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Galerie: Erster Test Renault Twizy

Erster Test: Renault Twizy

Kabinen-Roller fürs Jungvolk

30.03.2012

Der Twizy ist ein Zwitter. Weder Auto noch Motorroller, sondern beides in einem, die von Renault spektakulär ins Werk gesetzte Verschmelzung eines Smart mit einem C1, dem nur kurze Zeit produzierten BMW-Zweirad mit Dach, und einem "Zero Emission", schadstofffreien Betrieb, verheißenden Elektroantrieb. Ab 21. April steht das kuriose Gefährt bei den deutschen Händlern – zu Preisen ab 6.990 Euro zuzüglich Batterie-Miete ab 50 Euro pro Monat.

Das jüngste Renault-Kind auf Ibiza vorzustellen, war zweifellos eine gute Idee, denn das nur etwas mehr als 40 Kilometer lange und maximal 25 Kilometer breite Eiland im Mittelmeer passt gut zur Reichweite der Lithiumionen-Batterie, die den Elektromotor des Mini-Mobils antreibt. Zudem ersetzt dort die Sonne schon im März die nicht vorhandene Heizung, und die Wahrscheinlichkeit, dass die Passagiere nicht beregnet werden, ist rund ums Jahr hoch.

Das ist wichtig, weil das Wägelchen nach beiden Seiten offen ist. Selbst wenn man den exotischsten Vertreter der Zero Emission-Fahrzeugfamilie von Renault mit Türflügelchen ordert, die, in der Einstiegsphase hochgeklappt, dem Twizy das Aussehen eines abflugbereiten Käferchens verleihen, wird nur die untere Hälfte der Passagiere abgeschirmt.

Bewunderung und Amüsement

Galerie: Erster Test Renault TwizyEin Regenschauer reicht daher, um festzustellen, dass der Twizy wirklich kein Auto, sondern ein 2,34 Meter langer, 1,24 Meter breiter und 1,46 Meter hoher Kabinenroller ohne Seitenfenster ist. Und der sieht so seltsam aus, dass er von so ziemlich jedem Menschen  am Straßenrand bestaunt wird, wobei nicht immer klar ist, ob die Leute lächeln, weil sie das Gefährt gut finden, oder sich über das skurrile Mobil und den darin eingeschlossenen Fahrer amüsieren.

Als positiv dürften die Betrachter zumindest empfinden, dass der Twizy weder Geräusche noch Schadstoffe absondert. Leise erscheint er allerdings nur Außenstehenden: Die Passagiere sind hingegen nervenden, laut Renault vom automatischen Untersetzungsgetriebe erzeugten Tönen ausgesetzt, die irgendwo zwischen Zahnarzt-Bohrer und wild gewordener Küchenmaschine angesiedelt sind. Hinzu kommen bei höherer Geschwindigkeit deutliche Windgeräusche.

Leichte Skepsis

Galerie: Erster Test Renault TwizyDie Behauptung, der Twizy sei ein Fahrzeug mit null Emissionen, relativiert sich ebenfalls, wenn man sieht, dass der Strom auf Ibiza nicht von Windrädern oder Solaranlagen, sondern von einem dünne gelbe Rauchfahnen ausstoßenden Kraftwerk am Stadtrand erzeugt wird.

So ganz verfliegt die Skepsis also nicht, und der Gedanke, im Twizy mitteleuropäischen Niederschlägen und Kälte zu trotzen, statt im sonnigen Süden Ausflüge zu unternehmen, ist noch weniger erbaulich. Zwar hält Renault im Zubehör-Programm ein die Beine schützendes Futteral bereit, doch Rumpf, Arme, Hände und Kopf sind dem Wetter ausgesetzt, weshalb sich Fahrer und Begleitung bei Bedarf warm einpacken sollten.

Gut beherrschbar

Die Bereitschaft zum dicke Jacken, Handschuhe und Mützen Tragen setzt Renault bei Twizy-Käufern einfach voraus. Schließlich handle es sich bei dem neuen Modell um ein Quad, also kein Auto, sondern ein schlichte, leichte Fahrzeugkonstruktion auf vier Rädern.

Allerdings eine besonders sichere, gut beherrschbare, die in schnell angefahrenen Kurven zwar stark untersteuert, aber dank eines niedrigen Schwerpunkts nicht zum Kippen neigt, crash-getestet und ab Werk mit sichernden Gurten für beide Passagiere sowie einem Fahrer-Airbag ausgestattet ist.

