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Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S

Grenzbereich: Lotus Exige S

Schub-Lehre

13.12.2007

Verrückt sein und verrückt handeln ist voll im Trend. Ob Extremsport, Rekorde fürs Guinessbuch oder „Holt mich hier raus“-Trash – viele Menschen scheinen süchtig nach Grenzerfahrungen. Hierfür eignet sich auch ein Lotus, am besten der Exige S. Die Hardcore-Flunder ist eine verfeinerte und geschärfte Starkversion der Elise. 243 PS bei 935 Kilo Gewicht sprechen bereits für sich. Doch ich wollte mehr erfahren und habe mit dem Modellathleten reinster Lehre – nicht ganz freiwillig – ein Langstrecken-Wochenende absolviert.

Der Terminkalender ließ mir keine Wahl: Ich muss mit dem Test-Exige am Wochenende trotz winterlicher Witterung von München nach Bremen. Mamas Geburtstag. Was ich auf der 1.600-Kilometer-Tour innerhalb von 50 Stunden mit dem Lotus erleben durfte, habe ich chronologisch zusammengefasst. In diesem Lust-Drama in drei Akten ersetzen Ereignisse, Gedanken und „Dialoge“ den sonst üblichen Fahrbericht.

Freitag, Hinreise

0 km, 14:15 Uhr: Abschied von der Redaktion. Besorgte Mienen, Kopfschütteln, aufmunternde Sprüche, süffisantes Lächeln – Kollegen eben.

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S0 km, 14:20 Uhr: Kleines Gepäck und Fototasche passen so gerade noch auf den Beifahrersitz. Ich falte mich auf der anderen Seite unbeholfen in den hautengen Alu-Stahl-Käfig. Meine Einstiegschoreographie macht mir bewusst: Ich bin reif für Bauchwegtraining und Yogakurs. Ein Blick in den Innenraumrückspiegel: Der Motor ist da. Auf geht’s.

5 km, 14:30 Uhr: Toller Sound: Vier Lautsprecher beschallen meine sensiblen Lauscher in unerwartet hoher Qualität. Im Radio werben die Kitzbüheler Alpen: super Schnee, super Skifahren. Für Lotus-Fahrer sind das keine guten Nachrichten.

6 km, 14:35 Uhr: Stop-and-Go-Verkehr. Lange Weile. Ich spiele mit dem ausziehbaren Getränkehalter aus vollem Alu mit Lederlasche in Karbonoptik … Lederkarbon …? Das klingt doch fast so edel wie Golddiamanten.

6 km, 14:38 Uhr: Weiterhin Stau. Spontaner Spurwechsel. Der Hintermann will mich nicht lassen, ich zieh trotzdem rein. Schade, der Motor versperrt mir den Spiegelblick auf sein vermutlich verärgertes Gesicht. Heutzutage muss eben jeder sehen, wo er auf der Strecke bleibt.

14 km, 14:55 Uhr: Endlich Autobahn. Wieder Stau. Neben mir rollt ein Mini Cooper S: von wegen Go-Kart-Feeling im Mini! Diese Umschreibung kann nur einem Weichhirn entstammen. Aus meiner Exige-Perspektive wird der Mini zwangsläufig zum Rolls-Royce.

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S82 km, 15:46 Uhr: Touran überholt rechts und verharrt auf gleicher Höhe. Der Fahrer und die Kinder im Fond belästigen mich von oben herab mit obszön-neugierigen Blicken.

102 km, 16:02 Uhr: Rolling Stones’ ‚Painted Black’ fetzt es aus dem Radio. KULTSONG – laut hören! – vor allem im ungefilterten Exige.

120 km, 16.15 Uhr: Ein orangenes Lämpchen signalisiert: leerer Tank. Hmmm, wie viel Reserve ich wohl habe? Waren es wirklich noch 30 Kilometer bis zur nächsten Raste?

125 km, 16:21 Uhr: Erster Tankstopp. Knapp 30 Liter, 50 Euro.

126 km, 16:35 Uhr: Einfädelspur: Der phänomenale Durchzug presst mir ein breites Grinsen ins Gesicht und den Wagen umgehend auf die Überholspur.

