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Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in Crewe

Grenzbereich: Das Bentley-Werk in Crewe

Handarbeit und Hightech

14.08.2014

Dass der Volkswagen-Konzern einen Hang zu außergewöhnlichen Automobil-Werken hat, hat schon unser Besuch in der Gläsernen Manufaktur offenbart. Ganz anders als die Dresdner Hightech-Welt, aber mindestens genauso beeindruckend, ist das Bentley-Werk in Crewe. Wir haben uns vom Zauber der altehrwürdigen Stätte, in der feinste Automobile nachwievor großenteils in Handarbeit gefertigt werden, einfangen lassen.

Die Eisenbahn machte Crewe, rund 50 Kilometer südlich von Manchester in der Grafschaft Cheshire gelegen, groß, zahlreiche Werkstätten siedelten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts an dem Schienen-Knotenpunkt an. Schon 1871 lebten 40.000 Einwohner in dem neu gegründeten Örtchen, heute sind es knapp 70.000. Schienenfahrzeuge spielen in diesen Tagen keine große Rolle mehr, den Stellenwert der ehemaligen Eisenbahnfabriken nimmt heute das Bentley-Werk ein.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweObwohl 1938 vom damaligen Bentley-Eigner Rolls-Royce nur für den Motorenbau errichtet, diente das Werk nach dem zweiten Weltkrieg als Produktionsstätte für Luxusfahrzeuge beider Marken. 1998 übernahm der VW-Konzern beide Unternehmen, die Marken-Rechte an Roll-Royce erwarb BMW. Noch bis 2003 wurden in wilder Ehe sowohl Rolls als auch Bentleys, vor allem mit BMW-Teilen, in Crewe gebaut; nach der Scheidung zog die Tochter des Münchner Autobauers aus und fand in Goodwood in der Nähe von London eine neue Heimstatt.

Aufschwung in Mittelengland

Bentley blieb seiner mittelenglischen Heimat treu - und bescherte der verschlafenen Gegend einen neuen Aufschwung. Denn über zu wenig Arbeit kann sich heute in Crewe keiner beschweren. 2012 wird Bentley wohl mehr als 10.000 Autos gefertigt haben, zehn Mal so viele wie vor zehn Jahren. Und bei Bentleys Flaggschiff, dem Mulsanne, geschieht das noch heute fast ausschließlich in Handarbeit.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweIn den altehrwürdigen Backsteinhallen, in denen der Geist des Firmengründers W. O. Bentley immer noch präsent zu sein scheint und man damit rechnet, dass jederzeit einer der Bentley-Boys um die Ecke kommt, schrauben, schnitzen und schleifen rund 4.000 Mitarbeiter, teilweise aus mehreren Generationen einer Familie; in der Vor-VW-Ära waren es gerade einmal anderthalbtausend. Die Befürchtungen der Arbeiter, mit Volkswagen werde alles schlechter, haben sich in Luft aufgelöst. Im Gegenteil: Mit Geld und Technologie brachten die Wolfsburger Werk und Produkte auf Vordermann und gepaart mit traditioneller Handarbeit entstehen heute Träume auf Rädern, die nicht mehr nur schön aussehen, sondern auch technisch auf dem neuesten Stand sind.

Sechs Mulsanne pro Tag

Der Aufstieg Bentleys und die steigende Produktionszahlen gehen vor allem auf das Konto des „Kleinen“, der Continental-Baureihe. Auf einer VW-Phaeton-Plattform baut Bentley Coupé, Cabrio und Limousine und die mit 200.000 Euro verhältnismäßig günstigen Modelle gehen weg wie warme Semmeln. 41 Continentals werden jeden Tag in Crewe gebaut, von der großen Limousine Mulsanne, derentwegen wir hier sind, sind es lediglich sechs; auf der Continental-Linie beträgt die Taktzeit 12 Minuten, beim Mulsanne sind es 82.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweViele Millionen Euro hat Volkswagen in den Mulsanne und den Standort Crewe investiert, fünf Jahre dauerte die Entwicklung des 5,76 Meter langen Luxus-Liners, der 2009 auf dem Concours d‘Elegance im kalifornischen Pebble Beach sein Debüt gab. Die Kundschaft sitzt vor allem in China, im mittleren Osten und in den USA; in Europa sind es größtenteils Deutsche und natürlich Briten, die die rund 300.000 Euro für einen Mulsanne locker machen. Aber nicht nur gesetzte, ältere Herren würden dem Zauber verfallen, erst neulich habe ein 23jähriger Londoner seinen Mulsanne abgeholt, erzählt Nigel, einer der Werksführer, stolz.

