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Galerie: Test Audi R8 V10

Test: Audi R8 V10

Der Unüberholbare

27.09.2013

Bereits die Übergabe deutete an, wie sehr ein R8 für emotionale Ausnahmezustände sorgt. So beim Concierge eines Frankfurter Nobelhotels, der mir den Wagen aus der Garage holte und dem als integereren Profi dennoch der Kommentar rausrutschte, dass er dieses heiße Eisen nur ungern wieder hergibt. Verliebt blickte er zum Abschied in die gläserne Motorhaube auf das verzückend inszenierte V10-Kraftwerk.

Dabei hätte man doch durchaus Grund, den Fahrer des R8 zu bedauern. Tief muss man sich hineinzwängen in einen für sein Segment zwar eigentlich komfortablen, letztlich aber doch beengten Innenraum. Hart, laut und unübersichtlich kann es hier außerdem sein. Und dann hatte ich bereits beim ersten beherzteren Gasstoß diese Ahnung, dass sich dieses Mal die Punkte auf meinem Flensburg-Konto sprunghaft vermehren könnten.

Eingebaute Rechtsüberholsperre

Galerie: Test Audi R8 V10Anderen Verkehrsteilnehmern verhilft dieser Flachmann hingegen zu wieder mehr Disziplin. Vor allem Fahrer von A6 und 5er, die auf der Autobahn gerne vom Sonderrecht Gebrauch machen, Linksspurkolonnen rechts zu überholen, überdenken beim Anblick des R8 ihre Taktik. Einen Peugeot würden diese Desperados links liegen lassen, doch mein flacher und breiter Master of Speed ist respekteinflößend. Zwar darf selbst ich im eingeschränkten Blickfeld meines Rückspiegels häufiger dichtes Auffahren und hektische Links-Rechts-Tänzchen erleben, doch dreist vorbeiziehen wagt keiner, trotz sich anbietender Lücken.

Die Logik ist offensichtlich: Mit meinen 525 PS im Rücken bewege ich mich am Ende der Nahrungskette. Und zwar gaaanz hinten. Selbst vom Ehrgeiz schwer gepeinigte A6-Piloten mit mächtigen Dieselmotoren im Bug respektieren diesen Umstand. Mein R8 verschafft mir Achtung, und ich darf mich fühlen wie der Gangsterboss im Nachtlokal, dessen natürliche und selbstherrliche Autorität von anderen Gästen erkannt und stillschweigend hingenommen wird. Dem Ingolstädter Überflieger haben die Audi-Ingenieure praktischer Weise diesen Priority-Status eingebaut, den ich gerne annehme, denn hinterherfahren fällt mit diesem Auto ziemlich schwer.

Geschmeidig oder brutal

Galerie: Test Audi R8 V10Hinter den lediglich zwei Sitzen werkelt der 5,2-Liter-V10 bei sanftem Gasfuß mit verblüffender Geschmeidigkeit und leise, auf Wunsch aber explodiert er mit brachialer Härte, die der Hochleistungs-Aura der Außenhaut auch entspricht. Diesen Spagat zwischen Kultiviertheit und roher Gewalt meistert auch das serienmäßige Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe. Beim entspannten Cruisen werden die Stufen sanft, kaum merklich angepasst, während im Sportmodus und bei maximaler Leistungsabfrage das Getriebe von der Statistenrolle ins Charakterfach wechselt. Mit Zwischengasfanfare und mit hartem Ruck kommt die nächste Stufe, das alles vollzieht sich sehr schnell und eigentlich ohne Zugkraftunterbrechung, was bei maximaler Beschleunigung (3,6 Sekunden sind möglich) von Vorteil ist. Die Lastwechselreaktionen des zwischen 2008 und 2012 verbauten automatisierten Schaltgetriebes sind in jedem Fall Geschichte.

Geschmeidig oder knallhart – der Fahrer hat also stets die Wahl. Wer halbwegs gelassen auf der Autobahn touren will, wird aber dennoch meist die Tachonadel in Richtung 200 treiben, denn in diese Regionen dringt der R8 mit unglaublicher Leichtigkeit vor und bleibt selbst dann das Geräuschniveau noch niedrig, was dem Fahrer irgendwie das Gefühl für die Geschwindigkeit nimmt. Zunächst habe ich dank all dieser entspannenden Umstände den Eindruck, der R8 wäre besonders langstreckentauglich, was ich nach knapp fünfhundert Kilometern angesichts eines Zwackens in der Kreuzregion jedoch nicht mehr ganz so eindeutig bestätigen mochte. Zumal auch der bescheidene Gepäckraum keine Empfehlung für Reiselustige ist.

