiwalzen (vorne 235/35, hinten 305/30) im 19-Zoll Format rollt der 310 km/h schnelle Bolide komfortabel durch kleine andalusische Gässchen. Das sind die Kleinigkeiten, die ein gutes Auto zu einem perfekten Auto machen.

Perfekter Turbo?

Doch ein 911 Turbo will nicht nur ein perfektes Sportauto, sondern auch noch der perfekte Turbo sein. Da sind sie bei mir ja an den Richtigen geraten, ich wüsste da ein paar Turbo-Unsitten: Ungehemmte Saufgelage an Zapfsäulen, gähnendes Turboloch, hinterrücks über die Antriebsachse herfallendes Drehmoment, nicht wahrnehmbare Beschleunigung bei niedrigen Drehzahlen. Nicht zu vergessen der abgeschnürte Motorsound, der weder gieriges Röcheln im Ansaugschlund, noch ungezügeltes Brüllen aus den Endrohren zulässt.

Technik gegen Vorurteile

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboDafür hat der neue Porsche Turbo jetzt einen Lader mit variabler Schaufelradgeometrie. Das ist bei modernen Dieseln seit zehn Jahren Standard, doch bei Benzinern wegen der wesentlich höheren Abgastemperaturen bisher schlicht nicht machbar gewesen. Beim 997 führt dieser variable Doppellader (je einer pro Zylinderbank des Boxermotors) zu einer um 60 auf jetzt 480 PS gesteigerten Maximalleistung und einem Drehmoment von bis zu 680 Newtonmetern, das bei Diesel-typischen 2.000 Touren (!) anliegt und bis 5.000 Touren reicht. Schmeißt man jetzt noch den elektronisch geregelten, aktiven Allradantrieb, eine Beschleunigung in unter vier Sekunden (0-100km/h) und das Leergewicht von knapp 1.600 Kilo (inklusive elektrischer Ledersitze, Klima, Navi und Surround-Sound) in einen Topf, sollte tatsächlich eine sehr sportliche Fahrmaschine herauskommen.

Ursache und Wirkung

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboDoch das trifft den Kern der Sache nicht. Denn das Gerät hat derart viel Druck und ist so atemberaubend schnell auf Tempo 100, dass die eigenen Sinne ein Opfer der Fliehkraft werden und nicht mehr hinterherkommen. Dabei giert das komfortable Fahrwerk nach Kurven jeder Art. Seine beeindruckende Präzision ist noch zu übertreffen, wenn die Sport-Taste gedrückt wird: Beinhart wird das Fahrwerk, der Wagen scheint sich bei höheren Geschwindigkeiten geradezu auf dem Asphalt festzusaugen und sogar der Motor legt noch einen drauf: Zwischen 2.100 und 4.000 Touren stehen für die maximale Beschleunigung nochmals 60 Newtonmeter mehr Drehmoment zur Verfügung. Der Zwischenspurt von 80 -120 km/h im fünften Gang verkürzt sich um 0,3 auf lächerliche 3,5 Sekunden.

Verkehrte Welt

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboWem das nicht genug ist, sollte zur Automatik greifen… Richtig gelesen! Sie verkürzt den Zwischenspurt auf 3,3 Sekunden und auch Tempo 100 erreicht sie 0,2 Sekunden schneller als der Handschalter. Verkehrte Welt? Ein bisschen schon (jetzt kommt der Nörgler): Denn eigentlich wollen die Porsche-Mannen den Turbo gar nicht als Sportgerät sehen, nicht auf der Rennstrecke zumindest denn hierfür gebe es ja den GT3.

Doch gerade die komfortabel-performante Automatik passt nicht in das Bild des Alltagsautos, weil die Schaltfunktion „FastOff“ nicht in den Straßenverkehr, sondern eben auf die Rennstrecke gehört: Nimmt man nach einer lustvollen Beschleunigungsparty bei der erreichten Zielgeschwindigkeit den Fuß schnell vom Gas, verharrt der Schaltautomat stur im hohen Gang. Um automatisch in den höheren Gang zu wechseln, muss man den Gasfuß betont sachte anheben. Sicher ist das eine Sache der Übung, die ein Turbo-Besitzer gerne auf sich nimmt. Dennoch möchte man doch gerade durch eine Automatik die Alltagstauglichkeit eines Sportwagens erhöhen.

