Anfang März öffnet der Auto-Salon seine Pforten. Wir verraten Ihnen bereits vorab viele der großen Premieren-Stars der Messe.
Der Land Rover Defender ist ein Urgestein des Automobilbaus und auf dem gesamten Erdball zuhause. Keine Steppe ist ihm zu weit, kein Gebirge zu hoch und kein Dschungel zu tief. Einer, der dem Briten den Stand bei Globetrottern, Waldarbeitern und Militär streitig macht ist der Iveco Massif – Ähnlichkeiten sind nicht rein zufällig.
Allerdings hat der Iveco den Land Rover noch lange nicht entthront. Ehrlich gesagt wackelt er nicht einmal – der Thron. Denn wirklich häufig verkauft sich der Iveco hierzulande nicht. Rund 120 Exemplare setzt Iveco Deutschland ab – pro Jahr. Ein Defender findet im gleichen Zeitraum mehr als 900 Hardcore-Fans. Denn rational denkende Autokäufer entscheiden sich sicherlich weder für den einen noch für den anderen Rusticus (Latein für Bauer). Denn der aktuellen Technik hinken beide Modelle um Generationen hinterher.
Land Rover Massif?
Das hinderte Iveco jedoch nicht daran, den Defender als optisches und technisches Vorbild zu nehmen. So steckt unter dem zum Verwechseln ähnelnden Blech des Iveco ein Menge Land-Rover-Know-how.
Aber fangen wir vorne an: Vor rund 50 Jahren begann der spanische Landmaschinen-Hersteller Santana in Linares damit, den Land Rover (damals noch nicht Defender genannt) in Lizenz nachzubauen. Jedoch nutzen die Spanier schon damals längst nicht alle Bauteile aus UK. Die Liaison endete kürzlich. 2008 übernahm dann der italienische Nutzfahrzeug-Riese Iveco die spanische Produktion des Defender-Derivats, modernisierte es – wenn man das überhaupt so nennen kann – und taufte ihn auf den Namen Massif – wie passend.
Auffallend anders
Denn massiv ist der Massif (Leiterrahmen), der noch immer im Santana-Werk Linares produziert wird, in der Tat. In den Grundzügen erinnert er deutlich an den weltbekannten Briten. Aber: Der Massif fällt dennoch auf. Menschen drehen sich nach dem Geländewagen um. Und die Reaktionen sind positiv, denn irgendwie wirkt er zwar martialisch, gleichzeitig aber auch sympathisch. Schiefe Blicke, die sich SUV-Fahrer mittlerweile gefallen lassen müssen, erntet der Massif-Pilot nicht. Denn sein Besitzer trifft mit dem Iveco eine eindeutige Aussage: Ich brauche genau diesen Wagen! Und zwar, um damit nach Hause in den Wald, zur Arbeit auf die Alm oder in den Urlaub nach Afrika zu kommen. Denn man fährt so ein Ungetüm doch nicht aus Spaß! Dabei macht der Massif auch beim Fahren Spaß, bedingt zwar, aber mehr als das britische Original.
Ein starker Motor
Denn die Italiener pflanzten dem mindestens 2.100 Kilogramm schweren Massif einen gescheiten Motor ein. Iveco ist in der Lkw-Branche eine gern genutzte Marke, denn die Motoren sind stark, vergleichsweise sparsam und vor allem haltbar. Schon der Ölwechselintervall von 40.000 Kilometern (oder alle zwei Jahre) lässt nicht nur Weltenbummler aufhorchen. Theoretisch ist somit eine Erdumrundung ohne Service-Stopp möglich.
Bei dem Common-Rail-Diesel, der in zwei Leistungsstufen angeboten wird, handelt es sich um einen Drei-Liter-Reihen-Vier-Zylinder mit 146 oder 176 PS. Zum Test trat das Topmodell 3.0 HPT (High Performance Turbine) an. Kraft ist bei diesem Exemplar in allen Lebenslagen vorhanden. Ab 1.250 Kolbenumdrehungen drücken 400 Newtonmeter Drehmoment in Richtung Achsen. Bei Tempo 60 verkraftet der Iveco-Motor bereits den langen sechsten Gang. Das einigermaßen akkurat schaltbare Getriebe ist gut gespreizt, so dass Standgas-Bergbezwingungen ebenso problemlos machbar sind. Souverän klettert der Massif die Drehzahlleiter empor. Dass dabei ein paar Rußwölkchen den Abgastrakt verlassen, ist „gewollt“. Denn einen Feinstaub-Filter besitzt der Euro-4-saubere Iveco nicht. Grund: Hauptmärkte sind Länder, in denen die Spritqualität nicht dem westeuropäischen Standard entspricht und sich Rußfilter schnell zusetzen würden.
