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Galerie: Test Nissan GT-R

Test: Nissan GT-R

Böses Spielzeug

09.08.2012

Millionen sind schon mit ihm über die berühmtesten Rennstrecken der Welt geheizt, doch gesehen haben ihn bislang wohl nur die wenigsten: Der Nissan GT-R, Held des Playstation-Klassiker "Gran Tourismo" und exkusiver Supersportwagen aus Japan.

Gerade mal 119 GT-Rs hat Nissan seit Anfang des Jahres 2012 in Deutschland verkauft. Damit liegt der Japaner in der Exklusivitätsstatistik zwar hinter Lamborghini, aber deutlich vor Bentley, Ferrari oder Lada; der ewige Kassenschlager VW Golf fand im gleichen Zeitraum gar 147.000 neue Fahrer. Der Nissan ist also selten genug, um selbst den von teuren Autos verwöhnten Münchnern den Kopf zu verdrehen; dass er außerhalb der Stadttore mit seinem fiesen Vesperbrett auf dem Heckdeckel der Hingucker schlecht hin ist, ist eh klar.  

Anders als andere

Galerie: Test Nissan GT-RWuchtig, selbstbewusst und ganz anders als ein klassischer Sportwagen steht der GT-R auf dem Asphalt, der alsbald unter seinen 20-Zoll-Rädern dahin schmelzen wird. Einerseits protzt das japanische Hochgeschwindigkeits-Coupé nicht so mit seinen PS-Muskeln wie Lamborghini und Co., andererseits erahnt der Kenner auf den ersten Blick, dass der Wagen an die Grenzen fährt - mühelos und ohne Rücksicht auf Verluste. Muskulöse Radhäuser vorne, die tiefe Frontschürze mit weit aufgerissenem Kühlergrill und der besagte Heckflügel deuten die Kraft an.   

Die wenigen Glücklichen, die den Playstation-Joystick gegen das griffige Lenkrad des GT-R tauschen können, dürften im ersten Moment allerdings stutzig werden. Diese klapprige Reisschüssel soll knapp 100.000 Euro kosten? Im Innenraum dominiert günstiges, durchschnittlich verarbeitetes Plastik; von der Edel-Atmosphäre eines Audi R8 oder Mercedes-Benz SLS AMG ist der Nissan soweit entfernt, wie Japan von Deutschland. Aufbessern können den ersten Eindruck die perfekten Sportsitze, die zwar eng geschnitten sind, aber schon im Stand erahnen lassen, dass sie ihre Besetzer fest im Griff haben. Und die elektrische Mehrwege-Verstellung mit nur einem einzigen, in viele Richtungen verschiebbaren Drehknauf zu ermöglichen, ist fast schon vorbildlich.

Klappern und Knarzen

Der ernüchternde erste Eindruck weicht auf den ersten Metern der Frage, ob der GT-R vielleicht kaputt sei. Nach dem Start per Tastendruck auf den roten Knopf am Mitteltunnel dringen jaulende Geräusche aus dem Motorraum ans Fahrerohr, die nicht als typischer Sportwagenklang einzustufen sind. Das an im Heck nach Transaxle-bauweise montierte Doppelkupplungsgetriebe quittiert das Schalten in den D-Modus mit einem metallischen Klappern und klappert auch beim Gangwechsel munter vor sich hin; das Knarzen und Quietschen beim Rollen über leichte Unebenheiten ist das am wenigsten beunruhigende.

Beruhigung bringt ein Blick auf den Beipackzettel, den Nissan vorsorglich, jedwede Bedenken richtig augurierend, ins Handschuhfachgesteckt hat. "Es ist für Sie als Fahrer wichtig, ein Verständnis für die Besonderheiten des Nissan GT-R bezüglich der Geräuschentwicklung zu gewinnen," steht da geschrieben, und weiter:  "Sie werden metallische Getriebegeräusche hören, besonders bei langsamer Fahrt. Dies ist völlig normal." Die Frage, ob diese Geräusche denn sein müssen, oder ob man den GT-R hätte auch besser Dämmen können, bleibt zwar weiterhin offen, die Sorge jedoch, dass der Wagen sogleich in seine Einzelteile zerfällt, ist damit vom Tisch.

