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Galerie: Grenzbereich Bentley Mulsanne

Grenzbereich: Bentley Mulsanne

Aber schön ist es doch

03.09.2013

Es fällt uns Motorjournalisten oft nicht leicht, das Steuer sprichwörtlich aus der Hand zu geben. Sitze ich am Beifahrerplatz, trete ich meistens noch vor dem Fahrer aufs nicht vorhandene Bremspedal, und so manches „Achtung, hast Du den gesehen“ hat schon zu Verstimmung im Wagen geführt. Anders sieht es aus, wenn Bentley einem nicht nur sein Flaggschiff Mulsanne vor die Tür stellt, sondern den passenden Chauffeur gleich noch dazu mitschickt.

Ganz ehrlich: Einen Mulsanne selber zu fahren, macht schon Spaß. Nicht zuletzt weil es die Ingenieure geschafft haben, dass sich der über zweieinhalb Tonnen schwere 5,58-Meter-Koloss deutlich handlicher fährt, als es diese nackten Zahlen vermuten lassen. Problemlos lässt sich damit durch die Münchner Innenstadt kurven, ohne dass man das Gefühl hat, ständig irgendwo anzuecken. Und auch enge Parkhäuser sind nicht wirklich ein Problem; man muss nur akzeptieren, dass der Wagen immer ein gutes Stück weiter aus der Lücke herausragt als andere. Doch mit diesen Kleinigkeiten soll sich fortan der livrierte Chauffeur beschäftigen.

Ich nehme rechts hinten Platz, strecke gemütlich meine langen Beine aus - und wundere mich auf den ersten Metern, warum niemand guckt. So problemlos sich die Luxus-Limousine im Straßenverkehr verhält, so wenig fällt sie nämlich in selbigem auf; zumindest in München. Nicht, weil man hier besonders viele Mulsannes zu sehen bekäme, doch kann man den bayrischen Landeshauptstädtern eine gewisse Gewöhnung an edle Karossen nicht abreden. Und zwischen Ferraris, Aston Martins und Rolls-Royces sticht das zwar sehr üppige, aber doch eher schlichte Blechkleid des Briten mit seinen Kulleraugen tatsächlich nicht sonderlich hervor.

Autos machen keine Leute

Rasant stieg die Neugier allerdings an, sobald der Wagen anhielt, und die Vorbeiflanierenden bemerkt haben, dass im Fond ja jemand sitzt. Und als dann noch der Chauffeur ausstieg, um mir die Tür aufzumachen, wurde das Interesse doch groß. Genauso schnell lies

es allerdings wieder nach, als die Schaulustigen merkten, dass kein Promi – und falls doch, nur einer aus der unbekannten und uninteressanten D-, E- oder F-Riege aussteigt. Autos machen eben doch keine Leute.

Die Meinung der Anderen kann einem allerdings gänzlich egal sein, wenn man im Mulsanne sitzt. Zum einen allein genau deswegen – weil man drin sitzt, und nicht mit der stickigen U-Bahn oder einem maroden Kleinwagen fahren muss. Zum anderen, weil hinter den schweren Türen mit den doppelten verglasten Fenstern ein Ort der Ruhe wartet, der einen von den Widrigkeiten des Straßenalltags fern hält.

Größtmöglicher Luxus

Galerie: Grenzbereich Bentley MulsanneDas tut der Bentley vor allem, indem er die Passagiere im Fond mit größtmöglichem Luxus verwöhnt. Hier sind keine Sitze verbaut, sondern Lehnsessel-ähnliche Fauteuils mit kuschelweichem Leder, auf denen man sich wie in Abrahams Schoß gebettet fühlt. Hierauf beim sanften Schaukeln während der Fahrt nicht ins Reich der Träume abzugleiten, ist eine Kunst. Doch warum soll man denn kein Schläfchen wagen, wenn der Fahrer vorne alles im Griff hat? Selbst wenn der Marschbefehl eindeutig war und der Chauffeur die 512 Pferdchen des 6,75-Liter-V8 frei lässt, bleibt es im Mulsanne ruhig genug, um nicht aufzuwachen. Einzig der vehemente Nachdruck, mit dem einen die 1.020 Newtonmeter in die Ritzen der Sitze zu drücken scheinen, könnte den Schlummer stören.

