Umwelt-Special
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Galerie: Reportage Smart car2go

Reportage: Smart car2go

Nutzen statt besitzen

29.03.2010

Ganz nach oben bin ich gelaufen. Alle 768 Stufen. Bis in die Spitze des Ulmer Münster. Dem höchsten Kirchturm der Welt. Von der neuen Form der Mobilität, die kurz zuvor von Smart in einer Pressekonferenz beschworen wurde, habe ich dabei nicht viel gemerkt. Doch findet man die auch nicht in schwindelerregender Höhe, sondern - ganz bodenständig - auf den Straßen der schwäbischen Großstadt.

In dem kleinen Kundenzentrum, im Untergeschoss der Ulmer Touristeninformation, herrscht reger Betrieb. Schließlich muss hier jeder hin, der am Ulmer Vorzeigeprojekt teilnehmen will. Genauer gesagt: an der bereits erwähnten, neuen Form der Mobilität. Die nennt sich car2go, kommt von Smart - also Daimler - und feierte dieser Tage ihren ersten Geburtstag.

Was hier vor einem Jahr gegründet wurde, ist ein CarSharing-Projekt der etwas anderen Art. Denn bei den konventionellen Viele-Menschen-teilen-sich-wenige-Autos-Programmen muss der Wagen immer an seinen Ursprungsort zurück gebracht werden. Und genau das entfällt bei car2go. Die Flotte von derzeit noch 200 Smart fortwo steht zwanglos über die Städte Ulm und Neu-Ulm verteilt. Wer Lust auf moderne Mobilität hat, steigt ein, fährt los und stellt den Wagen irgendwo im Stadtgebiet wieder ab.

Unterschätzt

Galerie: Reportage Smart car2goAls im März 2009 der Startschuss für das Projekt fiel, ging man von fünf- bis achttausend Teilnehmern binnen eines Jahres aus. In der Regel sind solche Schätzungen sehr großzügig. Und auch die Strategen bei Daimler haben gründlich daneben gelegen mit ihrer Prognose. In die andere Richtung: 18.000 Ulmer haben sich in den vergangenen zwölf Monaten zu car2go angemeldet und sich ihren persönlichen Chip in besagtem Kundenzentrum auf den Führerschein kleben lassen.

Der nämlich ist nötig, um Zugang zu den Smarts zu bekommen. Ein kleiner Detektor hinter der Windschutzscheibe erkennt den Chip und entriegelt den Wagen. Dann müssen noch drei Fragen zur Sauberkeit des Fahrzeugs und eventuellen Schäden per Tastendruck auf einem Touchscreen beantwortet werden und schon kann‘s los gehen. Das dient dazu, dem alles organisierenden System einen Eindruck über den Zustand der Smarts zu vermitteln, damit im Bedarfsfall ein Serviceteam zum Reinigen geschickt werden kann.

Schlüssel im Handschuhfach

Galerie: Reportage Smart car2goDer Schlüssel für den Smart liegt im Handschuhfach, neben einer Tank- und einer Parkkarte. Erstere darf beliebig eingesetzt werden, denn der Sprit ist im Minutenpreis von derzeit noch 19 Cent inklusive. Ist der Tank unter viertelvoll und der Fahrer legt einen Stopp an der Zapfsäule ein, werden ihm zehn Minuten auf seinem Fahrzeitkonto gutgeschrieben. Wird ein Auto mit weniger als 14 Prozent Tankinhalt abgestellt, sperrt das System den Wagen für weitere Mieten und ruft das Serviceteam. Schließlich soll kein Fahrer ein leeres Auto bekommen.

Die Parkkarte wiederrum löst ein anderes Problem. Denn der Wagen muss nach der Fahrt ja auf einem freien, kostenlosen Parkplatz abgestellt werden, und die sind selbst in der Ulmer Innenstadt rar. Daimler hat deshalb Abkommen mit mehreren Parkhäusern, in denen die car2go-Smarts geparkt werden können. Außerdem haben die Stuttgarter über die Stadt verteilt eigens private Parkplätze angemietet, zum Beispiel an den Endhaltestellen des öffentlichen Nahverkehrs.

Parkplatzprobleme

Galerie: Reportage Smart car2goDas Parkplatzproblem ist es auch, das einen baldigen „Marktstart“ des Programms in anderen deutschen Städten verhindern wird. Denn die Kommunen sind aufgrund von Gesetzen nicht in der Lage, Parkplätze für die car2go-Smarts auszuweisen. Im Ausland ist dies deutlich einfacher, und so wird die „eine europäische Großstadt“, in der noch 2010 das Projekt an den Start gehen soll, wahrscheinlich nicht in Deutschland liegen.