Sound-Maschine

Galerie: Test Nissan GT-RSpätestens wenn man den Nissan zum ersten Mal außerhalb der tempolimitierenden Stadtgrenzen bewegt, fällt einem die Lösung der Geräuschproblematik wie Schuppen von den Augen: Schneller fahren. Dann nämlich wird der GT-R zur kräftig bollernden Sound-Maschine, die ihren fulminanten Klang über vier kinderarmdicke Endrohre in die Freiheit entlässt - und alle Störgeräusche übertönt.

Schnellfahren, das ist die Paradedisziplin des 1,8 Tonnen schweren Viersitzers. Dabei liest sich der Antrieb zunächst ganz harmlos: ein 3,8-Liter-V6. Sicher, das ist nicht wenig Hubraum, aber genügt es, um V8-, Zehnzylinder- oder V12-Boliden das Wasser zu reichen? Klare Antwort: Ja! Nissans Ingenieure entlocken dem doppelt turbogeladenen Aggregat mittlerweile 550 PS und bei 3.200 Umdrehungen entwickelt das Triebwerk 632 Newtonmeter Drehmoment.  

Bei Bedarf Allradantrieb

Galerie: Test Nissan GT-RDie Kraft fällt bei guter Traktion komplett über die Hinterräder her, die versuchen, sie mittels 285er Reifen möglichst verlustfrei auf die Straße zu bringen und in Vorwärtsdrang umzuwandeln. Reichen die beiden Gummiflächen dafür nicht aus, gehen in Windeseile bis zu 50 Prozent des Moments an die Vorderräder. Das ist genügend, um jederzeit besten Grip herzustellen und zu wenig, um störende Einflüsse auf die Lenkung zu spüren.

Die nackten Zahlen allein vermögen nicht zu beschreiben, was passiert, wenn man das Gaspedal beherzt bis zum Metall durchdrückt. Der Nissan GT-R definiert das Wort "unverzüglich" neu, er setzt ohne zu Überlegen zum Sprint an. Als hätte man den Seilzug eines Katapults entriegelt, schnellt der Sprinter nach vorne und lässt die Passagiere spüren, was Newton mit der Trägheit der Masse meinte. Wären die Lehnen der Vordersitze nicht so stabil, würde man Fahrer- und Beifahrer auf den Rücksitzen - auf denen sonst ohnehin niemand Platznehmen kann - wiederfinden, oder im Kofferraum.   

Unter drei Sekunden

Galerie: Test Nissan GT-RDie Tachonadel überschreitet die 100-km/h-Marke schneller als man bis drei Zählen kann. Nach unglaublich kurzweiligen 2,8 Sekunden fällt diese magische Grenze, das entspricht annähernd der Beschleunigung im freien Fall. Damit stößt der GT-R in Sphären vor, die nur wenige andere Autos erreichen. Der Bugatti Veyron zum Beispiel, der mit einer Sprintzeit von 2,5 Sekunden aufwartet; ein Bentley Continental braucht dagegen 3,9 Sekunden, der Audi R8 GT 3,6 und ein Porsche 911 GT2 immer noch dreieinhalb. Dass sie allesamt den Nissan trotzdem Überholen, liegt an der Höchstgeschwindigkeit von "nur" 315 km/h, die die anderen mehr oder weniger locker übertreffen. Daran hat vor allem das Getriebe schuld, dass mit nur sechs Gängen auskommen muss – eine siebte Übersetzungsstufe ist zwar in Arbeit, bis sie kommt, wird es aber noch ein wenig dauern.

