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Artikel veröffentlicht am: 27.04.2018

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Bericht: Beijing Motor Show 2018

Ein bisschen Europa in China

Wer heutzutage Autos verkaufen will, kommt an China nicht vorbei. Binnen kürzester Zeit ist das Reich der Mitte wie aus dem Nichts zum wichtigsten und größten Automarkt geworden, und die Absätze in Fernost hübschen so manche Bilanz westlicher Autobauer gehörig auf. Wie wichtig China ist, sieht man auch auf der größten Auto Show des Landes: In Peking zeigt die Branche dieser Tage ihre Neuheiten, und die zielen zum Großteil genau auf den Geschmack der chinesischen Kundschaft und vieles davon, ist bei uns gar nicht zu haben. Wir haben auf der Beijing Motor Show Ausschau gehalten, nach Neuheiten aus Europa oder für Europa.

Mitte der 80er Jahre streckten die ersten westlichen Autobauer zaghaft ihr Fühler gen Osten aus und begannen, den chinesischen Markt zu entdecken. Die Spuren dieser Anfangstage sind noch heute im Straßenverkehr sichtbar, beispielhaft steht der mit dem Lineal gezeichnete VW Santana als Zeitzeuge für den Beginn einer großen Ära. Wie groß die werden sollte, wusste seinerzeit sicher noch niemand, und keiner konnte sich wohl nur ansatzweise vorstellen, dass binnen 30 Jahren China zum wichtigsten Automarkt aufsteigt.

Und: VW, Mercedes, BMW und Co. sind nicht mehr allein, sie müssen sich den Kuchen mit immer mehr heimischen Marken teilen. Gab es 2012 noch 31 chinesische Marken, waren es 2017 schon doppelt so viele. Kein Wunder also, dass die Autobauer aus der alten Welt alles tun, um weiter bei der Kundschaft punkten zu können. VW versucht das zukünftig unter anderem mit dem neuen Lavida: Die Mittelklasselimousine günstiger als ein Passage, aber nur eine Handbreit kürzer, und sieht mit ihrem breiten Grill und den schmalen Leuchten richtig stattlich aus. Und sie tritt in große Fußstapfen, mehr als eine halbe Million mal hat VW den Vorgänger verkauft.

Ebenfalls recht beliebt – anders als bei uns – war in China der VW CC. Also verzichtet Volkswagen im Reich der Mitte auf die Einführung des neuen Namens Arteon und bringt den Edel-Passat wieder unter dem Namen CC auf den Markt. Allerdings stammen die in China verkauften Modelle nicht aus Europa, sondern werden direkt vor Ort in Changchun gebaut. Auch die tschechische VW-Tochter Skoda zeigt auf der Messe ein neues SUV, dass in China gebaut und nur dort verkauft wird: Der Kamiq sieht aus wie ein auf 4,40 Meter geschrumpfter Karoq, hat mit unsere Hochbeiner aber nichts zu tun; er basiert nichtmal auf dem beliebten Volkswagen-Baukasten MQB. Mit schickem Interieur, moderner Connectivity und einem 110-PS-Benziner unter der Haube dürfte er allerdings genau ins Beuteschema junger Chinesen fallen.

Ebenfalls genau auf den Geschmack der östlichen Klientel zugeschneidert, und nur für den dortigen Markt vorgesehen, ist der Audi Q5 L. Ihre Limousinen und A4, A6 und natürlich den A8 bieten die Ingolstädter schon lange mit verlängertem Radstand an, jetzt folgt also das erste gestreckte SUV. In China ist es schließlich in, sich chauffieren zu lassen, und mit den XL-Hochbeiner kann man endlich auch hinten rechts bequem seiner SUV-Freude frönen: 8,8 Zentimeter mehr Platz haben die Fondgäste im Q5 L.

Kein wirklich neues Modell, dafür aber eine neue Marke, zeigt der Volkswagen-Konzern  mit dem Sol E20X. Sol ist das Ergebnis eines Joint Ventures von VW und JAC und soll sich ausschließlich um elektrische Autos kümmern. Den Anfang macht eben jener E20X, der auf den ersten Blick ein wenig nach Seat Arona ausschaut, allerdings kaum Volkswagen-Gene in sich trägt. Bei dem 4,14 Meter langen SUV-Stromer handelt es sich um einen umetikettierten JAC iEV7S mit rund 300 Kilometern Reichweite.

Vom Elektroantrieb ist bei Mercedes dieser Tage kaum die Rede, dafür geht es um Luxus und mehr Platz. Zum einen frischen die Stuttgarter die Lang-Version der C-Klasse auf, die die gleiche Kosmetik erfährt wie jüngst ihre westlichen Geschwister und erst auf den zweiten Blick vom Vorgänger zu unterscheiden ist. Deutlich umringter war am Mercedes-Stand aber eine andere Limousine: Nachdem der Autobauer im vergangenen Jahr mit einer Studie die A-Klasse Limousine schon angedeutet hat, ist sie nun Realität geworden. Interessant: Während die erst vor kurzem präsentierte Schrägheck-A-Klasse von hinten ein bisschen nach Hyundai aussieht, erinnert das Stufenheck-Modell nun eher an einen BMW.

