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Galerie: Reportage 60 Jahre Alfa Romeo Giulietta

Reportage: 60 Jahre Alfa Romeo Giulietta

Stil für die Masse

17.06.2014

Ihrem Zauber erlag ganz Europa und sogar die Amerikaner waren verrückt nach der grazilen Schönheit aus Bella Italia. Mit der Giulietta eroberte die Edelmarke Alfa Romeo erstmals die Massensegmente, dabei waren die leistungsstarken Limousinen, Spider und Sportwagen keineswegs preiswert. Einmalig war aber ihre Finanzierung durch ein Glücksspiel.

Busso, Boano und Bertone, diese drei Namen machten Mitte der 1950er Jahre alle italophilen Autofans glücklich, denen ein Ferrari zu teuer, ein Fiat zu profan und ein Lancia zu avantgardistisch war. Fanden die Liebhaber schöner Formen und starker Motoren doch jetzt erstmals bei Alfa Romeo einen rassigen Renner kompakter Klasse, der genau so klangvoll und verführerisch war wie sein Name: Giulietta. Giulietta Sprint genau genommen, denn dieses zeitlos schöne Traumcoupé stand am Karrierebeginn der insgesamt sieben Karosserievarianten umfassenden Modellreihe.

Das Design der Giulietta Sprint wird dem begnadeten Mario Boano zugeschrieben, der Bau des Coupés erfolgte bei Bertone - dem so der Wandel vom Carossiere zur Carrozzeria, also Hersteller, gelang – und das leistungsstarke Vierzylinder-Herzstück konstruierte Giuseppe Busso unter dem Alfa-Chef-Techniker Orazio Satta Puglia. Es war eine 1,3-Liter-Macchina mit allem, was Tifosi betört. Wunderbar schön anzuschauen und doch schlicht, dabei drehfreudig, soundstark und spurtsüchtig.

Urmaß der GTI-Fraktion

Galerie: Reportage 60 Jahre Alfa Romeo GiuliettaZwei oben liegende Nockenwellen und die quadratische Auslegung von Hub- und Bohrungsverhältnis zeichneten das kompakte, komplett aus Aluminium gebaute Kraftwerk aus, das in seinen ersten Variante 50 bis 80 PS abgab, in späteren Ausbaustufen sogar bis zu 100 PS. Mit dieser Literleistung deklassierte das Triebwerk die gesamte Konkurrenz, tatsächlich stand es sogar für den Einstieg in eine neue Epoche. Womit der Motor perfekt zur Giulietta passte, die zum Urmaß der heutigen GTI-Fraktion avancierte und Alfa Romeo zum Massenhersteller machte. Allein von der 1955 eingeführten viertürigen Giulietta Berlina konnte Alfa in zehn Jahren über 130.000 Einheiten verkaufen, ehe der Nachfolgerin Giulia sogar alles noch besser gelang.

Eine erfolgreiche viertürige Sportlimousine der 1,3-Liter-Klasse - so etwas konnten im ersten Nachkriegsjahrzehnt nur Italiener konstruieren. Alle anderen Länder mussten deutlich größere Dynamiker ins Rennen schicken, wollten sie mit dem Temperament der heißblütigen Giulietta konkurrieren. Gleich ob Borgward Isabella, Volvo PV 444 Sport oder alter englischer Autoadel, der neue kleine Alfa nahm es mit allen auf – als Coupé konnte die Giuletta sogar manchem Porsche oder Jaguar davon fahren. Eine Europäerin, wie sie auch jenseits des Atlantiks geliebt wurde, weshalb der amerikanische Sportwagen-Magnat Max Hoffman sogleich eine Spider-Version der Giulietta anregte. Realisiert wurde der Italo-Roadster diesmal nicht von Bertone, sondern durch dessen Erzrivalen Pininfarina. Verkaufsgenie Max Hoffman wollte mit dem luftig-leichten Cabrio-Kleid sein Sportwagenprogramm um erschwingliches italienisches Dolce Vita ergänzen.

