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Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMG

Grenzbereich: Mercedes-Benz SLS AMG

Ich habe zu danken

04.11.2011

Er ist der beste Sportwagen auf dem Markt. Sagt der Hersteller. Er ist ein Gran-Tourismo-Coupé mit Flügeltüren. Sagt ein einschlägiges Online-Lexikon. Er ist ein Traum auf vier Rädern. Sage ich. Er ist der Mercedes-Benz SLS AMG.

Dass Fußgänger einem Auto nachschauen, ist nichts besonderes. Dass Passanten stehen bleiben, um sich einen Wagen interessiert anzusehen, kommt hin und wieder vor. Dass ein Auto aber alle und jeden unmittelbar in den Bann zieht, das schafft kaum einer. Er aber hat es geschafft.

Unsere Erlebniserzählung beginnt dort, wo fast alle Testfahrten starten, am Parkplatz der Redaktion. Die Anlieferung eines Testwagens ist normalerweise ein nur bedingt spannender, bürokratischer Vorgang. Führerscheinnummer, Unterschreiben, Schlüsselübergabe, schönen Tag noch. Beim SLS AMG ist schon jetzt alles anders.

Unverhofftes Publikum

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGStatt wie üblich auf eigener Achse rollt der mehr als 186.000 Euro teure Über-Sportler aus Stuttgart im geschlossenen Transporter an. Das allein schon sorgt für Aufsehen – egal welches Auto sich hinter der Plane verstecken würde. Als jedoch der feuerrote SLS sachte die Laderampe herunter rollt, werden die zufällig vorbeimarschierenden Passanten unverhofft zum Publikum dieser Ouvertüre. Kaum einer schafft es, weg zusehen. Es wird getuschelt, mit dem Finger auf den Hauptdarsteller gezeigt und eifrig mit dem Handy ein Foto geschossen, ehe der Star an diesem sonnigen Nachmittag in der dunklen Tiefgarage verschwindet.

Als ich selbige, zusammen mit dem Wagen, wieder verlasse, ist es bereits dunkel. Doch der Schutz der Finsternis ist scheinbar nicht ausreichend. Ich fühle mich beobachtet. Ich spüre die Blicke der anderen Autofahrer. Ich meine hören zu können, wie sich Fußgänger an der Ampel über mich unterhalten. Falsch. Über den Wagen. Nicht über mich. Der Fahrer lanciert im SLS zur Nebensächlichkeit.

Freude statt Neid

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGWas hart klingt, ist fast ein Kompliment. Anders als in den meisten Sportwagen dieser Sonder-Liga beschert der SLS seinem Fahrer keinen schlechten Ruf. Ein Lamborghini Gallardo, ein Audi R8 oder eine Corvette Z06 stecken ihren Fahrer in eine Schublade, verpassen ihm ein nicht immer gutes Image und wecken häufig vor allem eins: Neid. Genau das tut der SLS nicht.

Ja, die Leute schauen. Doch merkt man, dass sie sich freuen. Ja, sie freuen sich, den SLS zu sehen. Und das mit Recht. Denn was Mercedes da auf die Räder gestellt hat, darf eines der schönsten Autos dieser Tage genannt werden. Und das, obwohl – oder gerade weil  –  die Designer dem strengen Diktat der Sportwagenlehre folgten. Motor vorne, aber hinter der Vorderachse, Getriebe hinten – diese Architektur legt den Grundstein für die Optik: kurze Überhänge, ellenlange Motorhaube, knackiges Heck.

Einfach perfekt

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGSo simpel es klingt, so beeindruckend sind die perfekten Proportionen, die millimetergenau gesetzten Lichtkanten, die dezenten Kraftdemonstrationen. Ganz zu schweigen vom gestalterischen Highlight, das zweifelsohne die Flügeltüren sind. Wenn die 18 Kilogramm schweren Pforten sanft nach oben gleiten, bleiben die Leute auf dem Bürgersteig wieder stehen. Mit einem freudigen Lächeln im Gesicht. Und leider wieder nicht um zu schauen, wer da aussteigt.

Das ist auch gut, denn der Ein- und Ausstieg selbst ist nicht ganz mühelos; nach einiger Zeit geht er allerdings recht flott und sieht nicht mehr so ungelenk aus, wie noch beim ersten Mal. Kleinere Fahrer allerdings werden sichtbare Probleme haben, die Türen zuzuziehen, weil sie schlichtweg nicht nach oben an den Griff kommen. Eine elektrische Schließung gibt es nicht. Dafür steckt an anderer Stelle Hightech in den Flügeln: Damit Retter im Falle eines Unfalls, sollte der Wagen auf dem Dach liegen, in das Innere kommen, sind an den Scharnieren kleine Sprengsätze angebracht, die die Tür im Notfall einfach aufsprengen.