176 km, 17:02 Uhr: Hmm, spüre ich etwa ein Zwicken in der Hüfte und Schmerzen im rechten Bein? Vorläufige Erkenntnis: Auf der Komfortskala von 1 bis 100 rangiert der Exige bei etwa - 20.

215 km, 17:28 Uhr: Dämmerung und Regen setzen ein. Die ohnehin schlechte Sicht nach hinten wird noch schlechter. Der Wischer rubbelt laut. Ich bin genervt.

225 km, 17: 42 Uhr: Genau 100 Kilometer nach dem Tanken wird erstmalig der digitale Balken der Tankuhr kleiner. Nimmt der weiterhin so langsam ab, habe ich locker über 1.000 Kilometer Reichweite.

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S233 Km, 17: 46 Uhr: Angeblich ist der Tank wieder voll.

320 km, 18:30 Uhr: Alles mittig: Ich gleite mit 150 Sachen dahin. Die Tachonadel zeigt genau nach oben auf der 300-km/h-Skala. Ebenso die Nadel des Drehzahlmessers, die bei 4.500 von 9.000 Touren geradewegs gen Himmel weist. Ich spreize meine Daumen. Deren Spitzen treffen sich in der Mitte des Momo-Lenkrads. Ich fühle mich eins mit dem britischen Superleggera.

350 km, 18:45 Uhr: Baustelle, verengte Fahrbahn. Völlig entspannt ziehe ich an den Lastern vorbei. Der direkten Lenkung und den klar definierten seitlichen Abmessungen sei dank.

380 km, 19:00 Uhr: Dem Ende der Baustelle folgt eine dreispurige Fahrbahn mit deutlichem Anstieg. Ein beherzter Tritt aufs Gaspedal und die Nadel springt von 80 auf 150 km/h.

389 km, 19:07 Uhr: Ist hinter mir ein Polizeiauto? Verflixt, Details lassen sich durch die wenigen Sehscharten nicht ausmachen.

398 km, 19:14 Uhr: Erste Assoziation, den Motorklang zu beschreiben: Mischung aus Froschquaken und dem Sound einer Oboe.

429 km, 19:29 Uhr: Der Regen hört auf, die Autobahn wird kurvig. Während alle anderen das Tempo drosseln, liegt mein Exige wie ein Brett auf dem Asphalt. Je enger die Kurve, desto größer mein Bedürfnis, schnell zu fahren. Ich muss jetzt alle versägen, denn dieser kurvengierige Renner liegt einfach zu perfekt auf der Straße. Mit meinem Wagemut wächst scheinbar noch die souveräne Straßenlage. Exige und Kurven – das gehört zusammen wie die Tokioter Metro und Unterhöschen-Automaten.

430 km, 19:30 Uhr: Wieder tanken. Wieder 30 Liter. Im Schnitt genehmigt sich der Vierzylinder also rund zehn Liter auf 100 Kilometer. Die Tankanzeige differenziert nur grob zwischen fast voll und fast leer.

477 km, 19:50 Uhr: … doch nicht wie eine Oboe, sondern wie eine kaputte Oboe klingt der kompressorgeladene Vierzylinder hinter mir.

489 km, 19:59 Uhr: Hui! Mit 200 Sachen geht’s durch eine Kurve. Zumindest im legalen Straßenverkehr bietet die deutsche Autobahn ein durchaus beeindruckendes Potenzial zum Glücklichmachen. Epiphanieähnlich wird mir bewusst, warum unsere Schnellfernwege weltweit Kultstatus genießen.

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S501 km, 20:08 Uhr: … oder klingt der Motor doch mehr nach einer Kreis(ch)säge?

505 km, 20:11 Uhr: Beunruhigend: Ich fahre immer dichter auf. Vermutlich liegt das an den perfekt dosierbaren, spontan reagierenden und kraftvoll zupackenden ABS-Bremsen. Die Super-Stopper definieren mein Sicherheitsempfinden neu.

