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Galerie: Test Bentley Continental GTC V8 S

Test: Bentley Continental GTC V8 S

Fetter Klangkörper

27.05.2014

Zugegeben, ich kann es selber nicht mehr hören. Diese ewige Leier, dass der Bentley Continental ja im Grunde nur ein VW-Phaeton-Ableger sei. Zu oft schon wurde diese Verwandtschaft erwähnt, kritisch angemerkt oder gescholten. Das Schlimme daran aber ist: Es stimmt. Und deswegen hat eben auch der Bentley mittlerweile eine beachtliche Anzahl von Jahren auf dem schicken Buckel. Am unvergleichlichen Charme des Briten ändert das aber nichts.

Der Wolfsburger Technikspender kam vor nunmehr zwölf Jahren, anno 2002 auf den Markt, ein Jahr drauf brachte Bentley den Continental GT und 2006 schließlich das durch den Namenszusatz C gekennzeichnete Cabrio. Und Facelift hin, neue Motoren her: An der Basis hat sich bis heute nichts geändert. Und das merkt man dem Auto, wenn man drin sitzt, auch an.

Galerie: Test Bentley Continental GTC V8 SDas Kombiinstrument, das Entertainment-System, die etwas groben Plastikschalter auf der Mittelkonsole - alles ist ein, zwei Generationen im Hintertreffen. Hier besteht dringend Aufholbedarf, wenngleich man damit aber noch leben kann. Tatsächlich störend ist dagegen die zu hohe Sitzposition. Als wäre die Sitzanlage eins zu eins aus dem höher bauenden Phaeton entnommen, thront man auf dem schweren Ledersessel über den Dingen.

Nichts für Großgewachsene

In wenig königlicher Haltung, wohlgemerkt, muss man sich als etwas größer gewachsener Fahrer doch ziemlich in den Sitz lümmeln, um nicht mit dem Dach in Berührung zu kommen; und wer offen fährt und aufrecht sitzt, blickt schnurstracks auf die A-Säule. Ebenfalls nicht für jeden passend: Das als Nackenfön erdachte Gebläse unterhalb der integrierten Kopfstützen scheint auf kleine Fahrer ausgerichtet zu sein, dient es Längeren doch eher als Schulterblattwärmer.  

Genauso muss man aber freilich auch zugeben, dass der Continental GTC, noch dazu in diesem herrlich strahlenden Blau, mit dem unser Testwagen angemalt war, eines der schönsten Cabrios auf dem Markt ist - wenn nicht das schönste. An der Karosserie sucht man Altersfältchen vergebens, die Blechhaut spannt sich straff über die breiten muskulösen Schultern und die dynamisch-rundliche Front. Der Wagen strotzt schon im Stand vor Energie und die breiten, zur Ewigkeits-Acht geformten Chrom-Endrohre deuten an, das aus ihnen wohl ein kraftvolles Konzert erklingen wird - doch dazu später mehr.

Außer Konkurrenz

Galerie: Test Bentley Continental GTC V8 SSpätestens mit dem Öffnen des Stoffverdecks - per Schlüsseltasten-Druck oder während der Fahrt - dürfte jedem Betrachter auch das Herz aufgehen. An diesen skulpturhaften Körper kommt kein 911er ran, kein SL und auch kein 6er Cabrio. Zugegeben, diese Kandidaten spielen zunächst auch in einer anderen Liga, aber bestückt man die genannten Modelle mit potentesten Motoren und ein wenig Schnickschnack, kommen sie doch zumindest grob in die Nähe der 198.373 Euro, die Bentley für den offenen V8 S aufruft.

Genau dieses S ist die neueste Ergänzung im Continental-Programm. Es ist noch gar nicht so lange her, dass Bentley die bislang stets von zwölf Zylindern angetriebene Continental-Reihe um einen V8 erweiterte, der gut 70 PS unterhalb des 575 PS starken W12 angesiedelt ist. 70 PS, das ist in der Automobilwelt Lücke genug, um dazwischen noch ein weiteres Modell nachzuschieben, und der betagten Baureihe zu noch einem weiteren goldenen Herbst zu verhelfen.

Leistung aus dem Computer

Galerie: Test Bentley Continental GTC V8 SMit dem Buchstaben S halten weitere 21 PS Einzug, so dass nun 528 Pferde eingespannt werden können. Für Bentley war dieses Aufpuschen ein leichtes, mussten die Ingenieure doch nicht einmal Hand an den Motor anlegen. Ein wenig mehr Ladedruck für den Turbo und ein Chip mit neuer Steuerungssoftware reichten, schon war der V8 S geboren.

Damit der Kunde sieht, für was er sein Geld ausgibt - wir reden immerhin von 10.000 Euro Aufpreis gegenüber dem normalen V8 -, hat Bentley noch die Designer rangelassen. Ein Aerodynamik-Kit mit etwas tieferen Schürzen macht die Starkversion aus. Und sie duckt sich um einen Zentimeter tiefer in den Wind, was optisch dazu führt, dass die 21-Zöller die Radhäuser noch besser ausfüllen.