Noch schweigen sich die Schwaben über den genauen Ort aus, doch dürfte London wahrscheinlich sein. Dort ist Daimler bereits mit einer Elektro-Smart-Flotte vertreten.

Ulm treu bleiben

Galerie: Reportage Smart car2goAuch wenn Ulm mit seinen 120.000 Einwohnern nicht die Zielgruppe für ein derartiges Projekt ist, sondern ursprünglich nur als Feldversuch diente, will Daimler der Stadt treu bleiben. Dort hat die neugegründete car2go GmbH ihren Sitz und das ursprünglich auf ein Jahr angelegte Pilotprojekt wurde auf unbegrenzte Zeit verlängert. Schließlich haben die Ulmer ihre Smarts offensichtlich ins Herz geschlossen.

250.000 Mal haben sie im Jahr 2009 einen car2go-Smart gemietet, durchschnittlich für 30 bis 60 Minuten und haben damit jeweils eine Strecke zwischen zehn und 20 Kilometern zurückgelegt. Summa summarum ergibt das eine Gesamtdistanz von 3,3 Millionen Kilometern. Was für die Planer allerdings noch wichtiger ist: 90 Prozent der Fahrten waren Einwegmieten und bestätigen damit den großen Vorteil gegenüber konventionellen Carsharing-Programmen.

Engpass

Galerie: Reportage Smart car2goSo sehr sich die Verantwortlichen über den großen Erfolg auch freuen, so beschert er ihnen derzeit auch ein Problem. Die 200 Fahrzeuge reichen nicht mehr aus. Gerade in der Innenstadt wird es immer schwerer, ein frei herumstehendes Fahrzeug zu bekommen. Zwar gibt es Helfer, wie die Internetseite www.car2go.com, eine 24-Stunden-Hotline und mittlerweile auch Programme für das iPhone, die einem auf einer Karte verraten, wo das nächste Auto steht. Doch neigen derzeit immer mehr Kunden dazu, Fahrzeuge im Voraus zu reservieren.

Das geht maximal 24 Stunden vor Mietbeginn und funktioniert über ein faszinierend ausgeklügeltes System. Denn der Kunde reserviert nicht einen bestimmten Smart, sondern die Garantie, dass zum gewünschten Zeitpunkt ein Wagen im Umkreis von 500 Metern um seinen Startpunkt für ihn bereit steht. Und das tut er auch. Sagt die Wahrscheinlichkeitsrechnung. Denn ohne steuerndes Zutun verteilen sich die Smarts quasi optimal über die Stadt.

Es ist immer eins da

Galerie: Reportage Smart car2goUnd was passiert, wenn kein Fahrzeug da ist, frage ich den Produktmanager. „Das passiert nicht!“. Ja, aber wenn doch? „Nein, es wird ein Fahrzeug da sein!“. Theoretisch kann es aber doch vorkommen, was dann? „Dann schenke ich dem Betroffenen einen Taxigutschein!“. Klare Aussage. Und: Der Mann vertraut der Technik zurecht. Noch nie konnte eine Reservierung nicht erfüllt werden. Um aber auch den Spontan-Fahrern im gefragten Innenstadtbereich wieder mehr Chancen zu geben, ein Auto zu finden, stockt Daimler die Flotte jetzt um 100 Fahrzeuge auf.

Denn die Nachfrage wird weiter steigen. Allein während meines kurzen Besuchs im Kundenzentrum haben sich drei neue Teilnehmer registriert. Ein Student etwa, der, wenn er die Uni spät verlässt, keinen Bus mehr nach Hause bekommt. Oder die junge Dame, die nachts nicht alleine mit den Öffentlichen fahren will. Was im ersten Moment danach klingt, als würde car2go dem ÖPNV Konkurrenz machen, wird von den Verantwortlichen vehement verneint.

Zusammenspiel

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Car2go alleine ist und kann nicht die neue Form der Mobilität sein. Die findet viel mehr im Zusammenspiel von Bus und Bahn, Carsharing und Taxis statt. Viele legen die letzten Meter von der Endhaltestelle mit dem Smart zurück. Manche fahren mit dem Smart in die Stadt zum Essen und mit dem Taxi heim. Oder mit dem Bus zum Einkaufen, und bringen die Einkäufe dann mit dem Auto nach Hause.

In Ulm funktioniert dieses Zusammenspiel nach einem Jahr bestens und selbst viele der anfänglich kritischen Taxifahrer konnten mittlerweile überzeugt werden, dass ihnen die kleinen Smarts nicht große Konkurrenz machen. Und die Stadtwerke etwa haben inzwischen die car2go-Parkplätze in ihren Linienplan eingezeichnet. Jetzt gilt es nur noch, car2go aus der Kleinstadt in die Metropolen zu exportieren. Der Erfolg jedenfalls dürfte gesichert sein.

 
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