Die A-Klasse Limosuine wird auch den in den Westen schaffen und demnächst auch bei uns nachgereicht werden – allerdings in einer kürzere Version: Für China haben die Entwickler den Radstand um sechs Zentimeter auf 2,79 Meter gestreckt, und so im Fond ordentlich Platz geschaffen. Die Europa-Limousine dagegen übernimmt die Abmessungen des Kompakten.

In ganz anderen Dimensionen hat Chef-Designer Gorden Wagener gedacht, als er die Maybach-Studie Vision Ultimate Luxury entworfen hat: Das Concept Car misst 5,26 Meter und versucht, SUV und Limousine unter einen Hut zu bringen – ob das gelungen ist, daran scheiden sich die Geister. Fakt ist: Der Maybach sorgt für reichlich Diskussionen auf der Messe. Außer Frage steht dagegen, dass es bislang wohl kaum ein luxuriöseres Auto gegeben hat – und keines, für das eigens ein Tee-Service angefertigt wurde, dass auf einem in die breite Mittelkonsole integrierten, beheizbaren Ebenholz-Tablett zur Teezeremonie während der Fahrt einlädt. Hoffentlich kleckert da niemand auf die schneeweißen Sitze mit Roségold-Dekor.

Zwar kann er mit dem 550-kW-Elektroantrieb, der – zumindest laut Papier – in der Maybach-Studie steckt, nicht mithalten, doch dürften wir den BMW iX3 deutlich eher auf der Straße sehen; eine Serienfertigung des Maybachs gilt als nahezu ausgeschlossen. Der in Peking noch als Concept deklarierte Strom-Ableger des i3 soll dagegen schon 2019 oder 2020 auf den Markt kommen und dürfte sich dann nahe an der gezeigten Studie orientieren. Die gibt sich recht unauffällig, größter Unterschied zum Verbrenner-X3 ist der geschlossene Kühlergrill. Auch der Unterbau stammt aus der Großserie.

Den Antrieb des ersten BMW E-SUV, das gegen Audi e-tron und Mercedes EQC antreten muss, übernimmt ein 200 kW starker E-Motor, der ohne seltene Erden auskommt. Der Strom dafür lagert in einem 70-kWh-Akku und soll für gut 400 Kilometer (nach dem neuen WLTP-Zyklus) reichen. Damit keine allzu langen Pausen nötig sind, wenn der Akku leer ist, arbeitet BMW zusammen mit den Kollegen aus Stuttgart und Ingolstadt an einer Schnelllade-Infrastruktur, die den Stromspeicher mit bis zu 150 kW in einer halben Stunden wieder auffüllt.

Mit dem iX3 verabschiedet sich BMW von der ursprünglichen i-Idee, Elektroautos von Grund auf neu zu konzipieren – wie beim i3 und i8 – und auch der vorrangige Karbon-Einsatz ist aktuell kein Thema mehr. Stattdessen legen die Münchner Wert auf ein flexibles Antriebskonzept: Die im iX3 verbaute, fünfte E-Drive-Generation, lässt sich in verschiedenen Fahrzeugen einsetzen und unterstützt sowohl Front-, Heck- als auch Allradantrieb. Nach dem SUV werden wir das gleiche Antriebskonzept wahrscheinlich in der für 2021 angekündigten Limousine iNext sehen.

Nicht so lange warten müssen wir auf das zweite Highlight, dass in Peking seine Premiere feiert: Der BMW M2 Competition steht schon bald zu flotten Ausfahrten bereit. Mit 410 PS unter der Haube und einem neu abgestimmten Fahrwerk dürfte das kleine Coupé der Spaßmacher schlechthin sein. Die nackten Zahlen sprechen dafür: Nach 4,2 Sekunden ist der Sprint auf Tempo 100 abgehakt – das erfreut Chinesen und Europäer gleichermaßen!

Nicht aus Europa, aber erstmals auch für uns vorgesehen, ist übrigens eine Lexus-Neuheit, die ebenfalls in Peking ihr Debüt gab: Die MIttelklasse-Limousine ES tritt in der nunmehr siebten Generation an und ersetzt gleichzeitig ihren Vorgänger wie auch den GS. Das ebnet dem Japaner, der sich optisch ganz streng an die Familien-Sprache hält, auch den Weg nach Europa. Für den Antrieb steht Lexus-typisch eine Hybrid-Kombination bereit, aus einem 2,5-Liter-Vierzylinder und E-Motor, die es auf 218 PS bringen; den Verbrauch gibt Lexus mit 4,7 Litern an.