Kein ABS und ESP

Galerie: Erster Test Renault TwizyDie für moderne Pkw typischen Sicherheitssysteme wie ABS und ESP fehlen dem Hecktriebler hingegen, was bedeutet, dass die vier Scheibenbremsen zwar gut dosierbar sind, aber auch blockieren können. Der Fahrkomfort ist ebenfalls weit von Pkw-Vorgaben entfernt: Jede Vertiefung im Asphalt wird der Wirbelsäule mitgeteilt, und Kanaldeckel schlagen erst recht aufs Knochengerüst durch.

Eine Kunst für sich ist das Einsteigen. Es geht von beiden Seiten, doch zumindest dem Rücksitz nähert man sich besser nicht von links, weil man sich dann leicht im Dreipunkt-Gurt des Vordermanns verheddert. Den Platz im Heck einzunehmen, ist aber selbst von rechts keine einfache Übung, da das linke Bein einen breiten, den Antriebsstrang verhüllenden Mitteltunnel überwinden muss, bevor es neben dem Schalensitz des Fahrers ausgestreckt werden kann. Sportlichen Naturen und jungen Leuten wird es gewiss gelingen, beim Einstieg eine gute Figur abzugeben; sich den Twizy als Senioren-Vehikel vorzustellen – eine Nutzung, die Renault für denkbar hält – fällt hingegen schwer.

Extra-Rucksack

Galerie: Erster Test Renault TwizyAuf dem sparsam gepolsterten Rücksitz kann man statt eines Beifahrers aber auch Gepäck festschnallen. Diebstahlsicher ist es dort allerdings nicht deponiert. 99 Euro kostet ein passend zugeschnittener, 50 Liter fassender Rucksack im Renault- Zubehör-Programm. Darüber hinaus verfügt der Twizy über zwei - fünf und 3,5 Liter fassende - Staufächer im Instrumententräger, von denen eines verschließbar ist, und ein weiteres, ebenfalls per Schloss gesichertes 31-Liter-Versteck hinterm Beifahrersitz.

Das fürs Laden erforderliche Spiralkabel mit Schuko-Stecker ist am anderen Fahrzeugende, in der schnabelförmigen Frontverkleidung,  untergebracht. Damit kann jede mit zehn Ampere abgesicherte 230-Volt-Steckdose angezapft werden. Dreieinhalb Stunden dauert es, die 42 Zellen der 98 Kilogramm schweren Lithiumionen-Batterie aufzuladen.

Autobahn-tauglich

Galerie: Erster Test Renault TwizyDer 6,1-Kilowattstunden-Leistungsspeicher lässt die 13 Kilowatt (18 PS) bereitstellende Twizy-Version, die auf eine Höchstgeschwindigkeit von 80 km/h ausgelegt ist und deshalb Autobahnen benutzen darf, je nach Fahrer-Temperament und Streckenprofil zwischen 50 und 100 Kilometer weit kommen. Die Rest-Reichweite wird angezeigt und ständig neu berechnet, denn zwischendurch -  beim Bremsen wie auch im Schubbetrieb und erst recht, wenn es bergab geht -  wird erfreulicherweise immer wieder Energie zurückgewonnen.

Auf dem übersichtlichen Instrumententräger finden sich links neben der Geschwindigkeits-, Reichweite- und Energiefluss-Anzeige die beiden fürs Fahren entscheidenden Tasten: Drückt man nach dem Start auf D, fährt der Twizy vorwärts, wählt man R, bewegt er sich in die Gegenrichtung. Außerdem gibt es noch die N-Position, die das Getriebe auf Neutralstellung schaltet. Ein weiteres wichtiges Teil ist die groß dimensionierte Handbremse unterm Armaturenbrett: Beim Abstellen sollte man sie unbedingt aktivieren, damit der Twizy nicht von Unbefugten weggerollt wird. Deren Kraftaufwand hielte sich in Grenzen: Zwischen 475 und 495 Kilogramm wiegt die unbesetzte Konstruktion.

Batterie zur Miete

Galerie: Erster Test Renault TwizyFür den Twizy 80 zahlt man – je nach Ausstattungsumfang, aber stets mit beheizbarer Windschutzscheibe – zwischen 7.690 und 8.490 Euro. Hinzu kommt eine Leihgebühr für die Batterie; sie liegt – je nach Vertragslaufzeit und Laufleistung pro Jahr - zwischen 50 und 72 Euro monatlich. Den Akku einmal aufzuladen, kostet in Deutschland etwa 1,50 Euro. Die Kfz-Steuer beläuft sich beim Twizy 80 auf 22 Euro pro Jahr. Beim 6.990 Euro teuren Twizy 45 (4 Kilowatt-Motor, maximal 45 km/h), der wie ein Moped nur ein Versicherungskennzeichen benötigt, entfällt sie komplett.