Exportschlager

Galerie: Reportage 60 Jahre Alfa Romeo GiuliettaErfolgreich, wie die endlos langen Lieferfristen in Kalifornien und New York schnell zeigten. Dabei waren die Alfa Romeo Giulietta in vielen Exportländern alles andere als preiswert. So stand der Spider beim Deutschlandstart mit 15.250 Mark in der Liste, das Sportcoupé Sprint Veloce gar mit 19.150 Mark und selbst die 1,3-Liter-Limousine kostete mit 12.200 Mark so viel ein S-Klasse-Mercedes mit 2,2-Liter-Sechszylinder. Coupé und Spider waren teurer als vergleichbare Porsche und viele V8-Modell der Luxusliga. Während MG seine neuen MGA Roadster für lediglich gut 8.000 Mark anpries, machte die Mailänder Marke ihre kleinen Designerstücke durch extravagante Preise zur Überraschung des Wettbewerbs nur noch begehrenswerter. Jedenfalls fand die Giulietta mit fast allen der insgesamt 30 Varianten Verehrer, die sich unsterblich in sie verliebten und die heute bereit sind, für die seltensten Versionen, wie etwa die Motorsportikone Giulietta Sprint Zagato „Coda Tronca“ aus den frühen 1960er Jahren, 300.000 Euro zu zahlen.

Jede Erfolgsgeschichte hat aber auch eine Vorgeschichte und die ließ es bei der Giulietta nicht an finanzieller Dramatik fehlen. So besaß Alfa Romeo in den frühen Nachkriegsjahren den Nimbus einer sportlichen Nobelmarke, ein Image, das durch den Gewinn der beiden ersten Formel-1-Weltmeisterschaften in den Jahren 1950 und 1951 noch unterstrichen wurde. Doch genügten Pokale und Prestige nicht, um die Kassen des damals noch von Fiat unabhängigen Herstellers zu füllen. Großserien waren nun gefragt und die Liste untergehender traditionsreicher Marken, die die Umstellung auf Massenfertigung und selbsttragende Karosserien nicht schafften, wurde immer länger. Dagegen sollte es bei Alfa Romeo die erste bezahlbare Mittelklassebaureihe mit Sportwagentechnik richten.

1950: Die Entwicklung einer kleinen Alfa-Romeo-Baureihe läuft an, zunächst ausschließlich als Limousine, später auch als Coupé

1954: Weltpremiere für Giuletta Sprint

1955: Die Berlina (Limousine) wird eingeführt. Der amerikanische Sportwagen-Importeur Max Hoffman wünscht eine Giulietta Spider. Es werden 1.415 Giuletta Sprint und 1.430 Giulietta Berlina ausgeliefert

1956: Debüt für Giulietta Sprint Veloce und Spider. Die Produktion aller Giulietta-Typen floriert mit folgendem Jahresresultat: 1.855 Giulietta Sprint, 252 Giulietta Sprint Veloce, 6.348 Giuletta Berlina, 1.007 Giulietta Spider, 18 Giulietta Spider Veloce

1957: Sieg für die Giulietta bei der Korsika-Rallye. Giulietta Sprint Speciale und Giulietta Sprint Zagato werden vorgestellt. Die Kombiversion Giulietta Promiscua geht in Serie. Allerdings nur in Kleinserie beim Karossier Colli. Insgesamt 91 Exemplare werden bis 1959 ausgeliefert. Das erfolgreichste Produktionsjahr für die Giulietta mit folgendem Ergebnis: 2.115 Giulietta Sprint, 458 Giulietta Sprint Veloce, 8.939 Giuletta Berlina, 1 Giulietta Promiscua, 1.268 Giulietta Berlina TI, 2.048 Giulietta Spider, 32 Giulietta Spider Veloce, 5 Giulietta Sprint Speciale, 1 Giulietta Sprint Zagato

1958: Facelift. Optische Kennzeichen sind u.a. neue Rückleuchten und Gummiauflagen an den Stoßstangenhörnern des schnellen TI

