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Galerie: Test Lancia Thema 3.0 V6 D

Test: Lancia Thema 3.0 V6 D

Abgründige Dekadenz

14.12.2012

Gerüchte über ihr Ende gehören ebenso wie die extravagant und luxuriös angehauchten Modelle zur Marke Lancia. Diese Dekadenz am Abgrund hat den Mythos, der Lancia aus Sicht vieler Autofreunde umweht, mitbegründet. Und genau dafür steht auch der neue Thema, der zwar einige der traditionelle Markenwerte auszuhölen scheint, aber doch diesen maroden Charme von Lancia kongenial und in faszinierender Weise fortführt.

Und das mit einem Auto, welches durchaus in die ewigen Jagdgründe hätte eingehen dürfen, angesichts der klammen Kassen bei Chrysler aber noch eine ausgedehnte Nachspielzeit vor sich hat - in Europa allerdings nicht mehr als 300, sondern unter besagtem Lancia-Label als ebenfalls eigentlich schon totgesagter Thema, der den ach so herrlichen wie erfolglosen Thesis beerbt.

Galerie: Test Lancia Thema 3.0 V6 DThesis-Fans sehen in der 300-Nachfolge einen schlechten Scherz, denn statt filigraner Design-Verspieltheit und Avantgarde verkörpert er klobiges Ami-Flair und unzeitgemäße Außenabmessungen. Doch ganz so schlimm ist es gar nicht mehr, denn obwohl der Thema mit über fünf Metern Länge und 1,90 Meter Breite selbst noch viele Oberklasse-Modelle überragt, trägt das Trumm mittlerweile ein von Leichtigkeit geprägtes Blechkleid. Die schicken Scheinwerfer mit auffälliger LED-Grafik, die feinen Lichtkanten, die ihm angenehme Eleganz in die Flanke zaubern, oder der im Kofferraum-Deckel integrierte Heckspoiler – der einst traurig-plumpe Retro-Look des zwischen 2004 und 2011 gebauten 300C wurde deutlich entschärft.

Ob der neue und reizvollere Look des Themas allerdings so wirklich nahtlos an die Wertewelt der Marke Lancia anknüpfen kann, sei dahingestellt. Immerhin ist der Thema eine wohltuende Ausnahmeerscheinung, die der Sucht nach Geltung und Individualität seines Besitzers eine angemessene Bühne bieten und so gesehen auch das Wesen eines Lancias verkörpern kann.

Platz satt

Galerie: Test Lancia Thema 3.0 V6 DAuch der Innenraum bietet zwar ein auf den amerikanischen Geschmack hin ausgelegtes Ensemble, welches allerdings ebenfalls einen Hauch europäischer Gediegenheit transportiert. Vor allem aber bietet er Platz satt, egal ob vorne oder hinten oder beim Stauraum für Gepäck: Die schiere Fahrzeuggröße ermöglicht ein Raumangebot auf Oberklasse-Niveau. Und auch das Flair vermittelt den Insassen das Gefühl, in einem luxuriösen Gefährt zu weilen. Ob nun das angenehm weiche Nappaleder der Sitze, die großflächige Vertäfelung der Mittelkonsole mit offenporigem Holz oder die Sisal-Fußmatten – zwar präsentiert sich hier nicht mehr der schwülstige Materialmix früherer Lancia-Modelle, aber wohlfühlen kann man sich allemal, zumal die Verarbeitung stimmt. Mehr noch: Sie wirkt sogar besser als man es eigentlich von der italienischen Marke gewohnt ist. An feines Oberklasse-Niveau reicht das allerdings nicht heran.

Dennoch bietet die Ausstattung einige feudale Höhepunkte. Knapp über 50.000 Euro kostet die von uns getestete Top-Version Executive, die dann keinerlei Möglichkeiten zur Individualisierung mehr bietet und auch nicht bieten muss, denn vermissen wird man hier nichts mehr. So verfügt das Infotainment-System mit großem Touchscreen über ein Garmin-Navigationssystem, die elektrisch einstellbaren Ledersitze lassen sich ebenso wie die Getränkehalter beheizen und klimatisieren, das Sonnenschutzrollo der Heckscheibe fährt auf Knopfdruck rauf- und runter und das mit Beschallungselementen reichlich gesegnete Audio-System von Alpine liefert eindrucksvolle Klangwelten.

Praktische Helferlein Serie

Galerie: Test Lancia Thema 3.0 V6 DNeben diesen eher dem Komfort zuträglichen Details gibt es gleich noch eine Reihe moderner Assistenzsysteme: Eine automatische Fernlichtregelung, Regensensor, Tot-Winkel-Warner, Abstandstempomat, automatisch abblendender Rückspiegel – die wichtigsten Helferlein sind bereits an Bord und erleichtern vor allem auf langen Strecken das Autofahren.

Faszinierend: Trotz der erstaunlichen Funktionsvielfalt präsentiert sich der Arbeitsplatz des Thema in einzigartig aufgeräumter Weise. Zu verdanken ist dieser Umstand dem großen Touchscreen, über den sich, ganz modern, viele Funktionen steuern lassen. Ob nun wohlige Wärme oder eine Schweiß absorbierende Belüftung – auch das Sitzklima regelt man via Bildschirm.

Bulliger V6-Diesel

Will der Fahrer in den Thema einsteigen, darf er den Signalgeber in der Tasche behalten, die Entriegelung erfolgt automatisch, während der Motor per Startknopf zum Leben erweckt wird. Sonor brummelt da ein potenter V6-Diesel mit drei Litern Hubraum vor sich hin, der gut abgekapselt die Insassen aber keinesfalls akustisch bedrängt. Gekoppelt ist der stolze 239 PS und 550 Newtonmeter leistende Selbstzünder an eine klassische Wandler-Automatik, die ihre Schaltarbeit trotz der nur fünf Vorwärtsstufen souverän verrichtet.

