Cabrio-Special 2013
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Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG Roadster

Grenzbereich: Mercedes-Benz SLS AMG Roadster

Gretchenfrage

23.05.2013

Sind wir mal ehrlich: Einen Mercedes-Benz SLS AMG kauft doch niemand nur der rund 600 PS wegen, mit denen man in unter vier Sekunden auf Tempo 100 beschleunigen kann und die für eine Höchstgeschwindigkeit jenseits der 300 km/h gut sind. Mit dem SLS kauft man - neben grandios-klassischem Design - auch ein bisschen Mythos; eine Erinnerung an den 300 SL aus den 50er Jahren, die nicht zuletzt in den damals wie heute spektakulären Flügeltüren gipfelt. Dem offenen SLS fehlt dieses Attribut.  

Noch heute gilt der im Februar 1954 auf der Auto Show in New York erstmals präsentierte Mercedes 300 SL als Säulenheiliger des Sportwagenbaus. Keine Oldtimerrallye, die etwas auf sich hält, kommt ohne eine Handvoll der Daimler-intern W198 getauften Preziosen aus. Auch sechs Jahrzehnte später versetzen die mittels zweier Teleskopfedern nach oben schwenkenden Türen Passanten in freudige Verzückung. Dabei waren die Flügeltüren gar nicht als Besonderheit geplant, sondern schlichtweg technisch nötig; die auf beste Aerodynamik optimierte Karosserie bot keinen Ansatzpunkt für herkömmliche Türen.

Schwere Entscheidung

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG RoadsterDer Reiz des besonderen, außergewöhnlichen, ja exklusiven Türkonzepts konkurrierte allerdings schon 1957 mit einer anderen Versuchung, die seit jeher automobile Genießer in ihren Bann zieht: Die Lust am Offenfahren. Drei Jahre nach dem Coupé brachte Mercedes eine Roadster-Version des 300 SL auf den Markt, die Cabrio-Feeling par Excellence versprach und den Schönen und Reichen die beste Möglichkeit formvollendeten Gesehenwerdens bot - mit den Flügeltüren aber ließ sie sich bauartbedingt freilich nicht vereinbaren.

Auch dem geschlossenen SLS wurde ein Ableger ohne Dach zur Seite gestellt und so sehen sich noch heute potentielle Käufer des superteuren Supersportlers mit der Gretchenfrage konfrontiert: Mythos Flügeltürer oder Open-Air-Genuss? Oder anders gefragt: Können Wind in den Haaren und Sonnenstrahlen im Gesicht den erhabenen Moment der sanft nach oben schwingenden Türen ersetzen?

Ein wenig gewöhnlich

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG RoadsterJa, sie können. Zugegeben, das erste Einsteigen in den SLS Roadster, durch konventionelle Türen, fühlt sich ein wenig gewöhnlich an. Während beim Coupé schon beim Öffnen der Türen mit dem Adrenalinspiegel die Vorfreude auf dieses einmalige Automobil in höchste Sphären steigt, geht die Roadster-Tür auf und man steigt ein; ohne emotionales Feuerwerk, ohne gedanklichen Trommelwirbel und  ohne neugierig anerkennende Blicke Vorbeiflanierender. Letzteres hat immerhin den Vorteil, dass man sich als Cabriofahrer den Grundkurs „Elegantes Einsteigen“ sparen kann.

Ohne dieses Gefühl, dass beim Einsteigen jemand eine Tüte Schmetterlinge im Bauch geöffnet hat, erscheint auch das Cockpit in einem etwas anderen, nüchternen Blick. Sieht sich der endorphingeschwängerte Coupéfahrer an den runden Luftduschen kaum satt und würde am liebsten gleich seine Wohnzimmercouch gegen die äußerst bequemen SLS-Fauteuils tauschen, nimmt der Roadsterfahrer mit etwas mehr Distanz Platz und fragt sich vielleicht sogar, wo er denn Handy, Haustürschlüssel und Geldbeutel ablegen soll?

Vom Kammerorchester zur Big Band

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG RoadsterSpätestens mit der Ausfahrt aus der Tiefgarage und dem elf Sekunden langen Drücken der Zauber-Taste rücken Fahrer (und Beifahrer) schlagartig näher an den Wagen heran. Der kleine Kippschalter in der Mittelkonsole sorgt dafür, dass sich das Stoffverdeck mit Aluminium-Magnesium-Gerüst nach Z-Muster hinter den Sitzen zusammenfaltet und die Insassen fast zeitgleich Sonnenstrahlen und ein breites Grinsen im Gesicht haben.