Pilotenkanzel

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGHat man erst einmal Platz genommen, will man aber so schnell gar nicht wieder aussteigen. Die Sitze sind sportlich straff und doch superbequem, bieten ausreichend Seitenhalt und Komfort zugleich. Das Platzangebot ist für einen Sportwagen recht ordentlich, und das es kaum Ablagen gibt ist, naja, das ist halt so.

Ratlos dürfte zunächst sein, wer in dem mit seinen runden Lüftungsdüsen an eine Pilotenkanzel erinnernden Cockpit das Schlüsselloch sucht. Zugegeben, man braucht es Keyless-Go sei Dank nicht, doch haben die Entwickler tatsächlich eines versteckt. In einem kleinen, geschlossenen Fach, hinter der Mittelarmlehne, das nur mit reichlich Verrenkung zu erreichen ist. Dann lieber den Schlüssel in der Hosentasche lassen und den Motor per Knopfdruck zum Leben erwecken.

Hörbare Kraft

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGDass das intern M159 genannte Aggregat aufgewacht ist, tut es lautstark kund; anstatt träge zu gähnen, faucht es einmal wild auf, beruhigt sich dann jedoch sogleich und blubbert im Leerlauf nur ganz leise vor sich hin. Das Blubbern ist überhaupt die Tonart, die der noch nach guter, alter Saugmanier arbeitende Acht-Zylinder hervorragend beherrscht; vor allem wenn er kalt ist. Man meint förmlich zu hören, wie er mit spielender Leichtigkeit die Kraft aus den Tiefen des 6,2 Liter großen Hubraums schöpft.

Mehr als 570 PS sind es maximal und über 600 Newtonmeter Drehmoment erzeugt das Triebwerk. Das klingt nicht nur nach viel, das ist auch viel. Umso erstaunlicher, wie einfach, ja fast schon spielerisch sich die Pferdchen in Zaum halten lassen. Bei aller Reinrassigkeit: Der SLS fordert seinen Fahrer nicht heraus, zwingt ihn nicht zu übertriebener Eile, sondern lässt sich, ganz Gentleman-like, manierlich manövrieren.

Man kann, wenn man will

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGUnd es ist keinesfalls eine Farce, nein, es ist viel mehr ein unbeschreibliches Vergnügen, gemütlich mit Tempo 160 auf der Autobahn dahin zurollen. Mit dem guten Gewissen, das man könnte, wenn man wollte. Und will man schließlich doch, genügt der beherzte Tritt aufs Gaspedal, der – dank des Verzichts auf einen Turbolader – unverzüglich umgesetzt wird, und zwar in Vorwärtsdrang par excellence.

3,8 Sekunden soll die Tachonadel brauchen, um den Weg von der Ruheposition zur 100-km/h-Marke zurückzulegen, gut acht weitere Sekunden vergehen, bis die nächste Hunderter-Etappe zurückgelegt ist; und irgendwann – es dauert nicht lange, braucht aber viel freie Straße – fällt auch die 300er-Grenze. So faszinierend diese Zahl klingt, so unspektakulär, mühelos, unaufgeregt erreicht der SLS sie.

Schmale Autobahn

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGUnd selbst dann ist noch nicht Schluss, das Ende der Fahnenstange ist erst bei 317 km/h erreicht. Welch ein Zufall, erreicht der R8 von Audi doch nur Tempo 316... Zugegeben: Auch wenn der SLS keine Probleme hat, diese Sphären zu erreichen, auch wenn er bei Maximalgeschwindigkeit noch satter auf der Straße liegt als mancher Kleinwagen im Stand, auch wenn er seinem Fahrer noch bei über 300 Kilometern je Stunde das Gefühl gibt, stets Herr der Lage zu sein – anstrengend sind diese High-Speed-Eskapaden auch im SLS und wird die Autobahn bei diesem Tempo verdammt schmal.

Womit wir bei der nächste Anekdote wären: Nach wie vor und wohl für alle Zeit unbeantwortet bleibt zum Beispiel die Frage, wie sich der Porsche-Fahrer wohl fühlte, der bei knapp 300 Sachen unseren SLS im Rückspiegel näher kommen sah und wohl oder übel die linke Spur verlassen musste.