In die Batterie-Miete hat Renault "Z.E. Assistance" integriert, einen rund um die Uhr erreichbare Unterstützungsservice für Elektrofahrzeug-Kunden. Er stellt kleine Reparaturen vor Ort sicher und das kostenlose Abschleppen bei leerer Batterie zu jeder vom Kunden gewünschten Ladestation im Umkreis von maximal 80 Kilometern. Muss der Twizy in der Werkstatt verweilen, wird dem Kunden eine Übernachtung vor Ort, ein Ersatzwagen oder ein Taxi angeboten. Will ein Twizy-Fahrer zwischendurch einmal längere Strecken zurücklegen, kann er bei Renault Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor zu Sonderkonditionen mieten.

Technische Daten
 
Marke und Modell   Renault Twizy
Motor / Ausstattung   80
Motor    
Hubraum (Kubikzentimeter / Bauart)   Drehstrom-Asychronmotor
Leistung (kW (PS) / U/min)   13 (18) / k. A.
Drehmoment (Nm / U/min)   57 / 0 -2.100
Antriebsart   Heckantrieb
Akku / Kapazität (kWh)   Lithium-Ionen / 6,1
Abmessung und Gewicht    
Länge/Breite/Höhe (mm)   2.335 / 1.288 / 1.451
Radstand (mm)   1.686
Wendekreis (m)   6,8
Leergewicht  (kg)   562
Kofferraum (Liter, nach DIN)   31
Serienbereifung   v: 125/80 R 13, h: 145/80 R 19
Verbrauch    
Krafstoffart   Strom
EU-Zyklus (kWh/100km)   6,3
CO2-Emissionen (g/km) / Abgasnorm   lokal emissionsfrei / -
Reichweite (km)   100
Fahrleistungen    
Werksangabe 0-45 km/h (s)   6,1
AS24-Sprint 0-100 km/h (s)   k. A.
AS24-Bremstest 100-0 km/h (m)   k. A.
Höchstgeschwindigkeit (km/h)   80
Preise    
ab (Euro)   7.690,00
Ausgewählte Extras (Euro)   Türen halbhoch (590), Wetterschutz (129)
 
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Wartungsfreies Stromsystem

Die reguläre Hersteller-Fahrzeuggarantie endet nach zwei, die Garantie auf den elektrischen Antriebsstrang nach drei Jahren, ebenfalls ohne Kilometerbegrenzung. Außerdem gilt eine Zwölf-Jahres-Garantie gegen Korrosion. Die erste Wartung ist nach 30.000 Kilometern oder (was bei einem Fahrzeug mit einer maximalen Reichweite von 100 Kilometern eher zutrifft)  nach einem Jahr vorgeschrieben; danach liegen die Abstände bei 60.000 Kilometern beziehungsweise zwei Jahren. Das Hochvoltsystem selbst ist übrigens komplett wartungsfrei.

Der Twizy mit dem stärkeren Motor kann in Urban-, Color- oder Technic-Ausführung (erkennbar an 13-Zoll-Leichtmetallrädern, Metallic-Lackierung und Dekorflächen im Kohlefaser-Look) geordert werden. Vom Twizy 45, der mit Klasse S-Führerschein und schon  mit 16 Jahren gefahren werden darf, gibt es keine Varianten. Er spielt in den Absatzplanungen von Renault Deutschland nur eine untergeordnete Rolle: Gerechnet wird mit einem Anteil von sechs Prozent am Modellmix. Gefertigt wird das kleine E-Mobil in Spanien; die jährliche Produktionskapazität beziffert Renault mit 20.000 Einheiten.

Fazit

Der Renault Twizy ist eine ebenso gewöhnungsbedürftige wie charmante Mixtur von Kleinstfahrzeug-Konzepten. Direkt nach dem Losfahren fragt man sich: Wer braucht so ein Vehikel? Doch ein paar Stunden und etwa 100 Kilometer später fällt das Urteil milder aus: Eigentlich ganz nett, das Teil.

Vor allem im sonnigen Süden könnte es zum Kult-Objekt werden. Dass es in Mittel- und Nordeuropa zum Hit wird, ist weniger wahrscheinlich, aber nicht auszuschließen. Zumindest in Großstädten: Die Aufmerksamkeit der anderen Verkehrsteilnehmer ist einem gewiss, und die Parkplatzsuche gestaltet sich einfacher.

 
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