Der HPT-Diesel produziert immer wieder verwunderte Gesichter. Sei es an der Ampel beim Beschleunigen oder auf der Autobahn, wo auch längere Strecken problemlos mit 160 km/h absolviert werden können. Kaum einer traut diesem Urvieh solche Fahrleistungen zu. Wird der wandelnde Wandschrank gefordert, muss mit rund 14 Litern Spritkonsum gerechnet werden, rund elf Liter sind im Alltag die Regel. Löblich, denn das ist exakt die Normverbrauchs-Angabe.
Blattfedern vorne und hinten
Erstaunlich ist, dass das Blattfederfahrwerk flotte Autobahn-Etappen goutiert. Der Fahrkomfort ist erträglich – nicht weniger komfortabel als beispielsweise im BMW X3. Dafür wankt der hohe Aufbau jedoch um eilig gefahrene Kurven und eine exakte Linie ist aufgrund der plump arbeitenden Lenkung kaum möglich. Zu bedenken ist auch, dass im Ernstfall weder ESP noch Airbags oder eine crashoptimierte Karosserie schützen. Sogar ABS kostet in den Varianten Classico (Basis) und Montagna (ganz bisschen Luxus) 1.600 Euro extra. Lediglich beim getesteten Avventura ist Minimalelektronik vorhanden.
Aber da wären wir wieder beim Thema: Der Iveco ist, genauso wenig wie der Defender, für die Stadtbevölkerung erdacht und gemacht. 14,5 Meter Wendekreis für die Langversion sprechen Bände. Im Gelände verursacht dieser Umstand meist weniger Komplikationen, und hier fühlt sich das Tier richtig wohl. Das wissen auch Behörden in Italien, Spanien, Frankreich und Rumänien. In diesen Ländern fährt der Iveco nämlich als Armee-, Polizei-, Brandbekämpfungs-, Grenzschutz- und Sonst-Noch-Was-Fahrzeug durch unwegsame Reviere. Aber nicht nur europäische Käufer findet der Massif. Bis auf Nordamerika ist der spanische Italiener mit britischen Genen in den meisten Ländern der Erde zuhause. Zudem ist der Wagen offizielles Fahrzeug der neuseeländischen Rugby-Nationalmannschaft – grob eben.
Kurz, lang, Pick-up und Single-Cab
Den Massif gibt es in vier Versionen. Die Kurzversion (4,25 Meter), die Langversion (4,72 Meter) sowie den Pick-up (4,55 Meter) und den Single-Cab (4,45 Meter). Bei letzterem handelt es sich um einen Pick-up mit frei wählbarem Aufbau (Feuerwehr, Abschlepper etc.).
Für den Personentransport empfiehlt sich die von uns getestete Langversion. Vier sitzen prima, fünf passen offiziell rein. Die Sitzposition ist auf allen Plätzen ziemlich aufrecht, die Verstellmöglichkeiten für lange Fahrer-Beine etwas zu kurz. Dennoch hockt der Pilot entspannter als im Defender. Die Materialanmutung im Innenraum entspricht dem Niveau eines Transporters. Nicht weniger, aber keinesfalls mehr. Interessiert das hier jemanden?
Die Bedienung gibt keine Rätsel auf. Aber dennoch muss der Fahrer im Massif wissen, was er tut. Denn im Normalfall werden lediglich die Hinterräder angetrieben. Das kommt dem Fahr- und Geräuschkomfort genauso zugute wie dem Verbrauch. So kann die Vorderachse durch manuellem Dreh an der Radnabe zusätzlich entkoppelt werden und frei laufen. Der Allradantrieb wird nur bei Bedarf über den kleinen Wahlhebel neben dem Schaltknauf zugeschaltet, gleichzeitig wird die Längssperre aktiviert. Eine Untersetzung ist ebenfalls vorhanden und auf Knopfdruck wird sogar die Hinterachse zu 100 Prozent gesperrt.
Somit sind fast alle Notwendigkeiten für perfektes 4x4-Fahren gegeben. Lediglich eine Sperre an der Vorderachse fehlt, doch bis diese benötigt wird, geben rund 99 Prozent der Fahrer längst auf. So gehören auch die Wattiefe von einem halben Meter oder die Bodenfreiheit von 26 Zentimetern an der Vorderachse (Hinterachse nur 23,5 Zentimeter) zum Besten, was man von Serienfahrzeugen erwarten darf. 52 Grad Steigungswinkel gibt Iveco für den Massif an, vorausgesetzt der Geländegänger ist voll beladen. Apropos beladen: Ins Heck passt eine Euro-Palette die mindestens 725 Kilogramm wiegen darf (Langversion) und an die Anhängekupplung dürfen drei Tonnen Last. Das ist, gemessen an Fahrzeuggewicht und Leistung, zwar nicht viel, sollte in den meisten Fällen jedoch ausreichen.