612 km, 21:03 Uhr: Beim Blick nach vorn fällt mir auf, dass ich das Ende der flach abfallenden Schnauze gar nicht sehen kann. Allein die stark gewölbten Radkästen links und rechts künden vom Vorderbau. Ich sitze in einem echten Rennwagen.

645 km, 21:20 Uhr: Ich überhole einen Land Rover Defender … Es gibt also auch andere Verrückte, die hier unterwegs sind.

680 km, 21:38 Uhr: Gerade Strecke, neue Fahrbahndecke, freie Fahrt – jetzt will ich es wissen: runter in den Vierten, Vollgas, hoch in den Fünften, Gas! und zack in den Sechsten. Stramm marschiert der Exige S auf 220. Etwas Anlauf braucht es bis 240, und erst als es leicht bergab geht, sind sogar über 250 drin. Die Drehzahlnadel tänzelt dabei um die 8.000-Marke. Der Sound ist jetzt ohrenzerreißend. Ich sitze vor der Turbine eines startenden Düsenjets. Obwohl ein Fliegengewicht, saugt sich der Exige am Untergrund fest. Der mächtige Heckspoiler und der glatte Unterboden leisten also gute Arbeit und sorgen für reichlich Bodenhaftung.

715 km, 21:52 Uhr: Kurz vorm Ziel. Die Fahrt war gar nicht so hart. Eigentlich hab ich den Trip sogar erstaunlich gut verdaut und dabei noch viel Spaß gehabt.

730 km, 21:57 Uhr: Autobahnausfahrt, endlich wieder eine Kurve. Jippiiee!!! Und, ooops, fällt das Gepäck vom Beifahrersitz auf meinen Schoß.

740 km, 22.12 Uhr: Ampelstop, Ungeduld. Ich jage den Gangwahlhebel durch die sechs Vorwärtsgänge. Mit lautem mechanischem Klacken flutscht der Hebel präzise durch die Gassen und das dank kurzer Wege in Rekordzeit.

745 km, 22:25 Uhr: Endlich angekommen. Puhh. Erster Kommentar meiner Frau: „Boaah, hast du rote Augen.“ Hmm, war wohl doch etwas anstrengender als ich eben noch dachte. Wer sich als Held fühlt und seinem Schmerz einen Sinn beimisst, leidet offensichtlich weniger …

Samstag, Stadtverkehr

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S745 km, 11:00 Uhr: Volles Haus im Exige. Erst steige ich ein, nehme meine Tasche und dann den Rucksack meiner Frau auf meinen Schoß. Meine Frau steigt ein. Danach übergebe ich ihr beide Taschen. „Irgendwie eng hier!“, analysiert ihr scharfes Juristenhirn die Ausnahmesituation.

751 km, 11:15 Uhr: Parklücke mit Bordstein. Der Teilblindflug erzeugt bei mir angespannte Nervosität. Ich taste mich übervorsichtig zurück. Felgen, Heck und Front des Exige sind nun akut gefährdet, befürchte ich. Klare Entscheidung: Meine Frau muss aussteigen und mich einweisen … in die Parklücke, versteht sich.

753 km, 11:30 Uhr: Blumenkauf. Kommentar meiner Frau: „Im Blumenladen war es mindestens so eng wie in deinem Lotus. Muss wohl an dem floristischen Thema liegen.“

755 km, 11:35 Uhr: Mein Frau nörgelt weiter. „Gibt’s hier keinen Schminkspiegel?“ „Nein. Aber nimm doch den Innenrückspiegel. Der zeigt ohnehin nur den Heckmotor.“ Trotz ihrer kurzeitigen Verwirrung findet sie sich auch mit diesem Umstand ab und richtet ihre Haare.

793 km, 19:30 Uhr: Vorfahrt am Theater. Endcooler Auftritt für den Exige. Die draußen wartenden Besucher sind offensichtlich beeindruckt vom heißen Engländer. Obwohl ein irgendwie ja protziges Auto, erzeugt der Wagen dank seines Underdog-Images dennoch keine neidvollen Blicke. Ein Phänomen: Der exotische Brite kommt offensichtlich überall gut an.

