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Galerie: Reportage Detroit - Vergangenheit und Zukunft

Reportage: Detroit - Vergangenheit und Zukunft

Kunst und Krempel

06.01.2015

Detroit ist tot - es lebe Detroit. Lange Zeit schien es, als sei die Stadt an der Grenze zu Kanada, die Wiege der amerikanischen Autoindustrie und Heimat des Plattenlabels Motown und der Eishockeymannschaft Red Wings, am aussterben. Doch Detroit wäre nicht Detroit, wäre es nicht stets in Bewegung. Inzwischen ist die Stadt wieder vom Totenbett auferstanden und Tür an Tür mit alten Ruinen hauchen Zugereiste in stylischen Lofts und kreative Bürgerinitiativen der Motor City neue Lebensgeister ein

Nikki ist eigentlich Börsenmaklerin und Nakia organisiert sonst Events, doch jedes Jahr Anfang Januar nehmen sich die beiden Mädels ein paar Tage frei und stellen ihre Arbeit in den Dienst der North American International Auto Show - Amerikas größte Automesse, der erste Salon des Jahres und immer noch eine der wichtigsten Branchen-Ausstellungen. Nakia bringt dann als Shuttle-Fahrerin internationale Gäste von ihren Hotels zur Messe in der Cobo-Hall am Detroit River und Nikki hat als Ortskundige auf fast alle Fragen der Messebesucher eine Antwort.

Bei strahlendem Sonnenschein, aber frostigen Minusgraden, holen mich die beiden Mädels ab, um mir „ihr“ Detroit zu zeigen; ein Blick hinter die teilweise maroden Fassaden. Noch ehe ich die beiden vor dem Westin Book Cadillac Hotel am Washington-Boulevard zu sehen bekomme, höre ich sie. Besser gesagt, ich höre unser Auto für diesen Tag: Einen weißen Mercedes-Benz G63 AMG, der, gerade erst angelassen, sich von weitem mit kraftvollem Achtzylinder-Blubbern ankündigt.

Theaterparkplatz

Galerie: Reportage Detroit - Vergangenheit und ZukunftDie Heizung läuft auf Hochtouren, die Sitzheizung ist auf der höchsten Stufe, doch viel Zeit um warm zu werden hat der Benz nicht. Nur wenige Blocks vom Hotel entfernt wartet unser erstes Ziel, das Michigan Theatre. Was von außen ein schlichtes, 13stöckiges Bürogebäude ist, war einst ein Schauspielhaus mit über 4.000 Sitzplätzen. War, denn seit 1977 befindet sich darin - ein Parkhaus.

Richtig gehört. Dort wo einst Frank Sinatra und Doris Day auftraten, stehen heute bis zu 160 Autos, vor allem Monatsmieter. Von der spiegelvertäfelten Grand Lobby ist nicht mehr viel übrig, und auch die Samtvorhänge sind im Laufe der Zeit gefallen. Das beeindruckende Renaissancegewölbe aber, unter dem einst Romeo und Julia nicht glücklich werden durften, ist - zumindest in Teilen - noch erhalten. Auch fünfunddreißig Jahre nach der letzen Vorstellung - einer Doppelvorstellung von „The Spy with a Cold Nose“ und „A Thousand Clows“ mit nur noch 400 Zuschauern - würde man sich hier nicht wundern, wenn gleich Louis Armstrong ums Eck käme...

Zwei Etagen, eine Rampe, Ein- und Ausfahrt

Galerie: Reportage Detroit - Vergangenheit und ZukunftWarum aber parken jetzt Autos hier? „Zunächst wurde das Theater zum Kino, dann zum Supper Club und schließlich zum Rockschuppen“, erzählt Nikki. Vor allem unter letzterem litt der Bau beträchtlich und verwahrloste. Man entschied sich, das ganze Haus abzureißen, das aber hätte die benachbarten Gebäude in Mitleidenschaft gezogen. Zunehmende Parkplatznot und ein findiger Bauingenieure sorgten schließlich dafür, dass aus dem Theater eine Garage wurde.

In den Zuschauerraum wurden kurzerhand zwei Ebenen mit Stahlträgern eingezogen, die geschwungene Treppe des Foyers ersetzte man durch eine Auffahrtsrampe und aus dem großen Haupteingang wurden Ein- und Ausfahrt. Das Theaterinventar entfernte man dabei nur soweit es nötig war, so dass das Michigan noch heute wohl eines der außergewöhnlichsten Parkhäuser der Welt ist.

Geschichtsträchtiger Grund

Galerie: Reportage Detroit - Vergangenheit und ZukunftDie Verbindung zum Automobil ist allerdings noch viel älter denn die Nutzung als Parkhaus vermuten lässt. Das Michigan Building steht nämlich auf geschichtsträchtigem Grund: Bevor das Hochhaus errichtet wurde, betrieb kein geringerer als Henry Ford eine kleine Werkstatt an ebenjener Stelle. Und konstruierte dort sein erstes Automobil, das Ford Quadricycle.