Galerie: Grenzbereich Bentley MulsanneAllerdings sollte man der guten Seele hinter dem von Hand mit Kreuzstichen vernähten Volant vor Fahrtbeginn ins Gewissen reden; denn der Mulsanne schafft zwar spielend die 250-km/h-Marke – sogar fast Tempo 300 ist drin -, doch passt das nicht wirklich zum britischen Understatement und kann einem bei dieser Geschwindigkeit durchaus Bange werden, im Hinblick darauf, dass die über die Autobahn fliegenden Massen irgendwann vielleicht um die Kurve müssen und am Ende ja auch wieder abgebremst werden sollen – so ein Mulsanne ist zwar furchtbar schnell, aber sicher nicht furchtbar dynamisch. Lieber weist man James und Co. also zu einer gemütlichen Gangart an – dann verschüttet man auch den Champagner nicht so leicht.

Nur nichts vergeuden

Jeder vergeudete Tropfen wäre auch zu schade, denn große Vorräte kann man von der Blubber-Brause nicht mit an Bord nehmen. Mit gerade einmal 433 Liter Kofferraum hat der Mulsanne nur rund 50 Liter mehr Stauraum als ein VW Golf zu bieten. Die Hutschachteln schickt man also am besten gleich vor der Abreise mit der Post ans Ziel, um nicht noch unnötig Platz zu verschwenden.

Mit solchen Nebensächlichkeiten muss man sich – spätestens wenn der Wagen in Fahrt ist, die meisten Besitzer aber wohl auch schon vorher – gar nicht beschäftigen, viel mehr kann man sich im Mulsanne über hunderte von Kilometern an den edlen, von Hand verarbeiteten Wurzelhölzern, den flauschigen Teppichen unter den Füßen oder den aus echtem Metall gearbeiteten, Orgelregisterzug-ähnlichen Hebelchen für die Lüftungsdüsen erfreuen – und sie immer und immer wieder anfassen.

Keine profanen Gedanken

Galerie: Grenzbereich Bentley MulsanneSo profane Überlegungen wie die wegen des schnöden Kofferraumvolumens kommen einem da gar nicht in den Sinn. Und auch den Gedanken an den Spritverbrauch sollte man besser gar nicht erst wagen. Doch wenn der Fahrer gut ist, versüßt er einem die häufigen Tankstopps, die ein Konsum von 20 Litern oder mehr nötig macht, immer gleich mit neu erworbenem Schampus, der in dem Kühlschrank zwischen den Rücksitzen hinter einer Glasscheibe den richtigen Platz findet.

Als nicht an das chauffiert und hofiert werden Gewöhnter wird man allerdings über kurz oder lang doch einmal an den Preis denken. Und so geistert mir, als ich das Sektglas auf dem Klapptischchen vor mir abstelle, unfreiwillig diese Zahl im Kopf herum: 300.000. Ungefähr so viele Euros kostet der Mulsanne – wenn man sich mit Sonderwünschen zurückhält. Wer seiner Phantasie freien Lauf lässt und sich in Crewe einen Wagen nach ganz eigenen Vorstellungen gestalten lässt, darf gern noch ein wenig tiefer in die Tasche greifen.

Die Erkenntnis

In Anbetracht dieser Summe, die man auch in ein Eigenheim, in fünfzehn VW Golf oder in ein Zwei-Jahres-Aufenthalt im Fünf-Sterne-Hotel investieren könnte, relativieren sich Prunk, Protz und Champagner ein wenig. Denn am Ende ist auch der Bentley Mulsanne „nur“ ein Auto, das mich – wenn auch auf äußerst charmante Art – von A nach B bringt. Und so bleibt am Schluss der Reise die Erkenntnis, dass so viel Luxus sicher nicht nötig ist. Aber schön ist es doch.

 
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