Technische Daten |
| Marke und Modell | Iveco Massif 3.0 HPT | ||||
| Ausstattungsvariante | Avventura Langversion | ||||
| Abmessung und Gewicht | |||||
| Länge/Breite/Höhe (mm) | 4.720/ 1.852/ 2.050 | ||||
| Radstand (mm) | 2.768 | ||||
| Wendekreis (m) | 14,5 | ||||
| Leergewicht (kg) | ab 2.140 | ||||
| Kofferraum (Liter) | riesig | ||||
| Bereifung Testwagen | 235/85 R16 Cooper Dsicover AT | ||||
| Motor | |||||
| Hubraum (ccm) / Zylinder (Zahl, Bauart) | 2.998 / 4, Reihe | ||||
| Leistung in kW (PS) | 130 (176) | ||||
| Drehmoment (Nm) / Umdrehungen | 400 zwischen 1.250 -3.000 | ||||
| Antriebsart | Heck/Allrad | ||||
| Getriebeart | 6-Gang-Handschalter | ||||
| Verbrauch | |||||
| Krafstoffart | Diesel | ||||
| Kombiniert laut Werk (l/100km) | 11,1 | ||||
| CO2-Emissionen (g/km) | 294 / Euro 4 | ||||
| AS24-Verbrauch (l/100km) | 11,3 | ||||
| Fahrleistungen | |||||
| Werksangabe 0-100km/h (s) | Interessiert nicht | ||||
| AS24-Sprint 0-100km/h (s) | Haben wir nicht gemessen | ||||
| AS24-Bremstest 100-0km/h (m) | Auch hier keine Mesung | ||||
| AS24-Höchstgeschwindigkeit (km/h) | Hier schon: 165 | ||||
| Preise | |||||
| ab (Euro) | 39.980 | ||||
| Empfehlenswerte Extras | Anhängekupplung (ab 292 Euro), Zulassung als Pkw (369 Euro), Metallic-Lackierung (690 Euro) | ||||
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Ab 27.000 Euro
Der Preis für den kurzen Massif mit 146 PS (3.0 HPI) beginnt bei 27.190 Euro in der spartanischen aber ehrlichen Ausstattung Classico. Die Basis-Version bietet alles, was zum Geländefahren benötigt wird, aber eben nicht mehr. Mindestens 30.000 Euro werden für den Montagna fällig, der zusätzlich elektrische Fensterheber vorne, Klimaanlage, Radio und Schutzgitter vor den Scheinwerfern bietet. Eine Zentralverriegelung kostet aber auch hier noch 460 Euro. Dieses Komfortextra bietet die Topversion Avventura, die es ab gut 34.000 Euro gibt. Zusätzlich bietet die „Luxus-Version“ Ledersitze und Lederlenkrad, Teppichboden, und beispielsweise Aluminiumfelgen. Damit liegt der Iveco Massif in etwa auf dem Niveau des Land Rover Defenders, bietet aber das exklusivere Gesamtpaket, einen deutlich angenehmeren Motor und abseits befestigter Strecken eine vergleichbare Off-Road-Kompetenz.
Fazit
Der Iveco Massif ist ein absoluter Sonderfall im Automobilbau und vielleicht der exklusivste Neuwagen für rund 30.000 Euro. Rund 120 Menschen entscheiden sich in Deutschland pro Jahr äußerst bewusst für den groben Ibero-Italiener. Gratulation! Denn wer meint, einen solchen Geländewagen fahren zu müssen, tut das nicht ohne Grund. Er ist ein Geländewagen vom alten Schlag und macht daraus keinen Hehl. ESP, Airbags und Hightech sucht man vergebens, dafür bekommt man einen vermeintlich immerhaltbaren Geländewagen, der einem nichts krumm nimmt. Aufgrund seines starken Dieselmotors, der einen Inspektionsintervall von 40.000 Kilometern bietet und einem akzeptablen Komfortniveau ist er auch auf Langstrecken einsetzbar.
Übrigens: 432 Iveco Stützpunkte gibt es derzeit in Deutschland, 2.900 in Europa und 4.650 weltweit – weitere Argumente die für den Massiv sprechen, denn Land Rover-Partner gibt es in Deutschland nur rund 100.
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10.02.2012
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