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Galerie: Erster Test Rolls-Royce Wraith

Erster Test: Rolls-Royce Wraith

Unübersehbares Understatement

18.09.2013

Gutes Design, heißt es, braucht keine Erklärung; es erklärt sich selbst, steht für sich. Und ist leicht zu begreifen. Glaubt man der Meinung vieler, ist das Design eines Autos dann gut, wenn man es auch als Laie in der Kneipe mit einem Kugelschreiber auf die Serviette zeichnen kann. Ohne groß nachzudenken. Versuchen Sie das mal mit einem Lamborghini Aventador. Das klappt nicht.

Einen Rolls-Royce Wraith kann sogar ich, der am Bleistift genau so unbegabt ist wie Tiger Woods am Tennisschläger, einigermaßen realitätsgetreu wiedergeben. Denn das neue Luxus-Coupé auf Ghost-Basis ist vor allem eins - schnörkellos. Große Flächen dominieren die Seitenansicht, ganz plan, ohne störende Lichtkanten, Torpedolinien oder Sicken. Dazu eine ebenso klare Fenstergrafik, die von keiner B-Säule unterbrochen wird.

Das Gesicht ist vom Ghost bekannt: Fast schon zu kleine, rechteckige Scheinwerfer, darunter ein feines LED-Leuchtenband und dazwischen der massive, leicht nach hinten versetzte Kühlergrill, gekrönt von der auf Knopfdruck ein- und ausfahrenden Spirit of Ecstasy, die die Arme zu Flügeln ausbreitet und sich gegen den Wind stellt. Freilich fehlt auch der obligatorische Mittelsteg auf der leicht erhöhten Motorhaube nicht.

Hut ab

Galerie: Erster Test Rolls-Royce WraithDas Glanzlicht des Briten kommt aber sprichwörtlich ganz zum Schluss: Nämlich das Heck, das derzeit seinesgleichen sucht. Mehr Blech hätte man dort sicher nicht verbauen können, und doch wirkt der flach zulaufende Coupé-Bürzel mit dem aufgesetzten Kofferraumdeckel, flankiert von zwei zurückhaltenden, roten Rücklichtern, äußert filigran. Spätestens wenn der Wraith vor einem fährt, weicht die Last, die das Heck im Stand zu tragen scheint, einer mühelosen Leichtigkeit. Hut ab, denn während man bei vielen Autos das Gefühl hat, am Ende verließen die Designer Kreativität, Geld oder beides, zeigt sich der Wraith bis zum letzten Millimeter perfekt durchgestylt. Echtes Understatement eben - und doch unübersehbar.

Dass in den schönen Hintern nur 470 Liter reingehen, könnte man dem Rolls-Royce als Mangel ankreiden; fasst doch sogar eine vierzig Zentimeter kürzere Mercedes-Benz E-Klasse 70 Liter mehr. Doch ist das im 5,27 Meter langen Wraith (13 Zentimeter kürzer als der Ghost) kein Problem, denn die feinen Herrschaften dürften im Coupé meistens in der ersten Reihe Platz nehmen, so dass auf der Rückbank noch genügend Stauraum für die ein oder andere Louis-Vuitton-Tasche bleibt. Und was nicht reingeht, gibt man eben dem Chauffeur in der vorauseilenden Limousine mit.

Sternenhimmel

Galerie: Erster Test Rolls-Royce WraithTrotz der klassischerweise hinten angeschlagenen Türen ist der Einstieg in den Fond bauartbedingt beschwerlicher als in einen Phantom oder Ghost; allein deswegen richtet sich der Wraith in erster Linie an Selbstfahrer. Hat man dem Champagner aber doch einmal zu sehr zugesprochen, kann man sich auch im Coupé noch fürstlich chauffieren lassen - und sich am Sternenhimmel erfreuen, der optional vom Dach leuchtet. Über 1.300 unterschiedlich hell leuchtende Fiberglasfäden durchdringen die mit Leder bespannte Decke und schaffen ein sprichwörtlich himmlisches Ambiente, das sich sogar noch dimmen lässt. Und in der Bespoke-Abteilung für Individualisierungswünsche realisiert die britische BMW-Tochter sicher auch das persönliche Sternbild oder andere Himmelskonstellationen - nur Sternschnuppen sind derzeit noch nicht möglich.

Dafür steckt unter der langen Haube ein Astral-Motor. Zwölfzylinder, 632 PS, 800 Newtonmeter Drehmoment - so die technischen Daten; das reicht, um den Wraith zum bislang stärksten Rolls-Royce zu adeln. Doch er wäre kein echter Rolls, würde er die Kraft brachial zur Schau stellen. Nur ganz leise grummelt der Motor nach dem Anlassen und verfällt in einen gleichmäßigen Leerlauf, um sich aufzuwärmen, bis man den großdimensionierten Fahrersessel und die Spiegel richtig justiert hat.

Kein Getöse

Galerie: Erster Test Rolls-Royce WraithUnd auch beim Losrollen gibt es kein lautes Getöse, kein ruppiges nach vorne Preschen. Ganz gemächlich setzt sich das 2.360 Kilogramm schwere Coupé in Bewegung und gleitet sanft über die Tücken des Großstadtasphalts hinweg. Kopfsteinpflaster, Gullideckel, Trambahnschienen - das alles scheint den Briten nicht sonderlich zu stören; und er hält es für so unwichtig, dass es die Luftfederung mit dynamischer Dämpferanpassung einfach wegschluckt und den Passagieren davon gar nichts mitteilt. Ganz leicht lässt sich der Wagen durch die Gassen manövrieren, fast könnte man das große, dünne Volant mit nur einem Finger drehen. Ein ganz handzahmer Zeitgenosse ...