Locker jenseits der 300

Galerie: Test Audi R8 V10Man kann, sofern es die Verkehrslage ausnahmsweise einmal zulassen sollte, den Langstreckenmodus immerhin deutlich kürzer als mit anderen Autos gestalten, denn fast spielerisch knackt der R8 auch die 300er-Marke und giert selbst dann noch nach noch mehr Speed. Schwupps stehen 320 auf dem Tacho. Allerdings verlangen Fahrten nahe der Topspeed angesichts der nie leeren Autobahnen eine energieabsorbierende Aufmerksamkeit und kann ich mich nie lange an extrem hohen Tempofahrten berauschen. Der dabei stets vertrauenserweckende R8 scheint damit kein Problem zu haben. Die Taktung der Tankstopps erreicht jedoch ein lästiges Niveau, denn die normal 13 Liter lassen sich leichthin verdoppeln.

Neben der pfeilschnellen Art ist es eben auch die zuvor erwähnte Aura, welche dem R8 diesen Ausnahmestatus verleiht. Wobei ich eigentlich erwartet hätte, das im nunmehr sechsten Jahre ein Abnutzungs-Effekt seiner Strahlkraft entgegengewirkt hätte. Ein wenig mögen vielleicht die Facelift-Maßnahmen das Halsverdreher-Potenzial aufgefrischt haben, denn die neuen LED-Scheinwerfer und vor allem die rattenscharfen Wischblinker sind für sich gesehen schon eine Show. Und damit generiert der R8 in zum Teil fast lästiger Weise Aufmerksamkeit, folgen überall die Blicke und braucht es dafür nicht einmal den Machosound im per Tastendruck aktivierbaren Sportmodus, der in Tunnelfahrten ein irres Boller-Inferno entfesselt. Understatement sieht anders aus und klingt anders.

Irres Spielzeug

Galerie: Test Audi R8 V10Ganz klar: Die Fahrt in einem R8 ist ein Ausnahmeereignis. Das bekommt man vor allem auch zu spüren, wenn man bei der Mittelmotor-Flunder dem Spieltrieb ein wenig freien Lauf lässt. Wankfrei, mit präziser Lenkung, den ankerartigen Keramik-Bremsen und einem variablen Allradantrieb ist der Flachmann für ambitionierten Pistenspaß bestens gerüstet. Dank des variabel die Kräfte jonglierenden Quattro-Antriebs lassen sich schier unglaubliche Dinge anstellen. Einerseits fährt sich dieser Grenzbereich-Verschieber wie auf Schienen, kann aber andererseits bei hecklastiger Kraftverteilung auch quer gefahren werden. Nur sich auf der Stelle um 360 Grad drehen kann sein allein optisch Verwandter, der R8 E-Tron, der allerdings aus Kostengründen dann doch nicht in der einst angekündigten Serienversion gebaut wurde.

Im Vergleich zum E-Tron ist der R8 V10 dann fast schon in der Schnäppchen-Liga unterwegs. Aber leider nur fast. Rund 185.000 Euro kostet unser mit einigen Extras ausgestattetes Exemplar, bei dem zum Beispiel die feschen LED-Vollscheinwerfer oder das schon betagte Highend-Navi-Infotainmentsystem zur Serienausstattung gehören, während die Keramikbremsen für rund 9.000 Euro und der Tempomat für fast bescheiden anmutende 270 Euro extra bezahlt werden müssen. Der Geschwindigkeitsregler kostet damit übrigens genauso viel wie im Audi A3. Dem potentiellen Käufer dürften solche monetären Aspekte allerdings egal sein, denn der R8 ist ein Auto für Leute, die in Hinblick auf die Anschaffungskosten einfach nur aus abwicklungstechnischen Gründen nach dem Preis fragen und sich vor allem die Gewissheit leisten wollen, unüberholbar zu sein.

 
Fazit

Mario Hommen

Seit über sechs Jahren gibt es den R8 und er scheint noch immer nichts von seiner Faszination eingebüßt zu haben. Wer gerne im Mittelpunkt steht, bekommt im Fall dieser Superflunder eine besonders hohe Aufmerksamkeit-Garantie. Auch dank des Optik-Updates mit effektvollen Wischblinkern.

Fahrtechnisch ist der V10 weiterhin ein Ausnahmetalent, der den Spagat zwischen extremer Sportlichkeit und handzahmer Cruiser-Mentalität dank des neuen Doppelkupplungsgetriebes noch besser meistert.

Sein Souveräntitäts-Status ist damit weiterhin unverändert hoch und bietet der R8 seinem Fahrer die Gewissheit, unüberholbar zu sein. Das zeigt sich auch gegenüber der neuen Volksbewegung der Rechtsüberholer, die sich beim Anblick eines R8 allerdings in Zurückhaltung üben.

Wer mit einem derart extrovertierten Unüberholbar-Mobil unterwegs sein will, muss selbstredend über größere Geldreserven verfügen, denn ein R8 V10 ist sehr teuer in Anschaffung und Unterhalt und höchstens als Fuhrpark-Ergänzung für die sonntäglichen Spaßrunden zu empfehlen.
 
 

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