Technische Daten
 
Marke und Modell   Mercedes-Benz SLS AMG Coupé
Motor / Ausstattung    
Motor    
Hubraum (Kubikzentimeter / Bauart)   6.208 / V8
Leistung (kW (PS) / U/min)   420 (571) / 6.800
Drehmoment (Nm / U/min)   650 / 4.750
Antriebsart   Heckantrieb
Getriebeart   7-Gang-Sportgetriebe
Abmessung und Gewicht    
Länge/Breite/Höhe (mm)   4.638 / 1.939 / 1.262
Radstand (mm)   2.680
Wendekreis (m)   11,9
Leergewicht  (kg)   1.695
Kofferraum (Liter)   176
Serienbereifung   v: 265/35 R 19, h: 295/30 R 20
Verbrauch    
Krafstoffart   Benzin
Kombiniert laut Werk (l/100km)   13,2
CO2-Emissionen (g/km) / Abgasnorm   308 / Euro5
AS24-Verbrauch (l/100km)   16,9
Fahrleistungen    
Werksangabe 0-100km/h (s)   3,8
Werksangabe 0-200km/h (s)   12
AS24-Sprint 0-100km/h (s)   k. A.
Höchstgeschwindigkeit (km/h)   317
Preise    
ab (Euro)   186.830,00
Ausgewählte Extras (Euro)   Rückfahrkamera (476), Totwinkel-Assistent (774), Bang & Olufsen-Soundsystem (7080)
 
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Für den Moment

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGWas der Radfahrer dagegen dachte, ist wohl bekannt. Schließlich hatte er seine Tour extra unterbrochen um den geparkten SLS genau betrachten zu können und seine Begeisterung wortreich kund zu tun. Fast schon ehrfürchtig schlich er um den Wagen und konnte sein Glück, den Traum seiner schlaflosen Nächte einmal in Natura zusehen, kaum fassen. Die unvermeidliche Frage blieb natürlich nicht aus: "Ist das Ihrer?" – "Ja", sage ich nicht ganz ohne Stolz, dass es endlich mal um mich und nicht nur um den Wagen geht. Und murmelte danach etwas von: "...zumindest für den Moment."

Wie der SLS zum Unfallrisiko werden kann, zeigte sich an anderer Stelle. Nicht wegen zu flotter Fahrt etwa. Nein, der Benz stand brav und artig auf dem Parkplatz eines Einkaufszentrums. Doch animierte er zahlreiche, auf der Suche nach einer freien Lücke vorbeischleichende Fahrer zu einer spontanen Vollbremsung, ohne Blick in den Rückspiegel, nur mit Augen für den roten Flitzer. Für die Hintermänner kam dies oft überraschend. Doch spätestens, als sie selbst am SLS vorbeirollten, werden Sie es verstanden haben. Und verziehen. Zumal, das sei gesagt, Blechschäden zum Glück ausblieben.

Glücksbringer

Galerie: Grenzbereich Mercedes-Benz SLS AMGApropos Glück: Dass der SLS nur wenig Neid, dafür viel Begeisterung hervorruft, habe ich schnell gelernt. Mich, halt nein, ihn freudig anlächelnde Gesichter in den anderen Autos gehören zum Alltag, "schicker Wagen" ruft mir ein Passant vergnügt im Vorbeigehen zu, als ich – mittlerweile recht elegant – einsteige und der nach oben gestreckte Daumen ist an der Ampel häufig zu sehen.

Richtig glücklich hat der SLS aber nicht nur mich gemacht, sondern auch einen ganz speziellen Menschen. Einen, der tagtäglich mit den unterschiedlichsten Autos fährt. Einen, der an teure Autos eigentlich genauso gewöhnt ist, wie wir Motorjournalisten. Nein, kein Kollege. Sondern der Wagenmeister in einem Hotel, der, als ich mich artig für das Vorfahren des Wagens bei ihm bedanken wollte, nur  –  mit einem Grinsen im Gesicht, das noch tagelang anhalten sollte  –  meinte: "Ich habe zu danken!"

Anmerkung der Redaktion:

Aufgrund von Leserzuschriften und um Missverständnisse zu vermeiden wurde die in der Mitte des Textes ursprünglich verwendete Formulierung "jüdische Hast" in "übertriebene Eile" geändert.

Die Redaktion distanziert sich hiermit ausdrücklich von einer antisemitischen Verwendung der Formulierung. Wir möchten uns bei den Lesern, die sich durch ihre Verwendung brüskiert fühlten, entschuldigen.

 
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