Galerie: Test Lancia Thema 3.0 V6 DDer Gasbefehl wird prompt und vehement in Vortrieb umgesetzt, ohne nervige Antriebseinflüsse auf die Lenkung, denn beim Thema handelt es sich um einen Hecktriebler, der mit viel Traktion angenehm neutral und durchaus zügig nach vorne schiebt. 7,8 Sekunden braucht der Zweitonner für den Standardsprint und die maximal 232 km/h erreicht der pseudo-italienische Riese problemlos. Erstaunlich: Trotz der wenig aerodynamisch wirkenden Karosserie ist das Geräuschniveau selbst bei gehobenem Autobahntempo niedrig und die Straßenlage angenehm ruhig. Zugegeben, eine S-Klasse oder ein 7er wirken jenseits der 200 km/h eine Spur gelassener, dennoch kommt das Fahrverhalten dem Oberklasse-Niveau nahe.

Trotz der veralteten Fünf-Gang-Automatik, der wuchtigen Karosserie und den 20-Zoll-Rädern bleibt der Spritkonsum des Schwergewichts in einem vertretbaren Rahmen. Knapp über sieben Liter lautet der Normverbrauchswert, den wir bei ruhiger Fahrweise um einen Liter nach oben getrieben haben und der bei flott gefahrenen Etappen auf der Autobahn um die neun Liter pendelte. Zum Vergleich: Ein BMW 730d, der recht ähnliche Fahrleistungen bietet, kommt mit etwa einem Liter weniger Sprit auf 100 Kilometer aus.

Doch der Lancia Thema überzeugt nicht nur auf der Autobahn als flotter Gleiter mit Komfortmanieren und Spurtreue, er kann auch auf kurvigen Landstraßen ein spaßbetontes Fahren ermöglichen. Unser Exemplar verfügt in Kombination mit den Riesenrädern über ein dazugehöriges Sportfahrwerk, welches zwar straff, doch keineswegs zu hart die Unbilden der Straßen kommentiert. Angenehm wankfrei und mit einer zudem feinen elektrohydraulischen Lenkung lässt sich der Thema erfreulich zackig durch Kurven dirigieren. Zu eng sollten diese allerdings nicht verlaufen, denn das Lancia-Flaggschiff ist alles andere als wendig und entsprechend auch in der Stadt in vielen Situation unangenehm groß.

Erstaunlich günstig

Galerie: Test Lancia Thema 3.0 V6 DAngesichts der Größe ist der Preis hingegen klein. Haben kann man den mächtigen Lancia mit V6-Diesel in der ausbaufähigen Basisausstattung Gold bereits ab 41.400 Euro. Maximal lassen sich 50.900 Euro für die vollausgestattete Top-Version Platinum ausgeben, bei der lediglich ein 950 Euro teurer Metallic-Lack als Option noch obendrauf kommen kann. Damit ist der Thema ein echtes Schnäppchen, zumindest wenn man ihn in Relation zu anderen Oberklasse-Modellen setzt, für die man mit etwa gleicher Motorisierung und Ausstattung 30.000 - 40.000 Euro mehr bezahlen müsste.

Fraglich ist allerdings, ob man den Thema auch wirklich als Oberklasse-Vertreter einordnen kann. Außenabmessungen, Platzangebot – hier erreicht der Lancia das Niveau von S-Klasse, A8 oder Phaeton. Doch hinkt der Thema in Hinblick auf die Qualität den Spitzenprodukten deutscher Hersteller hinterher und außerdem baut er auf einer alten, modifizierten E-Klasse-Plattform auf, was ebenfalls dafür sprechen würde, den Thema als Vertreter der Oberen Mittelklasse zu deklarieren. Doch selbst ein Segment tiefer darf sich der Lancia Thema eines durchaus attraktiven Preisniveaus rühmen.

 
Fazit

Mario Hommen

Jünger der reinen Lancia-Lehre könnten vom neuen Thema enttäuscht sein, denn einige Werte der italienischen Kultmarke  transportiert die mächtige Limousine nur eingeschränkt. Einerseits. Andererseits kommt der Thema ohne größere Schwächen aus, ist keine kapriziöse und extravagante Diva als vielmehr ein gefälliger Luxus-Riese. Die üblichen Leiden eines Lancia-Fahrers dürften beim Thema eher geringer ausfallen.

Besonders hervortun kann sich Lancias neues Flaggschiff mit einem üppigen Platzangebot, dem extrem aufgeräumten und bedienungsfreundlichen Arbeitsplatz, durchweg guten Fahreigenschaften und einem kraftvollen Dieselantrieb, der die Souveränitäts-Aura der Karosserie auch in entsprechende Fahrleistungen umsetzen kann, trotz der nur fünf Vorwärtsstufen.

Das Spektakulärste ist allerdings sein Preis. Zumindest wenn man diesen mit anderen Oberklasse-Vertretern in Relation setzt, ist der Pseudo-Italiener ein um viele zehntausend Euro günstigeres Angebot. Selbst noch im Feld der Oberen Mittelklasse kann er sich als preisliche Alternative zu den Modellen deutscher Premium-Hersteller empfehlen.

Ob Lancia mit dem durchaus interessanten Thema allerdings größeren Zuspruch bei Käufern finden wird, ist fraglich. Eigentlich könnte es für die Kultmarke wieder nach oben gehen, doch Lancia wird wohl weiterhin eine am Abgrund darbende Marke bleiben, die mit eigentümlich dekadenten Autos wohl weiterhin nur einige Individualisten ansprechen wird. Schade.
 
 

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