Es braucht nicht erst den Blick auf die von Polyphony Digital, den Machern des Playstation-Spiels, entworfenen, frei justierbaren Digital-Anzeigen, die den Fahrer über Öldruck, Ladedruck, G-Kräfte beim Beschleunigen Bremsen und seitwärts und zahlreiche weitere Kenndaten informieren, um zu begreifen: der Nissan GT-R ist ein böses Spielzeug. Wer in der Stadt auch nur einmal ein wenig unaufmerksam ist und ein kleines bisschen zu stark aufs Gaspedal drückt, macht entweder mit dem Vorderman Bekanntschaft - oder mit den Ordnungshütern. Mit ausreichend Fußspitzengefühl dagegen lässt sich die Kraft erstaunlich feinfühlig dosieren und der Nissan erweckt den Eindruck, handzahm zu sein.

Perfekte Präzision

Galerie: Test Nissan GT-RKeinsfalls zahm, aber äußert präzise, präsentiert sich der Über-Nissan in kurvigem Geläuf. Auch hier spielt der Allradantrieb seinen Trumpf aus, und im richtigen Moment schickt der Computer ausreichend Kraft nach vorne, damit der GT-R beim Herausbeschleunigen aus der Kurve der vorgegeben Linie nahezu ohne Abweichung folgt; den Rest erledigt das ESP. Wer mehr Drift zulassen will, kann den Stabilisator per Kippschalter in einen Sportmodus versetzen; außerdem lassen sich  Schaltvorgänge und Fahrwerk straffen. Während das Getriebe dann ruckartig und mit größtmöglicher Perfektion mit den Gängen jongliert, bietet selbst der auf Hart getrimmte GT-R noch überraschend viel Federungskomfort.

Und nicht nur das: Auch wenn der Nissan ein roher, mitunter ungehobelter Sportwagen ist, ist er kein nacktes, puristisches Rennauto: In den Kofferraum passen auch zwei Reisetaschen, und Klimaautomatik, Sitzheizung, Navigationssystem sowie eine hervorragende Bose-Anlage, die mit ihrem brilliantem Klang aus elf Lautsprechern den bedrohlich röhrenden Motorklang übertrifft, sind Standard; wem der Heckflügel beim Einparken die Sicht nimmt, der kann auch Parksensoren ordern - die einzige Sonderausstattung.

Schnäppchenpreis

Galerie: Test Nissan GT-RAlles andere ist im Preis von nur 92.400 Euro dabei. Was zunächst nicht wie ein ausgesprochenes Schnäppchen erscheint, relativiert sich schnell beim Blick in die Preislisten der Mitbewerber. 550 PS findet man sonst eher zum doppelten Preis, plus einer langen Liste an gesondert zu bezahlender Extras. In Anbetracht dieser Ersparnis, kann man auch die Tankrechnung mit einem Lächeln begleichen.

Zwar soll sich der Nissan laut Herstellerangabe nur 11,8 Liter pro 100 Kilometer nehmen, vornehmlich feines SuperPlus. Doch haben die Japaner augenscheinlich vergessen, ihm dass mitzuteilen und wundert man sich doch, wie beim genormten EU-Test dieses Ergebnis zustande kam. In der Praxis darf sich glücklich schätzen, wer den Wagen mit unter zwanzig Litern fährt; auch dreißig sind ohne Mühe machbar.  

 
Fazit

Michael Gebhardt

Mit den GT-R bringt Nissan Playstation-Feeling auf die Straße. Der Held der digitalen Rennsimulation ist in Wirklichkeit ein Meister der Extreme: In nicht einmal drei Sekunden wird aus dem klapprig anmutenden Coupé, das komische Geräusche von sich gibt, ein Hochleistungssportler mit herzereisendem Sound, der auf der Straße klebt und seinen Fahrer in einen Geschwindigkeitsrausch sonders gleichen versetzt.  

Das Beste: Anders als viele Sportwagen hat Nissan dem GT-R bei aller Brachialität eine Rest Komfort bewahrt. Die Sportsitze sind langstreckentauglich, das Soundsystem vorbildlich und der Kofferraum ist mehr als eine kleine Ablage. Und verglichen mit anderen 550-PS-Rennern ist der Japaner für unter 100.000 Euro ein echtes Schnäppchen.
 
 

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