37 Stunden für den Kreuzstich

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweUnter den rund 6.000 Besuchern, die Jahr für Jahr durch die heiligen Hallen von Crewe wandeln, sind viele Kunden. Sie kommen, um im sogenannten Living Room ihren Bentley zusammenzustellen und aus den unzähligen herumliegenden Lackmustern den richtigen Farbton auszuwählen. Sie sehen bei der Fertigung ihres eigenen Fahrzeugs zu und sprechen mit den Mechanikern oder sie holen ihren Bentley persönlich ab. Manche machen sogar all das. „Eigentlich sollte jeder Käufer nach Crewe kommen,“ wünscht sich Nigel. Schließlich würden sie dann noch besser verstehen, warum die Autos so teuer seien. Wer es nicht selbst nach England schafft, bekommt immerhin auf Wunsch eine Fotoreportage vom Bau seines Bentleys.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweDer Hochglanzband mag eine schöne Erinnerung sein, die besondere Atmosphäre im Werk aber wird er nicht vermitteln können. Man riecht schließlich zwischen den Seiten nicht den Duft von feinstem Leder, das von süddeutschen und skandinavischen Bullen stammt und in Italien gegerbt wird. 17 Tierhäute braucht es für einen Mulsanne, möglichst ohne Mückenstiche. Alle werden sorgsam von wachen Augen überprüft und jeder noch so kleine Fehler wird angekreidet. Allein um ein Lenkrad zu beziehen, braucht es über fünf Stunden. Und wer in seinem Mulsanne lieber den schmucken Kreuzstich statt der Standardnaht möchte, verschafft den Näherinnen und Nähern Arbeit für weitere 37 Stunden.

Streich der Symmetrie

Nicht weniger Aufwand wird in der Holzmanufaktur betrieben. Furniere für rund drei Wochen lagern in einer kleinen Kammer am Eingang. Ihr Wert: rund 100.000 Pfund. Was in Crewe als hauchdünne Scheibchen ankommt, waren einst knorrige Wurzeln von achtzig bis einhundert Jahre alten Bäumen. Diese werden nach Valencia gebracht und dort vier Tage lang gekocht. Erst dann lassen sich die filigranen Furnierblätter abschälen, die zunächst getrocknet werden und vor der Verarbeitung wieder für drei Wochen im Humidor verschwinden, wo sie erneut Feuchtigkeit einatmen dürfen.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweAuch wenn in einem Mulsanne „nur“ vier Quadratmeter Holz verbaut sind - so viel wie in kaum einem anderen Auto -, braucht es für die Fertigung knapp zehn Quadratmeter. Der Rest ist Verschnitt. Schließlich muss das Holz nicht nur absolut fehlerfrei sein, auch die Maserung muss perfekt sein und sich komplett symmetrisch durch das ganze Fahrzeug ziehen. Einmal spielte diese Perfektion den Arbeitern schon einen Streich: Als sie das Furnier für das Armaturenbrett fertiggestellt hatten, formte die Maserung einen Totenkopf. Der Kunde verzichtete darauf, stets von Gevatter Tod angestarrt zu werden und bekam ein neues Dashboard.

Geschliffen und poliert

Wo sich das Gewicht eines Bentleys, und auch der Preis, verstecken, zeigt ein Blick hinter das in mehreren Schritten von Hand abgeschliffene und polierte Furnier. Denn wo in anderem Autos möglichst leichte und kostengünstige Plastikkonstruktionen als Träger für das dünne Furnier dienen, setzt Bentley es auf ein massives Stück Holz, das in einem Ofen für einige Zeit Wärme spenden würde. Doch genau diese oft unsichtbaren Details sind es, die aus einem Auto einen Bentley machen.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweNicht mehr ganz so feinsinnig wie in der Leder- und Holzwerkstatt geht es im Karosseriewerk zu. Die Blechteile für den Mulsanne kommen aus Deutschland und Großbritannien und werden in gut zwanzig Arbeitsstunden in Crewe zusammengeschweißt. Hier arbeiten ein paar der wenigen Roboter in der Mulsanne-Fertigung: Sie fügen die 620 Teile mit 5.800 Schweißpunkten und 669 Nieten zusammen. Doch danach beginnt wieder die Handarbeit, alle Nähte werden sorgfältig abgeschliffen und erst wenn der Rohbau absolut plan ist, geht‘s in die Lackiererei, wo der Mulsanne einen der rund einhundert Standard-Farbtöne verpasst bekommt oder ganz individuell nach Kundenwunsch koloriert wird.