1960: Für den GT-Sport geht die Giulietta Sprint Zagato „Coda Tronca“ mit leichtgewichtiger Aluminiumkarosserie und „abgeschnittenem“ Heck in Serie. Insgesamt werden bis 1962 nur 30 Einheiten produziert. Immerhin 170 Einheiten werden dagegen im gleichen Zeitraum vom Sprint Zagato mit rundlichem Heck gefertigt. Beim GT-Rennen in Spa-Francorchamps belegen Giulietta die Plätze eins bis drei. Die gleichen Platzierungen erzielt die Giulietta bei der Rallye Neapel

1961: Sieg für die Giulietta bei der Rallye San Remo. Neuerliche Modellpflege für die Giulietta, die in modifizierter Version mit anderen Stoßstangen (einheitlich im TI-Dress) und geringfügig geglätteten Hauben auf der IAA debütiert

1962: Die Giulia feiert als Nachfolgerin der Giulietta Weltpremiere. Die Giulietta Sprint mutiert nach und nach zur Giulia Sprint

1964: Letztes Produktionsjahr für die Giulietta Berlina

1965: Die Giulietta wird aus der Produktion genommen. Die Stückzahlen des letzten Jahres lauten: 329 Giulietta Sprint, 1 Giulietta Berlina TI

1977: Serienstart der Nuova Giulietta (Typ 116). Weltpremiere auf der IAA Frankfurt

1985: Produktionsauslauf der Baureihe und Markteinführung des Giulietta-Nachfolgers Alfa 75

2010: Die dritte Giulietta-Generation wird eingeführt

Alfa Romeo Giulietta Berlina (1957): ab 12.200 Mark

Alfa Romeo Giulietta Spider (1957): ab 15.250 Mark

Alfa Romeo Giulietta Sprint (1957): ab 15.850 Mark

Alfa Romeo Giulietta Sprint Veloce (1957): ab 19.150 Mark

Alfa Romeo Giulietta Berlina (1959): ab 11.200 Mark

Alfa Romeo Giulietta Berlina TI (1959): ab 12.200 Mark

Alfa Romeo Giulietta Spider (1959): ab 14.380 Mark

Alfa Romeo Giulietta Spider Veloce (1959): ab 16.900 Mark

Alfa Romeo Giulietta Sprint (1959): ab 14.980 Mark

Alfa Romeo Giulietta Sprint Veloce (1959): ab 17.500 Mark

Alfa Romeo Giulietta SS Sprint Speziale (1959): ab 22.980 Mark

Alfa Romeo Giulietta Sprint (1961): ab 12.950 Mark

Alfa Romeo Giulietta SS Sprint Speziale (1961): ab 19.950 Mark

Alfa Romeo Giulietta SZ Sprint Zagato (1961): ab 21.950 Mark

Alfa Romeo Giulietta Sprint; zweitüriges Sportcoupé mit Bertone-Karosserie, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 59 kW/80 PS Leistung, Vmax 165 km/h; Produktionszeit 1954-1965.

Alfa Romeo Giulietta Sprint Veloce; zweitüriges Sportcoupé mit Bertone-Karosserie, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 66 kW/90 PS Leistung, Vmax 180 km/h; Produktionszeit 1956-1962.

Alfa Romeo Giulietta Spider; zweitüriges Sportcabrio mit Pininfarina-Karosserie, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 59 kW/80 PS Leistung, Vmax 165 km/h; Produktionszeit 1955-1962.

Alfa Romeo Giulietta Spider Veloce; zweitüriges Sportcabrio mit Pininfarina-Karosserie, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 66 kW/90 PS Leistung, Vmax 180 km/h; Produktionszeit 1956-1962.

Alfa Romeo Giulietta Sprint Speciale; zweitüriges Sportcoupé mit Bertone-Karosserie, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 74 kW/100 PS Leistung, Vmax über 200 km/h, Produktionszeit 1957-1962.

Alfa Romeo Giulietta Sprint Zagato; zweitüriges Sportcoupé mit Zagato-Karosserie, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 74 kW/100 PS Leistung, Vmax über 200 km/h, Produktionszeit 1960-1962.