Vom Michigan Theater machen wir einen Abstecher zu einer weiteren Bauruine, die gleichwohl eines der berühmtesten Wahrzeichen Detroits ist: der ehemalige Hauptbahnhof. Etwas außerhalb der Innenstadt gelegen, sollte er Anfang des 20. Jahrhunderts die umliegenden Stadtteile aufwerten - leider erfolglos, denn Auto und Flugzeug stellten eine zu große Konkurrenz dar. Jahrzehntelang versuchten verschiedene Eigentümer das einst höchste Bahnhofsgebäude der Welt mit neuem Leben zu füllen, bis es 1988 endgültig geschlossen wurde und seitdem dem Verfall preisgegeben ist.

Neues Leben

Doch seit einiger Zeit tut sich was, an der Central Station. Schon 2011 rückten Bauarbeiter an, sie sollen das Gebäude wieder auf Vordermann bringen. Verschiedene Pläne zur Nutzung gäbe es, meint Nakia, doch konkret sei noch nichts. Wie die meisten Detroiter aber wünscht sie sich, dass der Prachtbau bald wiedereröffnet wird.

Die Chancen dafür stehen nicht schlecht, betont Nikki. Denn auch wenn Detroit auf den ersten Blick ausgestorben scheint, zieht Motor City, wie die Stadt wegen der drei hier ansässigen großen US-Autobauer GM, Ford und Chrysler auch genannt wird, wieder neue Leute an. Mehr Einkaufsmöglichkeiten sollen die Innenstadt attraktiver machen und zahlreiche Künstler und Intellektuelle entdecken die runtergekommenen Ruinen für sich und verwandeln sie in prächtige Lofts.

Kunst und Krempel

Galerie: Reportage Detroit - Vergangenheit und ZukunftAber auch die Einheimischen von 313, wie Detroit in Anlehnung an seine Telefonvorwahl oft salopp genannt wird, schicken sich an, ihre Stadt wieder schöner zu machen. Bestes Beispiel dafür ist das Heidelberg-Projekt, zu dem mich Nakia mit der weißen G-Klasse als nächstes bringt. Die Anwohner der Heidelbergstreet, einer Straße im Osten Detroits, hatten den Verfall satt, legten selbst Hand an und dekorierten und schmückten ihrer Häuser mit Schallplatten, mit Uhren und allerlei sonstigem Trödelkram. Das Ergebnis: Ein begeh- und bewohnbares Kunstwerk, mit zahlreichen Villen Kunterbunt.

Nicht weit von hier aber zeigt Detroit wieder seine andere Seite. Nikki zeigt mir noch das Packard-Building, die Fabrik des ehemaligen Herstellers amerikanischer Luxusautos. Von 1900 an baute Packard als einer von unzähligen Herstellern in Detroit Autos, doch nach dem zweiten Weltkrieg nahmen die Big Three immer mehr überhand. Selbst eine Zusammenarbeit mit Studebaker brachte nicht den erhofften Erfolg und 1958 lief das letzte Automobil vom Band am East Grand Boulevard.

Viele Gesichter

Galerie: Reportage Detroit - Vergangenheit und ZukunftBis in die späten 1990er Jahre wurden die 325.000 Quadratmeter der alten Fabrik von verschiedenen Unternehmen weiter genutzt, doch seit dem stehen die Hallen leer und dienen nur noch als Spielplatz für Graffiti-Künstler, so genannten Urban Explorers oder Paintball-Spieler. Die oberen Stockwerke stürzen nach und nach ein und auch die Natur beginnt langsam, sich das Gelände zurückzuerobern. Schon 2012 sollten die Gebäude vollständig abgerissen werden, doch bis heute ist noch nichts geschehen. Und so schnell wird sich hier auch nichts tun, spekuliert Nakia wissend.

Auf dem Rückweg zum Hotel machen wir noch einen Abstecher auf Belles Isle. Die Insel ist Detroits Naherholungsgebiet, Autorennstrecke und Freizeitpark. Hier, am Ufer des Detroit River, der den Lake St. Claire mit dem Eriesee verbindet, hat man einen traumhaften Blick auf die Skyline der Stadt und das auf der kanadischen Seite liegende Windsor. Von hier fällt es schwer zu glauben, dass sich hinter den hochglänzenden Fassaden der Wolkenkratzer, allen voran dem über siebzig Stockwerk hohen Renaissance-Center mit der GM-Zentrale, auch so viele Ruinen verbergen.

Immer in Bewegung

Spätestens auf der Uferstraße zurück ins Stadtzentrum, entlang verlassener Wohnblocks, holt einen die Realität wieder ein. Doch Nikki und Nakia blicken erwartungsvoll in die Zukunft. Detroit kommt bald wieder richtig in Schwung, da sind sich die beiden sicher. Und schließlich, meint Nikki, müsse eine Stadt, deren sternförmige Straßen auf dem Stadtplan - mit etwas Phantasie - ein Wagenrad bilden, doch sowieso immer in Bewegung sein: „That‘s Motor City.“

 
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