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Artikel veröffentlicht am: 14.07.2017

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Erster Test: Ford Fiesta

Großer Kleiner

Seit 1976 gehört der Ford Fiesta zu den festen Größen im Straßenbild. Schärfster Konkurrent ist neben dem Opel Corsa der VW Polo, der im Herbst auf den Markt kommt. Er wird dort auf die Neuauflage des Kleinwagens aus Kölner Produktion treffen.

Doch was heißt heutzutage schon Kleinwagen? Wie der Konkurrenz aus Wolfsburger Beständen ist der Fiesta  kräftig gewachsen und in eine Größenordnung vorgestoßen, die vor wenigen Jahren noch als familientauglich erachtet wurde. Während jedoch die Polo-Neuauflage spürbar geräumiger geworden ist und somit eine interessante Alternative zum Golf darstellt, bietet sich der Fiesta kaum als Focus-Ersatz an: Der große Kleine von Ford, der in Köln produziert wird, dürfte vor allem Autokäufer mit geringem Stauraumbedarf ansprechen, die bei der Fahrzeugkonfiguration gerne aus dem Vollen schöpfen - ein Luxus, den Ford aus Kostengründen dem als Schnäppchen konzipierten, nur zwölf Zentimeter kürzeren Ka+ vorenthalten hat. Was das Kofferraumvolumen anlangt, ist der Fiesta indessen ein Kleinwagen geblieben, und auch im Fond haben sich die sieben Zentimeter Längenzuwachs im Vergleich zum Vorgänger nicht niedergeschlagen.

Zwei zusätzliche Türen kosten 800 Euro

Einigermaßen überraschend ist auch, dass Ford den Fiesta weiterhin mit zwei oder vier Türen anbietet, während der VW Polo nur noch viertürig vom Band läuft und Opel dem Vernehmen nach beim nächsten Corsa Gleiches plant. Vor diesem Hintergrund mutet die Ford-Preisgestaltung sehr ambitioniert an: Der Extra-Zugang zum Fondbereich erhöht den Preis um 800 Euro, so dass der Basis-Fiesta viertürig 775 Euro teurer ist als der preiswerteste Polo. Der Mut und das Selbstbewusstsein der Marketing- und Verkaufsspezialisten, das sich in diesen Zahlen spiegelt, wird freilich von einigen Händlern unterlaufen: Bereits vor dem offiziellen Verkaufsstart offerierten sie das Einstiegsmodell bei Autoscout24 rund 2000 Euro unter Listenpreis.

Ford geht allerdings davon aus, dass höherwertig ausgestattete, kräftiger motorisierte Versionen gefragter sein werden als das schlichte Basismodell. Fünf Linien stehen zur Wahl, und auf den ersten Blick ist alles, was nicht zur Serienausstattung gehört, relativ günstig zu bekommen. Andererseits sind allein für die Start-Stopp-Automatik bei drei der fünf Benziner 200 Euro zusätzlich zu berappen, und eine einfache Klimaanlage kostet im Paket mit einem Audiosystem – beides heutzutage schwer entbehrlich - 1000 Euro.

Auf diese Weise kommt schnell eine  ganz und gar nicht mehr kleinwagen-gemäße Summe zusammen. Selbst bei den stärkeren Motoren, die ausschließlich mit Bestausstattung ausgeliefert werden und deshalb schon „pur“ um die 20.000 Euro kosten, lässt sich der Preis mit einigen Extras ruckzuck in die Region zwischen 25.000 und 30.000 Euro hieven. Immerhin hat der Wagen dann alle 15 Technologiepakete einschließlich B&O-Soundsystem mit zehn Lautsprechern, inklusive Subwoofer und Mitteltöner in der Mittelkonsole an Bord und garantiert  ein vielfältiges Unterhaltungsangebot, bestmögliche Kommunikation mit der Außenwelt, auch per Sprachsteuerung, und ein Höchstmaß an Sicherheit dank elektronischer Helfer-Schar. Solange der Fahrer keine groben Fahrfehler macht oder unaufmerksam ist, gibt es für sie keinen Grund einzugreifen, denn das Fiesta-Fahrverhalten ist über jede Kritik erhaben – und zwar nicht erst seit dem aktuellen Generationswechsel.

Viele Assistenzsysteme optional

„Kein anderer Großserien-Kleinwagen bietet mehr“, behauptet Ford mit Blick auf die zahlreichen Fahrerassistenzsysteme und technischen Neuerungen, wenn auch nicht unbedingt auf den VW-Konkurrenten, bei dessen Präsentation Ähnliches verkündet wurde. Allerdings geht der kompakte VW erst im Herbst an den Start, und zumindest bis dahin hat Ford wohl die Nase vorne.

Neu im Fiesta ist unter anderem ein Notbremsassistent, der selbst bei Dunkelheit Fußgänger erkennt, oder eine Einparkautomatik, die dem Fahrer nicht nur das Lenken, sondern auch das Bremsen erspart. Außerdem sind zwecks Rundumüberwachung zwei Kamera-, drei Radar- und zwölf Ultraschallmodule an Bord sowie eine Elektronik, die beim Rückwärts-Ausparken vor Querverkehr warnt. Die Rückfahrkamera, die Teil dieses Systems ist, macht sich auch beim normalen Ein- und Ausparken nützlich, denn karosserieformbedingt ist die Sicht nach hinten grottenschlecht.