Überzeugung

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboAber was ist eigentlich aus meinen anderen Vorurteilen geworden? Ein Gierschlund ist der Porsche Turbo vor allem dann, wenn die verfügbare Leistung abgefordert wird, das ist nur logisch: Für die Stadt gibt Porsche einen Verbrauch (EU-Zyklus) von knapp 19 Litern an, einen weiteren Liter mehr genehmigt sich die Automatik. Doch bei einer gemütlichen Überlandpartie, bei niedriger Drehzahl und innerhalb der geltenden Gesetze, sind weniger als zehn Liter durchaus machbar. Da geben sich andere aufgeladene Motoren bei weniger Maximalleistung exzessiver.

Und hohe Drehzahlen braucht dieser Überturbo auch nicht. Die variable Turbinengeometrie wird vor allem bei Drehzahlen unter 4.000 Touren deutlich - wenn nämlich schon ab 2.000 ordentlich Dampf ansteht und bei 3.000 noch ein paar Briketts draufgelegt werden. Andere Turbos fangen bei 4.000 Touren dagegen gerade erst an.

Doch noch was…

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboDoch das Turboloch ist noch da. Nach Gas- und Gangwechsel dauert es einen Moment, bis der Lader genügend Druck aufbaut, so dass es einiger Routine bedarf, dem unweigerlichen Drehmomenthammer zu begegnen.

Als Normalsterblicher muss man aber eine ungezügelte Phantasie sein Eigen nennen, um sich vorzustellen, was der Turbo wirklich leisten kann. Es gibt aber einen, der diese Phantasie an der Realität erblassen lässt und einen Porsche Turbo sachgerecht einzusetzen weiß: Walter Röhrl. Sein Einsatzgebiet: Eine enge Landstraße (abgesperrt natürlich) mit nicht einsehbaren Kurven, Senken, Rollsplit und ungezählten Teerflicken. Teils im Drift und teils auf der Ideallinie (wegen der Abwechslung wahrscheinlich) geht es mit Tempo hundertunglaublich um die Ecken. Kurze Geraden werden für Tempo 200 missbraucht und der Turbo zerrt uns beide unerbittlich und pausenlos nach vorne. Erst als ich adrenalingesättigt aussteige, bemerke ich, dass eines völlig gefehlt hat: Bei Walter Röhrl hat der 911 Turbo kein Loch. Wie er das gemacht hat? Keine Ahnung, aber es geht.

Fazit

Galerie: Erster Test Porsche 911 TurboBeeindruckend ist der Porsche 911 Turbo, keine Frage. Wesentlich mehr Leistung bei geringerem Gewicht sowie überzeugende Technik in Turbolader und Allradantrieb. Neben der überragenden Performance ist er - wie es sich für einen Elfer gehört - wirklich alltagstauglich und sehr komfortabel zu bewegen. Diese Symbiose lässt sich Porsche mit einem Einstiegspreis von gut 133.000 Euro vergüten. Doch Schmankerl machen den deftigen Porsche noch etwas würziger: 2.871 Euro für die „Tiptronic S“ genannte Automatik oder 8.491,20 Euro für die fadingresistente Keramikbremse lassen einem ebenso das Wasser im Munde zusammenlaufen wie das selbst sperrende Hinterachsdifferenzial (1.102 Euro) und das Sport-Chrono Paket mit Boost-Modus für 1.484 Euro.

Schmankerl hin oder her, der 911 Turbo hat die Latte im Sportwagenoberhaus wieder einmal höher gelegt. Und über ein Turboloch werde ich mich in Zuffenhausen künftig nicht mehr beschweren - Röhrl sei Dank.

Galerie: Erster Test Porsche 911 Turbo

 

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