Alfa Romeo Giulietta Berlina bzw. Giardiniera-Kombi; viertürige Limousine, Motor: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 37 kW/50 PS bzw. 39 kW/53 PS bzw. 45 kW/61 PS Leistung, Vmax 140-152 km/h; Produktionszeit 1955-1964.

Alfa Romeo Giulietta TI Berlina; viertürige Limousine, Motoren: 1,3-Liter-Vierzylinder-Benziner mit 48 kW/65 PS bzw. 54 kW/74 PS Leistung, Vmax 155-160 km/h; Produktionszeit 1957-1965.

Das Lotterie-Geld

Die Geburtsstunde der Giulietta, deren Entwicklungskosten das Alfa-Budget allerdings schnell sprengten. So kam es zu einer frühen Form des Crowd-Funding und einer einzigartig phantasiereichen Finanzierung der neuen Fahrzeugkonstruktion: Alfa Romeo initiierte eine Lotterie, um eine Anwartschaft auf eine der ersten 1.000 Giulietta zu gewinnen und natürlich den Hauptpreis einer neuen Giulietta Berlina. Die Losverkäufe füllten die Kasse, konnten aber zeitliche Verzögerungen bei der Entwicklung der Giulietta Berlina nicht verhindern. Um die Lotterieteilnehmer nicht um den für 1954 ausgelobten Preis zu bringen, gab die Alfa-Führung bei Bertone die Produktion der Coupéversion in Auftrag. Hatte Bertone doch genug Kapazitäten frei und sich gerade durch die von Franco Scaglione entworfenen fledermausartigen Coupés BAT 5, 7 und 9 auf Basis des Alfa 1900 beste Referenzen verschafft. Kein Zufall sind deshalb optische Verwandtschaften der neuen Giulietta Sprint mit diesen BAT- (Berlinetta Aerodinamica Tecnica) Modellen. Allerdings war das Sprint Sportcoupé weit eleganter und wurde deshalb sogar noch über das Ende der Giulietta-Baureihe hinaus gebaut. Im Jahr 1962 startete der Sprint unter dem neuen Namen Giulia sogar in eine zweite Karriere. Auch der Giulietta Spider gelang so im gleichen Jahr eine Fortsetzung ihrer Erfolgsgeschichte.

Der Viertürer wurde während seiner Produktionszeit zweimal aktualisiert und regelmäßig leistungsgesteigert bis sich Julchen 1962 in Julia, also Giulia, verwandelte und dazu ein gänzlich neues Kostüm anzog. Zuvor wurden lediglich Makeup und Accessoires gewechselt, allein die Leistungswerte kletterten von 50 auf damals respektable 61 PS. Mit TI (Turismo Internationale)-Logo gab es sogar bis zu 74 PS, womit die zierliche 4,10 Meter messende Sportlimousine auch kapitale Direktionsfahrzeuge wie den Opel Kapitän von der Überholspur scheuchen konnte. Allerdings war das noch nichts gegen die stromlinienförmigen 200-km/h-Coupés Giulietta Sprint Speciale und Sprint Zagato, denen 100 PS genügten, um zu den schnellsten Serienautos überhaupt auf Autobahnen zu zählen. Zahlreiche Motorsporterfolge wie der Klassensieg einer Giulietta Sprint bei der Mille Miglia 1956 oder der Erfolg eines SZ-Coupés beim „Coupe des Alpes“ 1963 festigten den legendären Ruf dieser Racer, von denen es sogar eine Kombivariante gab. Der Karossier Colli baute die Giulietta Promiscua als fünftüriges Familienfahrzeug, fuhr damit seiner Zeit aber doch zu weit voraus, denn Kombis sollten damals einfach nur praktisch und nicht unbedingt schick sein. Nach nur zwei Jahren und 91 Lifestyle-Kombis war 1959 bereits wieder Schluss.

Vielleicht die richtige Entscheidung, denn unvergessen bis heute sind allein die blendend schönen Berlina und Sportwagen die Romeo e Giulietta zum Traumpaar machten. Etwas, was den 1977 und zuletzt 2010 präsentierten namensgleichen Nachfolgern nicht mehr gelang. (mh/sp-x)

 
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