Sonntag, Rückreise

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S795 km, 11:30 Uhr: Verdammt! Beim Ausparken Fingernagel gebrochen. Die Lenkung ohne jegliche Servounterstützung hat ihre Härten.

798 km, 11:52 Uhr: Parken bei Muttern. Nachbar kommt zielstrebig auf mich zu: „Wow, starkes Auto! Der kommt doch aus England?! Warum ist das dann ein Linkslenker?“ Meine knappe Erklärung: Testwagen von Lotus. Speziell für Deutschland zugelassen. Ich schreibe einen Bericht. Der Nachbar fragt beeindruckt zurück: „Nicht schlecht. Kann ich auch mal für euch schreiben?“

843 km, 14:00 Uhr: Zurück nach München. Ich spule wieder Kilometer auf der BAB ab. Ein Auto überholt links. Ich werde nachdenklich: Wie lange ist es wohl her, dass eine 16-Jährige so nett in meine Richtung lächelte?

990 km, 15:12 Uhr: Ich überhole eine von Lorinser gepimpte E-Klasse. Der Fahrer mit Sonnenbrille schaut interessiert rüber, freut sich, nickt wohlwollend und irgendwie wissend. Offensichtlich ist er ein Freund besonders schneller Autos und macht auf Understatement.

1.232 km, 18:00 Uhr: Apokalyptischer Regenschauer. Beim Überfahren einer Bodenwelle gibt es plötzlich leichten Wassereinbruch oben an den A-Säulen. Es bleibt zum Glück bei diesen paar Tropfen.

Galerie: Grenzbereich Lotus Exige S1.388 km, 19:11 Uhr: Obwohl ich in einem äußerst unbequemen Auto sitze, fühle ich das kaum noch so. Allmählich hat sich meine Wahrnehmung verschoben. Der Exige ist für mich fast schon Normalität.

1.410 km, 19:22 Uhr: …oder klingt der Motor doch wie eine elektrische Tätowiernadel? Egal, eines ist sicher: Derart charakteristisch und eigen tönt nur ein durchgeknallter Brite.

Der Exige S ist das schnellste und teuerste Modell der Sportwagen- Schmiede Lotus. Normalerweise leistet der 1,8-Liter-Vierzylinder mit Kompressor 221 PS. Die von uns gefahrene Version mit Performance Pack leistet sogar 243 PS. Damit soll das 935 Kilo wiegende Leichtgewicht in nur 4,2 Sekunden aus dem Stand auf Tempo 100 sprinten. Die Höchstge- schwindigkeit gibt Lotus mit 245 km/h an. Für die beeindrucken Fahrleistungen verlangen die Briten eine Menge Geld: 53.450 Euro werden für den Zweisitzer in der Basisversion abgerufen. Das Performance Pack kostet 3.810 Euro Aufpreis. Neben der Leistungssteigerung enthält es zusätzlich die Traction Control, die AP-Bremsanlage und die geschmiedeten Alufelgen.

1.450 km; 19:39 Uhr: Toilettenpause auf unbeleuchtetem Parkplatz: Spontan fasziniert mich die Rückleuchtengrafik in der Dunkelheit. Das Heck erinnert an einen überirdischen, superschnellen Flitzer à la Ferrari.

1.486 km, 20:02 Uhr: Die letzten Kilometer Autobahn vor München. Ich fühle Erleichterung und auch Wehmut. Noch einmal gehe ich auf über 200, Bremse wieder, beschleunige. Einfach herrlich, diese Lastwechsel und dieser Klang. Noch sitze ich im Exige S, doch machen sich bereits sehnsuchtsvolle Gedanken über das Danach breit.

1.512 km, 20:32 Uhr: Endlich angekommen, endlich Ruhe. Morgen früh holt Lotus den Wagen ab. Ein letztes Mal durfte ich mich beim Einparken ärgern und stressen. Nun ist es vorbei. Beim kühlen Feierabend-Augustiner merke ich, wie mich der Rausch der Empfindungen aufwühlt und ich dem Exige innerlich lächelnd nachfühle. Noch bin ich im Alltag nicht ganz wieder angekommen. Und eigentlich will ich das auch gar nicht mehr.

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