Eigentlich: Denn wehe, wenn er losgelassen. Dann wird aus dem schüchtern umher schwebenden Geist ein furchteinflößendes Schlossgespenst (frei übersetzt für Wraith), das in nur 4,6 Sekunden auf Tempo 100 zu beschleunigen vermag. In Anbetracht des Gewichts eine beträchtliche Leistung, und, tief in das weiche Leder gedrückt, ein bemerkenswert anzufühlendes Schauspiel. Mit welcher Leichtigkeit das Triebwerk die Masse in Bewegung setzt, so als wüsste es nichts von der Physik, fasziniert ein ums andere Mal und verleitet auf der Autobahn doch stets zu kurzen Zwischensprints. An deren Ende freilich auch die Bremsen ihr Können demonstrieren müssen, denn der Vordermann kommt schneller nahe als einem lieb ist.

Kurven fürs Getriebe

Galerie: Erster Test Rolls-Royce WraithSo faszinierend die forcierte Längsbeschleunigung des edlen Koloss - die den Verbrauch übrigens weit über die veranschlagten 14 Liter pro 100 Kilometer hinaus treibt - sein mag, so schnell stößt er in kurvigem Geläuf auch an seine Grenzen. Das macht aber auch nichts, denn für die ambitionierte Kurvenhatz ist ein Rolls-Royce gewiss nicht gebaut. So lässt sich der Hecktriebler zwar flott in die Kurve werfen, doch quittiert er solche Manöver mit kräftigem Schieben über die Vorderräder und einer deutlichen Seitenneigung; beides ist der schieren Masse geschuldet. Und ganz ehrlich, warum sollte man einem Wagen, der so schön dahingleiten kann, so etwas antun?

Wer dagegen bestens auf Kurven vorbereitet ist, ist der Achtgang-Automat von ZF. Im Wraith arbeitet das Getriebe nämlich mit dem Navigationssystem zusammen (Satellite aided Transmisson, also satellitengestütztes Getriebe). So kann der Gangwechsler vorhersehen, welche Fahrmanöver als nächste folgen werden und vorausschauend die passende Übersetzung einlegen, oder eben gerade nicht schalten. So hält der Wraith etwa auf kurvigen Straßen den Gang länger, ohne zwischen zwei Biegungen unnötig hochzuschalten. Dass funktioniert in der Praxis zumindest so gut, dass auf den ersten paar hundert Kilometern mit dem Wraith nie der Eindruck aufkam, er wäre im falschen Gang.

Auf Distanz zu BMW

Technisch seinen Brüdern voraus ist der Wraith auch beim Entertainmentsystem. Zwar wird es nach wie vor über BMWs äußerst komfortables iDrive-System gesteuert, doch hat Rolls-Royce das Menü optisch überarbeitet und eigenständiger gestaltet; Verwechslungsgefahr mit der Münchner Mutter besteht nun nicht mehr. Und in den Dreh-Drück-Regler wurde eine Touchpad integriert, auf dem mit dem Finger Buchstaben geschrieben werden können, um zum Beispiel ein Navigationsziel einzugeben - wenn man nicht gleich die Spracheingabe nutzen will.

Galerie: Erster Test Rolls-Royce WraithWeiterhin nicht ganz auf der Höhe der Zeit ist die Marke allerdings bei den Fahrerassistenzsystemen. Auf diesem Gebiet beschränkt sich Rolls-Royce auf einen Abstandstempomaten und eine Rundum-Kamera, die den Wagen beim Rangieren aus der Vogelperspektive zeigt. Spurhalteassistent, Tot-Winkel-Warner oder automatische Notbremsung gibt es nicht; lediglich ein Warnsystem vor Fußgängern und Tieren wurde in das Nachtsichtsystem integriert. Und immerhin gibt es das von BMW bekannte Head-up-Display, dass alle wichtigen Informationen in die Scheibe projiziert.

Auf die Frage, warum es diese Techniken nicht gibt, folgt bei Rolls-Royce immer die gleiche Antwort: Es sei den Kunden nicht wichtig, für sie zähle der Luxus, nicht die Technik. Damit mögen die Verantwortlichen sicher recht haben, und dürften viele Rolls-Royce-Fahrer zum Beispiel auch noch eine mit Spielereien vollgestopfte S-Klasse zu Hause stehen haben. Doch bei einem Preis von rund 280.000 Euro dürfte die Technik trotzdem nicht fehlen.

 
Fazit

Michael Gebhardt

Neu erfunden hat sich Rolls-Royce mit dem Wraith sicher nicht, und hätte man den Wagen getrost auch Ghost Coupé nennen können. Doch was die Briten da auf die mindestens 20 Zoll großen Räder gestellt haben, ist - Name hin oder her - durch und durch beeindruckend. Dass die Fahrleistungen äußerst imposant sind und der Komfort immens groß ist, war zu erwarten. Dass das Ganze aber auch noch so schön verpackt werden kann, ist durchaus bemerkenswert.

Vor allem in Fahrt zeigt das Blechkleid seine volle Wirkung. Obwohl der Wraith schnörkellos und mit klaren Linien gezeichnet ist, legt er doch eine unvergleichliche Präsenz an den Tag - unübersehbares Understatement eben. Erst recht in der Rückansicht: Soviel Blech so schön zu modellieren, ist eine Kunst, und bei diesem Heck haben sich die Designer selbst übertroffen.    
 
 

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