Wer sich selbst davon nicht beeindrucken lässt, wird spätestens dann weich, wenn der bollernde Bass des noch kalten Achtzylinders, ungehindert von schalldämpfendem Blech, ans Ohr dringt und von dort auf direkten Weg in den Bauch geht, um nun endgültig auch beim Roadster-Fahrer die Schmetterlinge frei zu lassen. 6,2 Liter Hubraum hat der 571 PS starke Saugmotor, das ist kein kleines Kammerorchester, sondern eine lautstarke Big Band, die mit dem Anlassen des Motors ihre Instrumente lautstark stimmt und sich fortan von des Fahrers rechten Fuß dirigieren lässt.

Hechtsuppe

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG RoadsterMit steigender Drehzahl nimmt auch das Orchester Fahrt auf. Schlägt es beim Dahingleiten noch vornehmlich die tiefen Töne der Pauken  an, setzen nach und nach die Trompeten ein, um bei gut 7.000 Umdrehungen ein herzhaft kreischendes Fortissimo anzustimmen. Als zöge ein Organist nach und nach noch ein, und noch ein Register, nimmt der Klangteppich ebenso ratzfatz Fahrt auf, wie der 1,7 Tonnen schwere Roadster.

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Was es bedeutet, in nur 3,8 Sekunden auf Tempo 100 zu beschleunigen, macht der Roadster noch direkter erlebbar. Dem Wind zwischen Frontscheibe und Schott direkt ausgeliefert, bekommt die Geschwindigkeit eine zusätzliche, ziemlich luftige Dimension; wobei man im SLS bei moderatem Tempo und dank Nackenföhn noch verhältnismäßig zugfrei reisen kann. Spätestens im Geschwindigkeitsbereich, der nur noch auf deutschen Autobahnen gesetzeskonform ist, wird es dann windig und laut und bei der Höchstgeschwindigkeit bekommt man endlich mal einen Eindruck davon, wie Hechtsuppe ziehen muss. Der Roadster mit 7-Gang-Doppelkupplungsgetriebe schafft nämlich genauso 317 km/h wie der geschlossene SLS.

Von Anfang an geplant

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG RoadsterZu verdanken hat der Roadster die immense Vmax nicht zuletzt auch dem Umstand, dass er von Anfang bei der Entwicklung berücksichtigt wurde, und er insofern mehr als nur ein Coupé ist, dem man nachträglich das Dach abgenommen hat. So ist auch das geringe Mehrgewicht von nur 40 Kilogramm gegenüber der geschlossenen Version zu erklären; die steife Karosserie brauchte nur wenige zusätzliche Verstrebungen. Das spürt der Fahrer auf schlechtem Geläuf und in flott angegangenen Kurven, durch die sich der offene SLS quasi genauso präzise, schnell und sicher scheuchen lässt, wie sein Bruder mit Dach.

Wer allerdings bereit ist, zusätzlich zum Verzicht auf die Flügeltüren fast 10.000 Euro extra zu investieren (195.160 Euro), dürfte dies weniger aus Performance-Gründen tun und mit dem Roadster Rundenrekorde aufstellen wollen, als vielmehr seiner Lust nach Genuss wegen der Verlockung nachgeben. Wie viele SLS-Roadster-Fahrer jemals die Vmax erreicht haben, ist nicht verbrieft, doch steht dem offenen Zweisitzer das entspannte Dahingleiten am See und auf der Chaussee sicher (noch) besser zu Gesicht als halsbrecherische Vollgaseskapaden. Zumal deutlich besser gesehen wird, wer weniger schnell unterwegs ist.

 
Fazit

Michael Gebhardt

Die Antwort auf die Gretchenfrage nach Flügeltüren oder oben ohne kann nur der eigene Geschmack geben. Besser ist weder der eine, noch der andere und auch der Reiz des Mythos wiegt genau so schwer, wie der des frischen Windes im Haar.

Fakt ist, dass Mercedes-Benz mit dem offenen SLS einen Roadster der Superlative geschaffen hat. Dass die Stuttgarter die Cabrio-Version von Anfang an in der Planung bedacht haben, kommt dem AMGler spürbar zu Gute. Handling und Performance stehen dem Coupé - zumindest für den Laien erfahrbar - in nichts nach; die identischen Werte für den Sprint und die Vmax sind messbare Zeugen dafür und auch das Handling ist ebenso tadellos und vertrauensbildend wie beim geschlossenen.

Wohl dem, der genügend Geld hat, um einfach beide zu kaufen...
 
 

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