Im Trend-Modell, das am unteren Ende der Fiesta-Skala steht, müssen erwartungsgemäß fast alle elektronischen Hilfsprogramme und andere Annehmlichkeiten als Extra geordert und bezahlt werden; einzig und allein der „Fahrspurassistent inkl. Fahrspurhalteassistent“ und ein „Scheinwerfer-Assistent mit Tag-/Nacht-Sensor“ sind laut Preisliste Bestandteil der Serienausstattung.

Mutige Farbpalette

Das neue Fiesta-Design folgt den Linien der siebten Generation, die jedoch, des eleganteren Auftritts wegen, einerseits gestreckt und andererseits vereinfacht wurden: Beispielsweise finden sich auf der Motorhaube keine Längssicken mehr. Teils außergewöhnliche, teils gewöhnungsbedürftige Farben sind Teil der Veränderung. Der neue Aquamarin–grün-Metallic-Lack erinnert indessen weniger an einen Edelstein als an den häufig in Badewannenfarben lackierten Ford Taunus aus den 1960er Jahren (langjährigen Führerscheinbesitzern wohlbekannt, weil seinerzeit ein weit verbreitetes Fahrschul-Auto): Ein verkleinerter Fiesta in diesem Pastellton würde sich in jeder Seifenschale gut machen.

Im Wageninneren – rund um ein komplett neugestaltetes Cockpit und, in drei von fünf Ausstattungslinien, einen Touchscreen, der frei über der Mittelkonsole thront - gibt sich der Fiesta konventionell dunkel, es sei denn er ist mit einem elektrischem Panorama-Glasschiebedach für günstige 890 Euro bestückt.  Sieben Styling-Pakete machen den Innenraum zusätzlich etwas bunter; dass Drehzahl- und Geschwindigkeitsanzeige im Zentralinstrument an den linken bzw. rechten Rand geschoben wurden, ist eine Designer-Torheit, dass die Zahl der Tasten und Bedienfelder im Vergleich zum Vorgänger reduziert wurde, hingegen begrüßenswert.

In den Vignale-Versionen, bestellbar mit sämtlichen Turbobenzinern wie auch -dieseln (ab 20.600 Euro), wird der meiste Luxus geboten, dazu gibt es gesteppte Ledersitze und 18-Zoll-Leichtmetallrädern. Die Käufer dieser Variante erwerben übrigens laut Ford zusätzlich zum ansprechenden Ambiente das Recht auf „besonderen Händler-Service“.

Nur noch Dreizylinder-Benziner

Die Benziner aller fünf Leistungsstufen besitzen im Fiesta künftig drei Zylinder. Ist ihnen ein Turbolader vorgelagert, verfügt das Schaltgetriebe über sechs Gänge; einen weniger finden die Käufer der  1,1-Liter-Benziner vor. Bei den beiden Turbodieselmotoren handelt es sich um Vierzylinder mit Sechs-Gang-Schaltung; sie treten, anders als der Polo, ohne Stickoxide reduzierenden Katalysator an. Die gesamte Motorenpalette ist mit Start-Stopp-Automatik erhältlich; ein automatisch schaltendes Getriebe findet sich hingegen nur im 100 PS-Fiesta. Es erhöht den Preis um 1650 Euro und steigert den Verbrauch im Test nach EU-Norm um 0,8 Liter pro 100 Kilometer.

  • Technische Daten - Ford Fiesta

Länge 4,04 Meter, Breite (mit Spiegel): 1,74 (1,94) Meter, Höhe: 1,48 Meter, Radstand 2,49 Meter, Kofferraum: 269 bis 1093 Liter.

Benziner

Dreizylinder ohne Turboaufladung: Hubraum: 1,1 l; 52 kW/70 PS bzw. 63 kW/85 PS;  maximales Drehmoment: 110 Nm; Höchstgeschwindigkeit: 160/170 km/h; Beschleunigung 0 bis 100 km/h: 14,9/14,0 s; Verbrauch nach EU-Norm: 4,4  l/100 km; CO2-Emissionen: 101 g/km. Preis*: ab 12.950/14.000 Euro.

Dreizylinder mit Turboaufladung; 1,0 l; 174 kW/100 PS, 92 kW/125 PS, 103 kW/140 PS; 170/170/180 Nm; 183/195/202 km/h; 0-100 km/h: 10,5/9,9/9,0 s; 4,3/4,3/4,5l/100 km; 97/98/102 g CO2/km. Ab 15.100/19.400/20.900 Euro.



Diesel

Vierzylinder mit Turboaufladung: 1,5 l; 63 kW/85 PS bzw. 88 kW/120 PS; 210 /270 Nm; 175/195 km/h; 0-100 km/h: 12,4/9,0 s; 3,2/3,5 l/100 km; 82/89  g CO2/km. Ab 15.800/20.800 Euro.

*Viertürer: jeweils +800 Euro.

Für 2018  hat Ford eine stets viertürige,  zwei Zentimeter höhergelegte Fiesta-Variante mit Offroad-Design und Beinamen Active angekündigt, und kurz danach soll der Fiesta ST mit sportlichem 147 kW/200 PS debütieren. 1,5 Liter Hubraum verteilen sich auch bei ihm auf drei Zylinder; einer davon kann  im Teillastbereich stillgelegt werden, was laut Ford den Verbrauch um sechs Prozent senkt. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn bald schon werden die Werte nach einer etwas realistischeren Norm ermittelt als derzeit üblich und damit die Abweichungen zwischen ausgewiesenem und tatsächlichen Verbrauch geringer ausfallen. Bis dahin sollte man in Gedanken etwa zwei Liter je 100 Kilometer auf die in den Fiesta-Datenblättern genannten Zahlen aufschlagen.