Stimmgewaltiges Orchester

Galerie: Test Bentley Continental GTC V8 SSeinen ganzen Charme entfaltet der S aber erst durch den Sportauspuff. Wer nur ganz sanft Gas gibt, provoziert immerhin ein tiefes Grummeln, das aber nur die Ruhe vor dem Sturm ist. Gibt man dem Pferdchen die Sporen, brüllt der vier Liter fassende Achtzylinder los als gäbe es kein Morgen mehr; nach der ersten Beschleunigungsarie sehe ich mich fragend um, ob nicht doch ein Aston Martin in der Nähe ist, der für dieses Konzert verantwortlich ist. Aber nein, es ist der Bentley ganz allein, der dieses Tutti des stimmgewaltigen Orchesters dirigiert.  

Einher mit dieser markerschütternden Klangexplosion geht natürlich auch vehementer Vortrieb: 680 Newtonmeter fallen beim S, koordiniert von einer Achtgang-Automatik, über alle vier Räder her, die sich im Asphalt festzukrallen scheinen und das immerhin 2,5 Tonnen (!) schwere Cabriolet in  4,3 Sekunden auf Tempo 100 bringen - als wäre es ein Kinderspiel. Dass der normale V8 diese Kunststück in 4,6 Sekunden vollführt und ebenso nahe an die 309 km/h Höchstgeschwindigkeit rankommt, muss man als S-Kunde einfach ausblenden, und sich umsomehr am Kribbeln im Bauch erfreuen, das jeder beherzte Tritt aufs Gaspedal verursacht.

Schwerer Sportler

Galerie: Test Bentley Continental GTC V8 SNicht in Abrede stellen darf man dem S auch seine gesteigerten Talente im kurvigen Geläuf; die tiegerliegende Karosse, eine etwas direktere Lenkung, überarbeitete Federn und Dämpfer - das ist der Performance zuträglich, und verträgt das Cabrio zweifelsohne mehr Querdynamik als die meisten seiner Fahrer. Formvollendeter Sportlichkeit steht jedoch das Gewicht ebenso im Weg, wie die nicht mehr ganz zeitgemäße Verwindungssteifigkeit, was sich hin und wieder mit spürbarem Karosseriezittern bemerkbar macht. Auch hier gab es in den letzten zehn Jahren Fortschritte, von denen der Bentley, bis zu seiner Ablöse, nur träumen kann.

Immerhin sind sich die Techniker dieser Nachteile bewusst, und verbauen die größten Keramik-Bremsscheiben, die derzeit in einem Pkw verbaut werden, so dass - sollte die Fuhre doch einmal außer Kontrolle geraten und auch das ESP nichts mehr gegen den Drang zum äußeren Kurvenrand ausrichten können - wenigstens schnellstmöglich Geschwindigkeit abgebaut werden kann.

Für Genießer

Die meisten Fahrer aber dürften es gar nicht so weit kommen lassen. Es ist ja auch viel gemütlicher, mit dem Bentley offen am See entlang in Richtung Sonnenuntergang zu cruisen, und hier und da mit einem kleinen Gasstoß das Orchester wieder aufzuwecken und damit, ganz nebenbei natürlich, den Nachbarn zu demonstrieren, dass man auf Spritkosten (Verbräuche zwischen 15 und 20 Liter sind die Regel) keine Rücksicht nehmen muss. Parkt der offene Brite schließlich am Golfplatz, und man blickt von der Terrasse des Clubhauses hinüber und sieht, wie daneben ein “normaler” V8 zum Stehen kommt, weiß man auch wieder, warum man diese 10.000 Euro extra investiert hat.

 
Fazit

Michael Gebhardt

Ja, der Bentley Continental GTC ist nicht mehr taufrisch, und trozdem - zumindest für mich - ist er eines der, nein, das schönste Cabrio. Dieser wie aus einem Stein gehauene Alabaster-Körper sucht seinesgleichen und selbst ähnlich hochpreisige Mitbewerber können da nicht mithalten. Daran ändert auch die Tatsache nichts, dass vor allem der Innenraum dringend erneuert werden müsste und dabei auch auf großgewachsene Fahrer Rücksicht genommen werden sollte.

Der überarbeitete V8 S dagegen ist ein Sahnestück ohne Tadel. Dass die Mehrleistung quasi nur aus dem Computer kommt, ist das eine, dass man sie eigentlich nicht braucht, das andere - und dass der Bentley für eine beherzte Sportwagen-Gangart zu schwer ist, braucht man gar nicht erwähnen. Riesigen Spaß macht er in der S-Version trotzdem. Spätestens, wenn man gemütlich dahin rollt und plötzlich das Orchester mit einem beherzten Gastritt aus dem Vollen schöpfen lässt, der Bentley nach vorne schnellt und mit seinem gewaltigen Gebrüll alle anderen alt aussehen lässt. Und wenn dann noch der Typ nebenan an der Ampel dieses Schauspiel mit einem ebenso kurzen wie treffenden “fett” kommentiert, hat sich die Investition gelohnt.
 

 

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