500 Stunden Arbeit

Was noch fehlt, ist der Motor, das Herzstück eines jeden Mulsanne. Die Maße sind seit jeher gleich: 6,75 Liter Hubraum fasst der V8, dessen Block aus Deutschland angeliefert wird. Mit den schwerfälligen Aggregaten vergangener Generationen hat das Triebwerk aber außer der Größe nicht mehr viel gemein. VW hat das altehrwürdige Kraftwerk dank Bi-Turbo-Aufladung auf 512 PS und sagenhafte 1.020 Newtonmeter getrimmt und ihm gleichzeitig eine Zylinderabschaltung spendiert, die bei Nichtbedarf vier der acht Brennkammern außen vor lässt. Wieder braucht es viele gekonnte Handgriffe, um den Motor fertigzustellen und mit dem hochmodernen Achtgang-Automatikgetriebe zu verbinden. Und erst wenn der Antrieb alle Belastungsproben bestanden hat, geht es zur Hochzeit; dem Moment, in dem sich Karosserie und Antriebsstrang vereinen - natürlich von Hand.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweRollt der fertige Mulsanne schließlich vom Band, stecken rund 500 Arbeitsstunden in der Luxus-Limousine. Doch zum Kunden darf er noch immer nicht. Erst noch muss er Tests auf dem Rollenprüfstand und der Pyms Lane, der Straße, an der das Werk seit jeher angesiedelt ist, über sich ergehen lassen. Die ist zwar nicht mehr so holprig wie in früheren Tagen, doch die langjährige Erfahrung der Bentley-Experten deckt jeden kleinen Mangel auf. Und dann heißt es nacharbeiten. Von Zeit zu Zeit werden außerdem einzelne Fahrzeuge herausgegriffen, die sich sogar einer fünf Stunden dauernden Qualitäts-Prüfung unterziehen müssen.

Der Zauber lässt den Preis vergessen

Der Wagen, der nach dem Rundgang vor dem Werk für mich bereit steht, hat das alles bereits hinter sich. Es ist der gleiche, mit dem ich am frühen Morgen vom Flughafen abgeholt wurde. Doch jetzt, da ich eintauchen durfte in eine Welt, in der Handarbeit und Hightech sprichwörtlich Hand in Hand gehen, in der Qualität und Liebe zum Detail mehr wert sind, als möglichst günstig zu produzieren und in der man bei jedem einzelnen Arbeitsschritt merkt, dass die Menschen, die hier arbeiten, etwas Perfektes schaffen wollen, sehe ich ihn mit anderen Augen.

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweIch sehe den Perfektionsanspruch der Schleifer und Polierer, die mit Muskelkraft dafür gesorgt haben, dass der Mulsanne nun mit der Herbstsonne um die Wette strahlen kann. Ich fühle das warme, massive Holz, das das in vielen einzelnen Schritten hergestellte Furnier aus hauchdünnen Wurzelscheiben trägt und sich wie ein Ring einmal komplett durch das Auto zieht. Und ich ertaste auf den weichen Ledersesseln die Handarbeit, die in jedem einzelnen Kreuzstich steckt.

Ehrfürchtig und entzückt zugleich starte ich den großen Achtzylinder, der mit seinem ehrwürdigen Blubbern signalisiert, dass er bereit für unsere Ausfahrt ist. Erhaben rollt der Mulsanne vom Hof, gediegen geht es durch kleine englische Dörfer, deren Straßen kaum breiter sind als der Bentley, bis er schließlich auf der Autobahn demonstriert, welche Kraft in ihm steckt. Spätestens jetzt dürfte jeder Bentley-Käufer vom Zauber eingefangen sein, der allen Autos aus Crewe innewohnt. Und die Summe auf dem Scheck, die er für diesen Luxus eintragen musste, ist auch vergessen... Hand drauf!

Lust auf mehr?

Galerie: Grenzbereich Das Bentley-Werk in CreweWenn Sie selber einmal nach Crewe kommen wollen: Das Werk steht Besuchern, die keinen Bentley kaufen möchten, Freitagvormittags offen. Die Tickets zum Preis von 25 Pfund sollten im Vorfeld reserviert werden. Weiter Informationen dazu finden Sie auf der Bentley-Homepage. Und für alle, die keine Reise nach England planen: Klicken Sie sich durch unsere Galerie und kommen Sie mit uns auf einen virtuellen Rundgang.

 
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